Leipziger Nachlese

Der Scheck Russell

25. März 2010
Redaktion Börsenblatt
Rainer Moritz über Professoren-Proteste, Finnland, Gedächtnisschwund, Hunde, Kritiker, Angst und andere prägende Messe-Eindrücke.

Da sitzt man im ICE, der einen wieder Richtung Heimat bringt, blickt übermüdet-melancholisch in die Welt und versucht zu resümieren, was die Leipziger Messe an Unvergesslichem beschert hat. Jene sympathische Frau beispielsweise, die mich vor dem Hauptbahnhof ansprach, von – wenn ich mich recht entsinne – einer großartigen gemeinsamen Veranstaltung im Kreis Appenrade schwärmte und es dennoch nicht fertigbrachte, irgendeine Erinnerung meinerseits an diese großartige gemeinsame Veranstaltung im Kreis Appenrade zu wecken. Ich nickte ihr freundlich zu, stieg in die Straßenbahn und beklagte meinen Gedächtnisschwund.

Oder sind es nicht einzelne Slogans und Buchtitel, die mich auf einer Messe besonders beeindrucken? So wie die Werbung des den Arzt- und Heimatheftchenroman unverdrossen hochhaltenden Martin Kelter Verlags, der die Besucher mit dem kaum zu widerlegenden Satz "Gefühle kann man lesen" anlockt und mich sofort an Andrea Bergs Erfolgsschlager "Die Gefühle haben Schweigepflicht" denken lässt. Nicht minder zieht mich das Sachbuch "Der Gedanke lenkt den Körper" in seinen Bann, zumal es mir bislang eher so schien, als würde mein ermatteter Körper den Strom meiner Gedanken steuern. Ganz zu schweigen von den Safer-Abi-Tüten, die dem honorigen Reclam Verlag geharnischte Proteste von noch honorigeren Professoren einbrachten.

Manchmal bleiben von einer Messe auch nur einzelne Gesprächsfetzen zurück, Dialogteile, die sich ungeachtet ihrer Bedeutsamkeit im Kopf festsetzen. Während mir die von der Juryvorsitzenden Verena Auffermann geäußerte Einschätzung, dass die "Angst vor der Zukunft in unserer Bücherwelt" für den Aufruhr um Roadkill-Autorin Hegemann verantwortlich sei, nicht recht einleuchtet, pflichte ich Alfred-Kerr-Preisträger Hubert Winkels sofort bei, der, als wir beim Rotwein über die Attraktionen Finnlands plauderten, wieder einmal ästhetische Maßstäbe setzte: "Ich ertrage Saunas nur in heraus­ragenden landschaftlichen Situa­tionen."

Klarheit über meinen stärksten Messeeindruck gewann ich indes erst, als mein Zug den Hamburger Hauptbahnhof fast schon erreicht hatte und ich an Winkels’ Kollegen Denis Scheck dachte. Wie schön war es diesem von manchen so gefürchteten Kritiker zuzuhören, wie er von seinem frisch angeschafften Jack Russell erzählte, einem eleganten Terrier, der am Samstag sogar die Messe besuchen durfte und auf den Namen Stups hört. Hier endlich, in solch bewegenden Momenten des Einklangs zwischen Mensch und Tier, verflogen alle Gedanken an erhitzte Debatten über elektronische Reader, Kürzungen im Kulturetat oder Plagiatsmut­maßungen.

Hier endlich trennte sich die Spreu vom Weizen, und wenn man in Beschreibungen des Jack Russells aus dem 19. Jahrhundert nachliest, erkennt man, dass der Kauf eines Hundes viel über den Käufer, in diesen Fall: den Kritiker, preisgibt: "Die Beine sind pfeilgerade, die Pfoten perfekt. Die Lenden und die Gestalt des ganzen Rahmens weisen auf Unerschrockenheit und Ausdauer hin." Sind das nicht die Tugenden, die die Akteure des Buchmarkts auszeichnen sollten? Unerschrockenheit und Ausdauer … genau … damit werde ich auch die kommenden Monate bis zur Frankfurter Messe überstehen.