Die Poetikvorlesungen von Judith Schalansky sind mit "Woraus die Welt gemacht ist" überschrieben und tragen unter anderem flüssiges Quecksilber, gasförmigen Nebel und festen Marmor im Titel. Dass der Boden unter unseren Füßen derzeit eher Quecksilber als Marmor ähnelt, bringt den Zeitgeist treffend auf den Punkt. Noch schwanken die Kanarienvögel, sie sind noch nicht gekippt, wir kommen rechtzeitig aus der Grube raus.
In kippeligen Zwischenräumen bewegt sich auch die Autorin und Lyrikerin Anja Kampmann: Ihre Lyrik begreift Zeit nicht als Ablauf, Vergänglichkeit ist für sie ein unumgänglicher Zustand, der präzise beobachtet werden muss. Jedes Jetzt ist nur ein Zwischenzustand. Das Ungesagte ist tragender Teil ihrer Poetik, Bewegung niemals abgeschlossen, so wie jede Gegenwart uns eben auch die Frage stellt, ob wir sie als Ende der Vergangenheit oder als Beginn der Zukunft begreifen wollen, als jenen Zwischenraum, in dem wir uns entscheiden müssen.
Kampmanns aktueller Roman "Die Wut ist ein heller Stern" spielt in einem Übergang, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hier in Hamburg, wo die Heldin Hedda versucht, in dieser neuen Realität zu navigieren, während ihr Bruder, ein Walfänger, an den eisigen Rand der Welt aufbricht. Die Hamburger Reeperbahn glitzert zwar weiter, aber die Uniformen im Publikum werden düsterer. Bildgewaltiger wurde selten vom alltäglichen Kampf um Glück im Angesicht von Barbarei erzählt.
Lessing schrieb über die Wahrheit: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen."
Wir müssen darauf beharren, dass es eine Wahrheit zu ergründen gibt. Gerade erleben wir ein Zersplittern von Wahrheiten in einzelne subjektive Wahrnehmungen. Auch diese sind selbstverständlich relevant, aber als Gesellschaft gilt es, die individuellen Wahrnehmungen zu Wahrheiten zusammenzuführen, die wir unserem Handeln und unseren zivilisierenden Erzählungen zugrundlegen können. So können wir dafür sorgen, dass wir auch in hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren in einer friedlichen, freiheitlichen und offenen Gesellschaft leben.
Wir müssen alle gemeinsam darauf beharren, dass es etwas gibt, das unerschütterlich gilt und sich nicht in einer Beliebigkeit des "Das-wird-man-ja-wohl-noch-meinen-dürfen" auflöst. Das ist entscheidend, das ist Lessings Erbe. Die großen Aufklärinnen und Aufklärer haben das nicht gepredigt, sie haben es nicht in Gesetze gegossen, sie haben davon erzählt. Sie alle waren ausnahmslos auch künstlerisch Schreibende.