Interview mit Frankfurts OB Peter Feldmann

Zur Buchmesse einen Tag schulfrei

16. Juli 2015
Redaktion Börsenblatt
Beim Stadtentscheid Frankfurt-West des Vorlesewettbewerbs war Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann zu Gast im Haus des Buches - Anlass für ein Gespräch über Leseförderung, eigene Lesevorlieben, die Rolle als vorlesender Vater und Frankfurts Image als Buchstadt.

Beim Vorlesewettbewerb sieht man, wie viele Emotionen die Sechstklässler den Büchern entgegenbringen. Für wie wichtig halten Sie die Leseförderung, um dem Nachwuchs Spaß an Sprache und Literatur zu vermitteln?Sie ist zentral, denn sie hat etwas mit Teilhabe zu tun: Wer in Texten nicht die Sinnzusammenhänge erfasst, hat ein Informationsdefizit und wird auch ausgegrenzt. Lesenkönnen ist gekoppelt mit Durchsetzungsvermögen, mit Selbstbewusstsein, es ermöglicht den Sprung nach oben.

Sehen Sie E-Books als Möglichkeit, wieder neuen Zugang zu Büchern zu finden?Nur eingeschränkt. Sicherlich kann man Tausende von Seiten in einem E-Reader unterbringen, aber das Gerät ersetzt nicht die Sinnlichkeit, die von Papier ausgeht. Und gerade bei Kindern spielen die großformatigen farbigen Bilder und das Umdrehen der Seiten doch eine große Rolle.

Welche Beziehung hatten Sie in Ihrer Kindheit zu Büchern? Erinnern Sie sich an Lieblingsbücher oder -autoren?„Huckleberry Finn" von Mark Twain und „Oliver Twist" von Charles Dickens habe ich sehr gemocht, man erlebt als Leser die Cleverness der Helden, die gegen Ungerechtigkeiten revoltieren, und das Elend der Jungen so hautnah mit, als wäre man dabei. Ähnlich ist es mir bei Stefan Zweigs Miniaturen „Sternstunden der Menschheit" gegangen: Da spürt man förmlich die Vergeblichkeit des Generals Grouchy, zu Napoleon zu kommen - Zweig erzeugt Bilder im Kopf, die viel stärker haften bleiben als im Zelluloid, finde ich.

Was kann Politik, was können Schulen tun, damit trotz unterschiedlicher Voraussetzungen Kinder den Weg zum Lesen finden?Wir müssen allen Kindern unsere Unterstützung bei ihrer Entwicklung sichern. Dazu gehören Veranstaltungen wie der Vorlesewettbewerb in den Schulklassen ebenso dazu wie dass man im Unterricht regelmäßig verdeutlicht, wie wesentlich Lesen für das gesamte Leben ist. Sie müssen ein Gefühl bekommen, dass sie unmittelbar von der Lesefähigkeit profitieren können und sich damit komplexe Sachverhalte erschließen können. Das muss an ihre persönliche Situation gekoppelt sein. Auch die Eltern zu erreichen ist wichtig, die meisten wollen ja, dass es ihren Kindern besser geht und sehen Bücher als einen Baustein zum Erfolg. Dass gerade das Jugendbuch boomt, ist in meinen Augen kein Zufall.

Es heißt, Sie hätten die Idee, während der Frankfurter Buchmesse das Thema Bücher für Kinder und Jugendliche der Stadt attraktiver zu machen?Es ist eine zweistufige Idee: Zunächst würde ich den eingeschränkten Kreis der Besucher gerne mehr öffnen für den Nachwuchs, dass sie auf der Buchmesse erfahren, was für ein großes Angebot an Büchern es für sie gibt. Da würde ich mit der Schuldezernentin überlegen, wie man vorgehen kann, was man konkretisieren könnte. In einem zweiten Schritt könnte ich mir gut vorstellen, dass wir die Schulen überzeugen, den Klassen für einen Besuch auf der Buchmesse auch einen Tag schulfrei zu geben.

Wie wichtig ist das Image von Frankfurt als Buchstadt für die Wirtschaftsmetropole Frankfurt?Frankfurt als Buchstadt, das ist ein zentrales Image. Die Buchmesse ist unsere Traditionsveranstaltung, die Bilder von der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskirche gehen ja weit über Deutschland hinaus. Bücher gehören zu Frankfurt, sie sind, auch mit den hier ansässigen Verlagen, ein nicht zu vernachlässigender ökonomischer Faktor.

Finden Sie selbst noch Zeit zum Lesen?Wenn ich als OB Akten, Gesetze, Unterlagen lese, mache ich meine Anmerkungen - dahinter steht der Gedanke: Ich kann etwas verändern. Ich verbinde mit dem Lesen auch immer Gestalten. In der Freizeit kann ich beim Lesen dann in andere Welten abtauchen, und meiner Tochter lese ich gerne vor.

Profitieren Sie von der Rolle des Vorlesers?Davon profitieren wir beide, meine Tochter und ich, wir entspannen beim Lesen ganz automatisch. Verschiedene Stimmen zu machen, in die Fantasiewelten einzudringen, das macht Spaß. Wenn ich meine Tochter ins Bett bringe, dann genießen wir beide den Moment des Vorlesens. Im Augenblick lese ich „Der standhafte Zinnsoldat" von Hans Christian Andersen vor, es ist herrlich romantisch, wie in dem Märchen die Herzen der beiden verschmelzen. Beim Lesen entstehen Fragen, der Blick wird geschärft, beim „Froschkönig" etwa merken die Kinder, wie wichtig es ist, hinter die Fassaden zu schauen, wo dann in Wirklichkeit hinter dem Frosch ein junger Mann steckt.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Hartmut Soells Biografie von Helmut Schmidt.