Bericht von der re:publica

Sollen wir Buchmenschen da jetzt alle hin?

9.000 Teilnehmer aus 71 Ländern, über 1.000 Sprecher (davon 47 Prozent weiblich!) auf 20 Bühnen, 500 Stunden Programm: Die re:publica wird immer größer. Ist die Internet-Konferenz, die zum vierten Mal mit der Media Convention Berlin kooperiert, für die Buchbranche wichtig? Versuch einer Antwort. MALU SCHRADER

Anke Henkel (Carlsen), Mara Giese (buzzaldrins.de), Ramona Nicklaus, Ute Nöth (beide Carlsen), Monika Schubarth (Agentur Adibuma), Susanne Bühler (Diogenes), Frank Krings (Frankfurter Buchmesse)

Anke Henkel (Carlsen), Mara Giese (buzzaldrins.de), Ramona Nicklaus, Ute Nöth (beide Carlsen), Monika Schubarth (Agentur Adibuma), Susanne Bühler (Diogenes), Frank Krings (Frankfurter Buchmesse) © Malu Schrader

„Bookpeople auf der #rp17: Spontantreffen heute um 18 Uhr in der Networking Area. Gerne RT!“ – mit diesem Tweet von Ute Nöth, bei Carlsen verantwortlich für Blogger Relations, wurde eine Mini-Tradition ins Leben gerufen: das tägliche Treffen der auf der re:publica anwesenden Buchmenschen (wer ein besseres Wort findet, schreibe es mir bitte!). Gehörtes Revue passieren lassen, sich austauschen, Rückschlüsse für den eigenen Bereich ziehen. Bei drei Wiederholungen kann man schon von einer kleinen re:publica-Tradition sprechen, oder?

Die Netzkonferenz, die dieses Jahr zum elften Mal stattfindet, wächst und wächst. Sie ist kein kleines Treffen skeptisch beäugter Internet-Nerds mehr, längst haben große Sponsoren wie Daimler ihren Weg zur Konferenz gefunden, nicht alle finden den wachsenden Bereich mit Ständen verschiedener Unternehmen und Institutionen gut. Andererseits vergrößern die großen Player (neben dem Budget) die Aufmerksamkeit für die anvisierten Themen: politische und gesellschaftliche Fragen, technische Innovation, neue Bildungsansätze, soziale Schieflagen.

 

Geht es darum in der Buchbranche nicht auch?

Die Bedrohung der Meinungsfreiheit, die Veränderung medialer Konsumgewohnheiten, neue Wege im Storytelling, der vielfältige Bereich Virtual Reality – das alles sind Bereiche, die in der Buchbranche ebenfalls diskutiert oder erprobt werden.

Dennoch ist die Zahl derer, die am re:publica-Programm aktiv beteiligt sind, sehr überschaubar. Bastei Lübbes interaktive Geschichten-App Oolipo wird an einem Stand präsentiert, Hädecke-Verlagsfrau Julia Graff und ihre Mitstreiter fragen sich getreu dem Konferenz-Motto „Love out loud“ wo die Liebe unter den Foodbloggern geblieben ist („Foodblogs: Liebe geht durch den Magen“) und Katja Böhne von der Frankfurter Buchmesse widmet ihre Session der Science-Fiction-Literatur: „’My god; what if’ ...’ – Science Fiction ist Geisteshaltung“ wird begeistert aufgenommen und zieht eine Menge Fragen, Buchtipps und schließlich die Gründung einer Facebookgruppe für den gemeinsamen Austausch nach sich. Mission erfüllt, oder? Bleibt nur zu fragen, wieso es nicht mehr Veranstaltungen zum Thema Literatur, ja zum ganzen Themenkomplex Kultur im Programm gibt. „Wo ist die Literatur? Das Theater? Die Musik? All die Inhalte, die Buchkultur, alles was uns begeistert – das gehört auch hierher. Hier sind Menschen, die das ganz gewiss mögen werden. Es gibt einen großen Bedarf an dem, was Bücher leisten können, egal ob digital oder analog!“, sagt Wibke Ladwig, Chefin der Kommunikationswerkstatt Sinn und Verstand und Langzeit-re:publicanerin. Auch Johnny Haeusler, Mitbegründer der Digitalkonferenz, und das Programmteam würden sich mehr Einreichungen zu kulturellen Themen wünschen, aber da sei kaum etwas gekommen, so die Veranstalter, Wibke Ladwig hat extra nachgefragt.

 

Closing Ceremony

Closing Ceremony © re:publica/Jan Michalko

Buchmenschen anwesend? Tendenz steigend

Aber: Die Zahl der Büchermenschen unter den Zuhörern steigt. Und auch die Zahl jener, die inzwischen nicht privat, sondern dienstlich hier unterwegs sind: „Ich konnte meine Chefin davon überzeugen, dass das wichtig ist: um zu sondieren und zu netzwerken, um zu schauen, wie wir bei der re:publica 2018 als Bibliothek teilnehmen können. Wir glauben, dass die Leute hier gar nicht wie wissen, was Bibliotheken inzwischen alles machen und wie präsent sie in der digitalen Welt sind“, meint Tanja Erdmenger von der Münchner Stadtbibliothek. Ute Nöth von Carlsen verschafft die re:publica „die Möglichkeit, aus einer größeren, eher gesamtgesellschaftlichen Perspektive auf das Thema Digitalisierung zu schauen – um damit die eigenen beruflichen Themen besser verorten zu können. Außerdem ist es eine tolle Gelegenheit, andere Buchmenschen mit ähnlichen Motiven zwanglos zu treffen.“

Noch sind es nicht so sehr viele, aber es werden jedes Jahr ein paar Leute mehr. Auch Eventkonzepter Leander Wattig, als Besucher wie Speaker schon häufig dabei, findet den Besuch lohnenswert: „Unsere Branche bewegt sich ja nicht im luftleeren Raum, sondern ist mit allen anderen Medienbereichen verbunden. Für relativ schmales Geld hat man hier eine Konferenz, auf der man inzwischen geballt die ganze Digitalszene und die ganze Medienszene antrifft. Wenig Aufwand, großer Nutzen.“ Auch wenn die Bewertung der einzelnen Sessions unterschiedlich ausfällt – Ruth Justen, Pressefrau der Leipziger Buchmesse, hat von „Veranstaltungen mit Proseminarcharakter“ bis zu „tollen querdenkenden Vorträgen“ alles im Programm gehabt. „Dennoch: einfach mal zu sehen, wie das andere machen, finde ich extrem hilfreich. Das eröffnet einem wiederum neue Impulse für die Buchprojekte.“

Sollen wir da jetzt alle hin?

Muss man als Buchbranchenmensch nun auf die re:publica gehen? Sind wir dafür überhaupt digital genug? Und sind „die Digitalen“ dort nicht eigentlich der Feind? Außerdem – ist die denn überhaupt relevant, diese Konferenz der matetrinkenden Internet-Hipster?

Ja – joa – nein – kommt drauf an.

Die re:publica kann neue Impulse liefern. Sie kann dabei helfen, sich unkompliziert mit (immer wichtiger werdenden) Digitalpartnern zu vernetzen, Trends und deren Auswirkungen früh zu erkennen. Letztlich geht es viel um Geschichten und wie sie erzählt werden – wenn man sich diesen Kern mal anschaut, ist der Weg zum Buch und zur Literatur gar nicht mehr so weit. Das ist aber nur die eine Seite, die des Zuhörerseins. Relevant könnte es doch auch sein, auf dieser Konferenz, bei der sich so viele Menschen mit Interesse an Geschichten und Kommunikation tummeln, sichtbar zu werden – mit den eigenen Themen. Was passiert Digitales in der Buchbranche? Woran wird mit Leidenschaft gearbeitet? Wie arbeiten Verlage, Buchhandlungen, Bibliotheken, Autoren, Übersetzer etc. heute, was ist neu? Welche Ideen gibt es, welche Probleme, vielleicht auch politische Appelle? Wie geht es weiter im Selfpublishing-Bereich oder mit dem Urheberrecht? Wie kann eine Buchhandlung ihre Dienste ins Digitale verlängern? Die re:publica bietet den Raum, Fragen zu formulieren, in Workshops etwas zu erforschen, vielleicht in einer Fishbowl-Diskussion etwas zur Debatte zu stellen. Jetzt ist noch viel Zeit (bis Anfang 2018), um sich Gedanken über Einreichungen zu machen. Ein bisschen mehr Buch stünde der re:publica gut zu Gesicht. Umgekehrt gilt das auch.

 

Mitgestalten:  

FAQ zu Einreichungen für die re:publica https://re-publica.com/de/17/faq/welche-formate-kann-ich-bei-republica-einreichen

 

Die Sessions auf den großen Bühnen werden aufgezeichnet. Auf dem YouTube-Kanal der re:publica kann man vieles nachträglich anschauen, auch aus den letzten Jahren.

https://www.youtube.com/user/republica2010/playlists

 

Wibke Ladwigs Aufruf zur #KulturFlauschattacke für die re:publica 2018

https://www.facebook.com/wibkeladwig/videos/1496439787033521/?pnref=story

3 Kommentar/e

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  • Julia Graff

    Julia Graff

    Wer sich für gesellschaftspolitische und auch visionäre Themen interessiert, muss auf die re-publica. Wer – wie ich - auch mal aus seiner fachlich bezogenen Filterblase raus will und nebenbei auch noch erfahren möchte, welche Lösungsansätze andere Unternehmen oder Branchen haben (bei möglicherweise ähnlich gelagerten Problemen), muss auf die re-publica. Wer geeignete Kooperationspartner für den digitalen Ausbau seiner Inhalte sucht, muss auf die re-publica. Wer sich dafür interessiert, wie Nicht-Verlagsleute zum Thema Urheberrecht stehen und mit ihnen darüber diskutieren will, muss auf die re-publica. Wer sich im Verlag um alles, was im Netz passiert, kümmert, weiß, dass sie oder er da hin muss. Und schließlich: Wer seine Themen – und die sind weiß Gott nicht nur literarischer Natur, sondern es sind in der Hauptsache Sachbuch- und auch Ratgeberthemen – dort einem großen Publikum präsentieren und vor allem auch sich darüber austauschen will (!), muss als Speaker auf die re-publica. Ich hoffe sehr, dass im kommenden Jahr viele dem Aufruf von Wibke Ladwig folgen und wir eine herrliche #kulturflauschattacke erleben werden. Ach ja, und wer mal kurzfristig in den Trending Topics bei Twitter auftauchen will, sollte sich dringend überlegen, eines Session anzubieten ;)

  • Stefan Möller

    Stefan Möller

    Julia Graff: Viel treffender kann man es nicht formulieren! Deshalb bin ich auch über die Argumentation andernorts, "Das bringt mir keinen offensichtlichen Nutzen", "Das ist für mich nicht relevant.", "Ja, kann man machen, ich hatte aber noch nie den Anreiz, da mal hinzufahren." ..., erstaunt.

  • rehse

    rehse

    Anderes Wort für Büchermenschen? Wie wäre es mit Leser!!

    • ...

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