Rabinowich war sieben Jahre alt, als sie 1977 mit ihren Eltern aus der Sowjetunion nach Österreich flüchtete – ohne zu wissen, dass es eine Flucht war. Ein Urlaub in Litauen, das hatten ihr die Eltern gesagt. Im Flugzeug neben ihr meinte ein Mädchen, der Flug gehe nach Österreich. Rabinowich glaubte ihr nicht.
"Lenin ist ein Arschloch!" Das war das Erste, was ihr Vater schrie, als sie im Flüchtlingsheim ankamen. All die Jahre zuvor hatte er das nicht aussprechen können. Die siebenjährige Julya war zunächst entsetzt und wütend – erst viel später wurde ihr klar, dass die jüdische Familie Antisemitismus und Verfolgung ausgesetzt gewesen war.
Am zweiten Tag war sie erst einmal besänftigt: Es gab Fruchtjoghurt – zum ersten Mal in ihrem Leben. "Das war überwältigend." Fruchtjoghurt mag sie heute zwar immer noch; richtig locken könne man sie jedoch eher mit Champagnertrüffeln oder Sushi. Zu ihrem Bedauern war sie noch nie in Japan, trotz wiederholter Lesereiseeinladungen beim Erscheinen ihrer Bücher. Einmal kam Corona dazwischen, ein anderes Mal eine Angst, die aus einer weiteren Erfahrung nach der Flucht entstand: in einem Land zu sein, dessen Sprache man nicht nur nicht sprechen, sondern auch nicht lesen kann.
"Dieser erste Sprachverlust war neu und schrecklich." Zuvor hatte sie nur Russisch gehört, war nie im Ausland gewesen, es gab keine Touristen. Ihr spontaner Impuls: so schnell wie möglich Deutsch lernen.