Julya Rabinowich

Meisterin der Sublimierung

11. Juni 2026
Jule Heer

Mit sieben Jahren kam Julya Rabinowich aus Leningrad nach Österreich, mit neun schrieb sie erste Gedichte auf Deutsch. In ihrem Schreiben setzt sie sich immer wieder mit Trauma und Entwurzelung auseinander.

Ein Porträtfoto der Autorin Julya Rabinowich

Julya Rabinowich

Als sie 2006 großformatige Gemälde mit blutigen, gespaltenen Köpfen von der Atelierwand nimmt, endet für Julya Rabinowich ihre Di­plomarbeit. Dass aus dem Projekt "Spaltkopf" ihr erster Roman werden wird, ahnt sie damals noch nicht. "Der Spaltkopf steht für das verdrängte Trauma", erklärt Rabinowich, die sechs Jahre als Dolmetscherin arbeitete, bevor sie Malerei studierte. Sie übersetzte simultan Psychotherapiestunden im Diakonie-Flüchtlingsdienst. Dort begegnete sie Geschichten von Flucht, Folter und Trauma. "Ich wusste, diese Geschichten mussten erzählt werden", sagt Rabinowich. Aber verfremdet.

Wenn sie bei Therapiestunden übersetzte, merkte sie, wie die Men­schen sich veränderten, sobald sie über ihre Traumata sprachen. "Sie wirkten wie besessen." Lange habe sie selbst verdrängt, dass sie mit den Betroffenen etwas gemeinsam hatte: die Entwurzelung aus der Heimat.

Fruchtjoghurt und Sprachverlust

Rabinowich war sieben Jahre alt, als sie 1977 mit ihren Eltern aus der Sowjetunion nach Österreich flüchtete – ohne zu wissen, dass es eine Flucht war. Ein Urlaub in Litauen, das hatten ihr die Eltern gesagt. Im Flugzeug neben ihr meinte ein Mädchen, der Flug gehe nach ­Österreich. Rabinowich glaubte ihr nicht.

"Lenin ist ein Arschloch!" Das war das Erste, was ihr Vater schrie, als sie im Flüchtlingsheim ankamen. All die Jahre zuvor hatte er das nicht aussprechen können. Die siebenjährige Julya war zunächst entsetzt und wütend – erst viel später wurde ihr klar, dass die jüdische Familie Antisemitismus und Verfolgung ausgesetzt gewesen war.

Am zweiten Tag war sie erst einmal besänftigt: Es gab Fruchtjoghurt – zum ersten Mal in ihrem Leben. "Das war überwältigend." Fruchtjoghurt mag sie heute zwar immer noch; richtig locken könne man sie jedoch eher mit Champagner­trüffeln oder Sushi. Zu ihrem Bedauern war sie noch nie in Japan, trotz wiederholter Lesereiseeinladungen beim Erscheinen ihrer Bücher. Einmal kam Corona dazwischen, ein anderes Mal eine Angst, die aus einer weiteren Erfahrung nach der Flucht entstand: in einem Land zu sein, dessen Sprache man nicht nur nicht sprechen, sondern auch nicht lesen kann.

"Dieser erste Sprachverlust war neu und schrecklich." Zuvor hatte sie nur Russisch gehört, war nie im Ausland gewesen, es gab keine Touristen. Ihr spontaner Impuls: so schnell wie möglich Deutsch lernen.

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