Deutscher Buchhandlungspreis

108 Sieger, Extrageld für acht Buchhandlungen

Verleihung des ersten Deutschen Buchhandlungspreises am Donnerstag in Frankfurt: 350 Buchhändler und ihre Fans, darunter Verleger und Zwischenbuchhändler, füllten den Festsaal der Deutschen Nationalbibliothek. Alle in Feierlaune. Und gespannt, wer von den Ausgezeichneten noch besonders ausgezeichnet werden würde.  VON CHRISTINA SCHULTE UND SABINE SCHWIETERT

Gewonnen hatten die 108 Buchhändler sowieso schon, aber wer bekommt die hervorgehobenen Preise, fünf Mal 15.000 und drei Mal 25.000 Euro?

Das Extrageld geht an Wist – der Literaturladen in Potsdam, Buchladen am Freiheitsplatz, Hanau, die Buchhandlung Backhaus in Aachen, das BuchHaus Loschwitz in Dresden, die Jenaer Bücherstube in Jena (je 15.000 Euro) und artes liberales in Heidelberg, Literatur Moths in München und Rote Zora Merzig in Merzig (je 25.000 Euro).

Bis das am Ende eines einmaligen Abends, bei dem der Buchhandel wie nie gefeiert wurde, feststand, gab es großes Lob für den inhabergeführten, kleinen Buchhandel - und einige Antworten auf die Frage: Was macht eine gute Buchhandlung aus? Eine Reihe Redner versuchte das herauszufinden, darunter der Hanser-Verleger Jo Lendle, die Literaturkritikerin und Vorsitzende der Buchhandlungspreis-Jury Iris Radisch und der Buchhändler Ulrich Dombrowsky.

Die Hausherrin und Gastgeberin, Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Bibliothek, hatte das erste Wort. Sie dankte ganz besonders ihrer Chefin, der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters, für ihr kulturelles Engagement im Allgemeinen und für den Buchhandlungspreis.  Außerdem nutzte sie ihre Redezeit dafür,  ihr Haus vorzustellen, das atemberaubende 31 Millionen Medieneinheiten in den Magazinen und Servern in Frankfurt und Leipzig beherbergt.

Charmant, klug und voller Witz wie immer: Jo Lendle. Der Hanser- Verleger und Autor brachte seine Liebe zum inhabergeführten Sortiment vielfältig zum Ausdruck und schlug vor, den Buchhandel zum Weltkulturerbe zu erklären, ebenso wie andere amorphe Strukturen, wie Knabenchöre oder Buchewälder:  „Er ist so schön und vielversprechend wie das Wattenmeer, nicht zuletzt dank seines saisonalen Tidenhubs aus Bücherfluten und sommerlicher Ebbe.“ Der Leser Jo Lendle möchte vom Buchhandel beraten werden – und überrascht. „Meine Erwartungen an eine Buchhandlung ist dieselbe wie beim Buch selbst: Ich möchte beim Rausgehen ein anderer geworden sein als ich beim Eintreten gewesen bin.“ Zu wolkig? Jo Lendle wurde konkret: „Als George Whitman in seiner Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company gefragt wurde, wie er sich die Haare schneide, griff er zum Feuerzeug und zündete sich den Schopf an“, erzählte er. Überraschung muss für Lendle nicht zwingend vom Buch ausgehen.

Am Ende hatte er noch eine Idee für den viel bemühten, und über die Jahre abgenutzen Vergleich des Buchhandels als „Geistige Tankstellen“. Das Sortiment in Buchhandlungen sei doch signifikant breiter, als Super und Super plus. „Buchhandlungen sind die Buchhandlungen der Nation“ ist sein Vorschlag. Etwas reflexiv, aber "seien Sie stolz auf den Vergleich, was gäbe es Schöneres, als mit Ihresgleichen verglichen zu werden". Die komplette Rede von Jo Lendle finden Sie hier.

Auch der Lyriker Jan Wagner („Regentonnenvariationen“)  sparte in seiner „Lobrede auf die Buchhandlung“ nicht mit Liebesbekundungen für den Buchhandel, in seinem Fall für eine ganz bestimmte Buchhandlung aus seiner Kindheit, die von drei wohl ganz bemerkenswerten Männern betrieben wurde, deren Hausgötter Hemingway, Faulkner unjd Nossack waren.  Hier können Sie  Jan Wagners Lobrede nachlesen.

In einer begeisternden Rede betonte die Preisstifterin Monika Grütters, dass sie sich ein Leben ohne Lieblingsbuchhandlungen, darunter, wie sie verriet, Shakespeare & Companie in Berlin, gar nicht vorstellen könne und betonte: „Ich habe noch nie ein Buch im Internet bestellt.“ Applaus! Den Buchhändlern rief sie zu, mehr Selbstvertrauen und Mut zu haben – der Buchhandlungspreis solle sie dabei unterstützen. Der heutige Termin, die Preisverleihung, sei für sie ein „herrlicher Termin, es gibt schlechtere im Leben einer Staatsministerin“. Man glaubte es ihr gern.

Schatztruhen unserer literarischen Kultur seien die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen, so Grütters. Nicht Discounter, sondern Feinkostläden, die neben massentauglichem Gedankengut auch Bücher für literarische Feinschmecker anbieten. „Wir Politiker müssen alles daran setzen, die Freiheit der Buchhandlungen zu sichern, die Garanten der literarischen Vielfalt zu unterstützen.“  Der Preis ergänze die Bemühungen um Lesekultur, künftig werde es auch ein nicht-dotiertes Gütesiegel geben für die Buchhandlungen mit Umsätzen von mehr als einer Million Euro. „Auch diese haben Würdigung und Wertschätzung verdient.“

Eine wichtige politische Botschaft transportierte Grütters ebenfalls in ihrer Rede - und erntete auch dafür Applaus: „Wir werden energisch festhalten an der Buchpreisbindung und bei TTIP setzen wir uns auch noch durch.“ Es dürfe nicht sein, dass Bücher wie Gartenmöbel oder Staubsaugerbeutel behandelt würden.

Der Buchhandlungspreis könne zwar den Strukturwandel nicht aufhalten, aber er könne helfen, neue pfiffige Geschäftsmodelle zu entwickeln und dem Kulturgut Buch auch unter veränderten Rahmenbedingungen eine Chance zu bieten. Immerhin würden schon gut 22 Prozent des Buchhandels durch das E-Book- und Internetgeschäft am Buchhandel vorbei gehen.

„Mit dem Preis sollen die Mutigen ausgezeichnet werden, die sich dem Kulturgut verpflichtet führen, die nicht allein dem ökonomischen Handeln folgen, die sich nicht nur als Verkäufer, sondern als Entdecker verstehen“, betonte die Ministerin.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, dankte Monika Grütters äußerst herzlich: „Sie haben mit dem Herzen gesprochen für eine Branche, für die Sie eine tiefe Zuneigung empfinden. Das ist meine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Ihnen, von der ersten Stunde an haben Sie sich für die Sache der Buchbranche eingesetzt.“ Es gehöre schon etwas dazu, das dann auch politisch durchzusetzen. Die Arbeit der Buchhändler würde durch den Preis mit einem „durchaus nennenswerten Betrag gewürdigt, viel wichtiger ist aus meiner Sicht jedoch die sichtbare Anerkennung für die Tätigkeit aller Buchhändler, die Erstaunliches leisten“, sagte er.

Zwei, die sich verstehen, sind unabhängige Buchhändler und unabhängige Verleger: "Die Entscheidung darüber, ob bestimmte Bücher ins Programm genommen werden, ist bei uns Unahängigen ebensowenig in erster Linie eine kommerzielle wie die Ihre bei der Entscheidung, was Sie in Ihr Sortiment aufnehmen", sagte Britta Jürgs, Vorstand der Kurt Wolff Stiftung. Sie hob die Bedeutung von unabhängigen Buchhandlungen für die Literatur hervor: „Wir unabhängigen Verlegerinnen und Verleger wissen Ihren wichtigen Beitrag für eine vielfältige Literatur und Kulturlandschaft zu schätzen“, so Jürgs. Sie sei stolz darauf, dass die Kurt Wolff Stiftung den Deutschen Buchhandlungspreis mitinitiiert habe, sagte sie und dankte ihrem Vorgänger und Verlegerkollegen Stefan Weidle für seinen Einsatz in Sachen Buchhandlungspreis. Applaus für Weidle!

108 Buchhandlungen aus über 600 Bewerbungen auszuwählen ist schwer. Aus den Besten dann noch einmal acht zu bestimmen, die noch einmal besonders hervorgehoben werden sollen, dürfte möderisch gewesen sein. Iris Radisch, die Vorsitzende der Jury, berichtete von der schwierigen Arbeit der Jury. „Es war für uns sehr schwierig zu entscheiden, was eine gute von einer noch besseren oder allerbesten Buchhandlung unterscheidet.“ In der Ausschreibung seien viele Qualitätskriterien genannt worden. Für die Auswahl der fünf besonders herausragenden Buchhandlungen habe man auf die eigenwilligsten Profile und die regionale Jeweiligkeit gesetzt. Es habe nicht nur Topmodels zu küren gegeben, sondern unvergleichliche, originelle und innovative Arbeit sei zu würdigen gewesen. Die mörderische Arbeit hat die Jury übrigens unentgeltlich geleistet.

Zum guten Schluss kam dann noch ein Buchhändler zu Wort: Ulrich Dombrowsky von der gleichnamigen Buchhandlung aus Regensburg, dankte Monika Grütters im Namen der Sortimenter und sang dabei auch ein Loblied auf seinen Beruf. „Etwas Interessantes tun und dafür bewundert werden, das ist die Beschreibung, wie wir uns sehen“, sagte Dombrowsky.

Der Beruf des Buchhändlers sei unglaublich vielseitig, der Inhalt der Ware und die Menschen, mit denen man es zu tun habe, sehr interessant. Buchhändler könne man nur mit ganzem Herzen sein: „Wir setzen einen großen Teil unserer Freizeit ein, um zu lesen. Würden wir nicht lesen, fehlten uns im Beratungsgespräch die Grundlagen. Wir müssen ja sagen zum Beruf, der eigentlich unser Leben ist“, betonte Dombrowsky. „Das kann man als Selbstausbeutung bezeichnen, das ist es aber nicht, da wir als Opfer stilisiert würden, die wir aber nicht sind.“

Und dann? Wurde gefeiert! Dass der Buchhandel von dieser Spielart der Freizeitgestaltung einiges versteht, ist bekannt.

Deutscher Buchhandlungspreis

Mit dem Deutschen Buchhandlungspreis werden erstmals kleinere, inhabergeführte Buchhandlungen mit Sitz in Deutschland ausgezeichnet, die ein literarisches Sortiment oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, die innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung engagieren.

Hier geht es zur Liste der ausgezeichneten Buchhandlungen!

Weitere Informationen zum Deutschen Buchhandlungspreis finden Sie hier!

Und falls Sie weitere Bilder des Abends sehen möchten, klicken sie hier. Und (nahezu) alle Preisträger sehen hier und da.

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