Am Anfang war ein Irrtum – ein ungeheurer Zukunftsirrtum, groß und grell genug, um meine ganze damalige, gerade erst vier Jahre alte Welt zu erschüttern! Ich saß mit meinen Eltern und mit meiner Oma vor dem großmütterlichen Fernseher, dem bislang einzigen derartigen Gerät der Familie, und der Mann im gewölbten Glas, der Herr in Anzug und Krawatte las, ohne mit der Wimper zu zucken, von einem seiner Blätter ab, dass morgen im Laufe des Tages der Krieg beginnen werde.
Schon gab es – das Fernsehen vermochte dergleichen! – einen Himmel voller Flugzeuge als erstes Voraus-Bild dieser Katastrophe in überzeugend schrecklichem Schwarz-Weiß zu sehen. Noch mehr als das träge Fallen zahlloser Bomben beeindruckte mich der Gleichmut der mich umgebenden Erwachsenen: Kein Sterbenswörtchen verloren sie über das, was uns schon für den kommenden Tag ins Haus stand. Und instinktiv innig glaubte ich zu begreifen, dass ich nun zu einer vergleichbaren Tapferkeit verpflichtet war: Wenn das Fernsehen den Krieg verhieß, gehörte es sich für einen wackeren Knaben, hierzu keine überflüssigen Fragen zu stellen!
Es kann nur die Tagesschau gewesen sein; denn eine andere Nachrichtensendung gab es damals noch nicht. Auf die Prophezeiung der Katastrophe folgte Schi-Springen. Ein helmloser Sportsmann, den allein Brille und Stirnband gegen eisiges Schneetreiben schützten, flog von einer kühn geschwungenen Schanze. An den sich sicherlich anschließenden Wetterbericht und dessen Vorhersagen kann ich mich hingegen überhaupt nicht mehr, weder in Wort noch Bild, erinnern.
Ich durfte bei meiner Oma übernachten. Ich schlief neben ihr im Doppelbett. Über uns wachte ein segnender Jesus, den ein hobbymalender Onkel, der erste Kunstschaffende, den ich kennenlernen durfte, täuschend naturgetreu in Öl gebannt hatte. Vermutlich träumte ich heftig vom anstehenden Krieg. Am Morgen durfte ich meiner Großmutter beim Kuchenbacken helfen. Und erst als wir die mittägliche Suppe aßen, wagte ich, sie und ihre großartige Gelassenheit darauf hinzuweisen, dass es vielleicht allmählich an der Zeit wäre, einen sicheren Keller, am besten einen Luftschutzbunker aufzusuchen. Denn lange könnten die feindlichen Flugzeuge, wo immer sie auch herkämen, doch nicht mehr brauchen.
Ich weiß nicht, was mir meine Mutter oder mein Vater darauf erwidert hätten. Und meine Fantasie reicht nicht aus, um mir vorzustellen, ich säße selbst vor dem Suppenteller meiner Oma und hätte einen derartigen Zukunftsirrtum aus der Welt zu schaffen. In den kommenden Jahren und über den Tod meiner Großmutter hinaus wurde erzählt, sie habe keine Energie darauf verschwendet, den Wortlaut des von mir Vernommenen zu bestreiten. Und ebenso wenig sei mir die Begrenztheit meines vierjährigen Verständnisvermögens vorgehalten worden.
Zwischen zweimal Löffel-Leerschlürfen habe mir meine Oma lediglich Folgendes mitgeteilt: Ihr, die gleich zwei derartig katastrophale Großveranstaltungen hinter sich habe, sage das Gefühl, ihr Gefühl für die Zukunft, dass ich nichts annähernd Schlimmes erleben werden müsse. Dies genügte, und es genügt noch. Für sicher, ja für absolut bombensicher halte ich weiterhin dieses Zukunftsgefühl – selbst wenn sich im angebrochenen Jahr die allerneusten Matt-, Klar- oder Buntscheiben ganz ungeheuer große Mühe geben sollten, mich an die baldige Hereinkunft irgendeiner mehr oder minder katastrophalen Zukunft zu erinnern.