Lessing-Preis der Hansestadt Hamburg

"Künste sind die Kanarienvögel unserer Zeit"

29. Januar 2026
Redaktion Börsenblatt

Die Hansestadt Hamburg hat den Lessing-Preis 2025 an die Autorin Judith Schalansky verliehen. Das Stipendium ging an Anja Kampmann. Kultursenator Carsten Brosda zeichnete die Autorinnen im Thalia-Theater am 25. Januar aus. In seiner Rede, die wir hier dokumentieren, würdigt er deren Texte, die Selbstverständlichkeiten hinterfragen.

Carsten Brosda und Judith Schalansky auf der Bühne, er hält einen Blumenstrauß, sie eine Urkunde

Kultursenator Carsten Brosda überreichte Judith Schalansky die Auszeichnung

Auf der Suche nach Möglichkeiten, die Vergangenheit zu begreifen, landet man manchmal bei Ideen, die sehr weit zurückgreifen, über Lessings Wirken und Werk hinaus bis ins alte Rom, etwa bei einem archäologischen Fund wie dem römischen Dodekaeder. Das seltsame Objekt gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Meist ist der Zwölfflächner aus Bronze gefertigt, innen ist er hohl. Die fünfeckigen, symmetrischen Außenseiten sind jeweils mit einem kreisförmigen, aber immer unterschiedlich großem Loch in der Mitte versehen und an jeder der fünf Ecken ist ein tränenförmiges Metallstück angesetzt. Optisch ähnelt das Ganze einer faustgroßen Kreuzung zwischen einem Zauberwürfel und einer Abbildung des Coronavirus, und auch die symbolische Auslegung rangiert irgendwo in der Bandbreite zwischen Verrätselung und Katastrophe: Niemand weiß, wozu das römische Dodekaeder gut war.

Zwar wurden mittlerweile über hundert Exemplare gefunden, aber keine einzige Beschreibung, kein erklärender Text, schon gar keine Bedienungsanleitung. Eine These vermutet ein Vermessungsinstrument, dagegen spricht, dass es ihnen an Maßstäblichkeit mangelt. Eine andere tippt auf ein Strickwerkzeug, das bei der Herstellung von Handschuhen geholfen haben könnte, dafür aber eigentlich zu aufwändig und kostspielig war. Auch ein kultischer Gegenstand wäre denkbar, nur findet sich auch dafür kein konkreter Hinweis. Ganz unabhängig von seinem Gebrauch liegt aber vor allem die Mutmaßung nahe, dass sich die Römer eine Zivilisation ohne Dodekaeder nicht vorstellen konnten und sie für so selbstverständlich erachtet haben, dass sie nie beschrieben werden mussten.

Gibt es auch in unserer Gegenwart solche Dinge, die uns über eine so lange Zeit so selbstverständlich sind, dass wir sie nicht beschreiben, von denen zweitausend Jahre später nicht mehr bekannt sein wird, welchen Sinn, welchen Zweck, welche Funktion sie gehabt haben könnten? Wird man auch über den Alltäglichkeiten unserer Zeit und Gesellschaft brüten und sich fragen, welche Bedeutung sie für uns hatten?

Was zeichnet die Gesellschaft unserer Gegenwart also aus und was erachten wir als so natürlich gegeben, dass es nicht erläutert werden müsste? Wie organisieren wir ein Miteinander in Freiheit, in Demokratie, in Solidarität, in gegenseitigen Respekt, in Toleranz, mit einem Rechtsstaat, dessen Regeln gelten? Diese Dinge haben wir zwar beschrieben, sind aber gleichzeitig davon ausgegangen, dass sie das natürliche Fluidum sind, durch das wir uns bewegen – wie das Wasser für die Fische, in der Anekdote, die David Foster Wallace einmal erzählte: Ein alter Fisch will von zwei jungen Fischen wissen, wie das Wasser heute ist, woraufhin sich die beiden Jungen fragend angucken: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Was also ist für uns so selbstverständlich, dass wir zwar nicht ohne leben können, es zugleich aber nicht mehr erkennen?

Was also ist für uns so selbstverständlich, dass wir zwar nicht ohne leben können, es zugleich aber nicht mehr erkennen?

Carsten Brosda

Der Befund, dass wir unsere Demokratie für so selbstverständlich halten, dass wir unser tägliches Zusammenleben und die genaue Ausgestaltung der demokratischen Praxis nur unzureichend erörtern und diskutieren, muss uns Sorgen machen.

In ihrem Buch "How Democracies Die" beschreiben die beiden Harvard-Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt, welche rechtlichen Vorkehrungen es zum Erhalt einer Demokratie es gibt. Allesamt sind Texten zu entnehmen, da ist die Verfassung, da sind die Institutionen und die Verfahren beschrieben. Doch die beiden Autoren weisen auch auf Folgendes hin: Wenn Demokratien in Gefahr geraten, dann nicht entlang dieser beschriebenen oder wie Juristen sagen würden, kodifizierten Bestandteile von Demokratie, sondern in Aspekten der politischen Kultur. Levitsky und Ziblatt sprechen von Guardrails, Leitplanken der Demokratie, vor allen Dingen zweien, die man nicht niederschreiben kann, weil sie eben nicht verregelt werden können: Zum einen der Umstand, dass ein Recht zu besitzen in einer demokratischen Gesellschaft nicht bedeuten darf und kann, es auch zu hundert Prozent auszuschöpfen. Weil dann alle anderen den Raum, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen, gar nicht mehr ausfüllen können. Es braucht am Ende einen Freiraum, um zu den Übereinkünften zu kommen, die nicht rechtlich zu regeln, im Alltag aber jederzeit und immer notwendig sind. Die zweite Guardrail, die Levitsky und Ziblatt benennen, ist, dass wir verwegenerweise davon ausgehen müssen, dass nicht immer wir selbst, sondern vielleicht auch mal die anderen Recht haben können. Dieses notwendige Entgegenkommen unterstellen wir im Alltag, selbstverständlich ohne es zu verregeln und manchmal auch ohne es zu beschreiben.

In einer merkwürdigen Verquerung geschichtsphilosophischen Denkens hat sich die Scheingewissheit eingestellt, dass es mit der gesamten Menschheit aufwärts geht, dass wir hinter den Urknall einer demokratischen Aufklärung, hinter Lessing, nicht mehr zurückkönnen. Mittlerweile haben wir begriffen, dass sich mitnichten alles zum Besseren entwickelt und man eine Treppe auch wieder herunterfallen kann. Genau das beobachten wir gerade in Teilen der Welt.

Ernst Cassirer, Kulturphilosoph und in Hamburg erster jüdische Rektor einer deutschen Hochschule in den 1920er Jahren, widmete sich in seiner Kulturphilosophie zuletzt auch der Frage, wie es zum NS-Staat in Deutschland kommen konnte. 1945 erschien dazu postum sein Buch "Der Mythus des Staates." Cassirers Philsophie geht von These aus, dass wir Menschen die Welt in der Kunst, in der Kultur verdoppeln, indem wir sie in symbolischen Formen begreifbar und verstehbar machen. Nach Cassirer ist die gesamte Geschichte der Zivilisation eine, in der "höhere Kräfte", die er als "intellektuelle und moralische, ethische und künstlerische" Kräfte definiert, den Mythos der ursprünglichen Gewalterzählung des menschlichen Miteinanders überformten. Wir erzählen uns, wie wir noch sein können, in der Hoffnung, dass sich eine bessere Idee als die des Hobbesschen Naturzustand, nach dem Mensch des Menschen Wolf ist, durchsetzen kann. Cassirer deutet aus, dass in der jungen deutschen Republik der 20er und 30er Jahre genau diese zivilisierenden, besseren Erzählungen, Bilder und Geschichten eines demokratischen Miteinanders fehlten und der archaische Mythos deswegen wieder auftreten konnte. Es ist die gleiche, scheinbare Plausibilität, die wir in der Welt wieder erleben, wenn ein US-amerikanischer Präsident sagt, er hielte sich zwar an internationales Recht, aber sein Maßstab sei sein innerer moralischer Kompass. Recht bedeutet gerade nicht, sich etwas auszudenken und die eigene Moral zur Moral aller zu machen.

In der momentanen Situation müssen wir Sorge haben ... dass wir Dinge für so selbstverständlich erachtet haben, dass wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen kann.

Carsten Brosda

Wenn es keine Erzählungen, Geschichten und Bilder gibt, die von allen akzeptiert werden können, bekommt der archaische Mythos Raum, sich gegen die zivilisierende Idee eines friedlichen, eines respektvollen, eines freiheitlichen und demokratischen Miteinanders durchzusetzen. In der momentanen Situation müssen wir Sorge haben, dass wir eine solche Lücke gelassen haben, dass wir Dinge für so selbstverständlich erachtet haben, dass wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen kann.

Zugespitzt könnte man also mahnen, dass die Demokratie nicht zum Dodekaeder unserer Zeit werden darf, dass wir es noch in der Hand haben und anfangen sollten, sie zu beschreiben, solange wir noch wissen, was sie ist.

Dialektisch könnte man darauf hinweisen, dass die Sorge um die Demokratie, die auch der Historiker Frank Biess vor einigen Jahren in seiner Angstgeschichte der Bundesrepublik so treffend beschrieben hat, ein Impuls für die Stärkung unserer Demokratie sein kann. Indem wir dieses Gefühl beschreiben und darüber reden, im Sinne eines demokratischen Handelns, das Hannah Arendt als Verständigungspraxis aufgeklärter Bürgerinnen und Bürger beschrieben hat und zu dem wir jederzeit befähigt sind. Wir müssen nur bereit sein, das wieder aufzunehmen.

Der Lessing-Preis zeichnet Menschen aus, die sich im Sinne Lessings den Maximen der Aufklärung verpflichtet fühlen, sie in ihrer geistigen Arbeit zum Ausdruck bringen und sich um eben diese Verständigungsarbeit, um die künstlerische, intellektuelle, ethische und moralische Zähmung und Überformung in unserer Gesellschaft bemühen. Ihre künstlerischen, in der Regel literarischen Positionen zeigen, wie wir sein können, wenn wir es denn wollen. Mit feinem Sensorium für Zeitdiagnostik richtet die Jury den Scheinwerfer auf Texte von Menschen, die wir gerade jetzt ganz dringend brauchen: Texte, die Selbstverständlichkeiten hinterfragen, die unsere Gegenwart, unser Menschsein zu verstehen versuchen.

So erkundet die Schriftstellerin und Gelehrte Judith Schalansky unsere Welt immer wieder neu. In Werken wie dem "Atlas der abgelegenen Inseln", im "Verzeichnis einiger Verluste" wird katalogisiert, eingeordnet, gesammelt, werden ideologische, wissenschaftliche und historische Gewissheiten freigelegt, werden vermeintlich feste Wahrheiten hinterfragt.

Für einen Gelsenkirchener ist das Bild des Kanarienvogels als Krisendiagnoseinstrument im Essay "Schwankende Kanarien" besonders schön: In den Gruben des 19. Jahrhunderts waren die Kanarienvögel immer dabei: Unter Tage hörten sie auf zu singen und kippten von der Stange, bevor die Gase und das Kohlenmonoxid den Kumpeln das Atmen und das Leben schwer machten. Schalansky zitiert Kurt Vonnegut, der die Künste als den Kanarienvogel unserer Zeit bezeichnete und bei einer Rede 1969 verkündete, das Beste, was er tun könne, wäre direkt auf der Bühne umzukippen, wie es hunderte Künstler:innen von der Gesellschaft unbeachtet schließlich längst tun würden. Und im übrigens bis heute tun, wenn auch eher im übertragenen als im Wortsinn. Künstler:innen haben eine seismografische Funktion und Qualität, Dinge früher zu erkennen, als wir das in unseren Alltagsroutinen können, und wir sind als Gesellschaft gut beraten, rechtzeitig darauf zu hören, um rechtzeitig zu handeln.

Künstler:innen haben eine seismografische Funktion und Qualität, Dinge früher zu erkennen, als wir das in unseren Alltagsroutinen können, und wir sind als Gesellschaft gut beraten, rechtzeitig darauf zu hören, um rechtzeitig zu handeln.

Carsten Brosda

Die Poetikvorlesungen von Judith Schalansky sind mit "Woraus die Welt gemacht ist" überschrieben und tragen unter anderem flüssiges Quecksilber, gasförmigen Nebel und festen Marmor im Titel. Dass der Boden unter unseren Füßen derzeit eher Quecksilber als Marmor ähnelt, bringt den Zeitgeist treffend auf den Punkt. Noch schwanken die Kanarienvögel, sie sind noch nicht gekippt, wir kommen rechtzeitig aus der Grube raus.

In kippeligen Zwischenräumen bewegt sich auch die Autorin und Lyrikerin Anja Kampmann: Ihre Lyrik begreift Zeit nicht als Ablauf, Vergänglichkeit ist für sie ein unumgänglicher Zustand, der präzise beobachtet werden muss. Jedes Jetzt ist nur ein Zwischenzustand. Das Ungesagte ist tragender Teil ihrer Poetik, Bewegung niemals abgeschlossen, so wie jede Gegenwart uns eben auch die Frage stellt, ob wir sie als Ende der Vergangenheit oder als Beginn der Zukunft begreifen wollen, als jenen Zwischenraum, in dem wir uns entscheiden müssen.

Kampmanns aktueller Roman "Die Wut ist ein heller Stern" spielt in einem Übergang, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hier in Hamburg, wo die Heldin Hedda versucht, in dieser neuen Realität zu navigieren, während ihr Bruder, ein Walfänger, an den eisigen Rand der Welt aufbricht. Die Hamburger Reeperbahn glitzert zwar weiter, aber die Uniformen im Publikum werden düsterer. Bildgewaltiger wurde selten vom alltäglichen Kampf um Glück im Angesicht von Barbarei erzählt.

Lessing schrieb über die Wahrheit: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen."

Wir müssen darauf beharren, dass es eine Wahrheit zu ergründen gibt. Gerade erleben wir ein Zersplittern von Wahrheiten in einzelne subjektive Wahrnehmungen. Auch diese sind selbstverständlich relevant, aber als Gesellschaft gilt es, die individuellen Wahrnehmungen zu Wahrheiten zusammenzuführen, die wir unserem Handeln und unseren zivilisierenden Erzählungen zugrundlegen können. So können wir dafür sorgen, dass wir auch in hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren in einer friedlichen, freiheitlichen und offenen Gesellschaft leben.

Wir müssen alle gemeinsam darauf beharren, dass es etwas gibt, das unerschütterlich gilt und sich nicht in einer Beliebigkeit des "Das-wird-man-ja-wohl-noch-meinen-dürfenauflöst. Das ist entscheidend, das ist Lessings Erbe. Die großen Aufklärinnen und Aufklärer haben das nicht gepredigt, sie haben es nicht in Gesetze gegossen, sie haben davon erzählt. Sie alle waren ausnahmslos auch künstlerisch Schreibende.

Carsten Brosda und Anja Kampmann mit Blumenstrauß und Preisurkunde auf der Bühne

Carsten Brosda und Anja Kampmann

Über den Preis

Der Lessing-Preis der Stadt Hamburg wurde vom Hamburger Senat 1929 aus Anlass der 200. Wiederkehr des Geburtstages von Gotthold Ephraim Lessing gestiftet. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und wird alles vier Jahre vergeben. Zusätzlich zum Preis gibt es ein Förderstipendium in Höhe von 10.000 Euro.