Leseförderung

Programm "Lesestart 1-2-3" soll auslaufen - Kritik von Verbänden

17. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Das Lesefrühförderungsprojekt "Lesestart 1-2-3" soll ab 2027 keine finanzielle Unterstützung durch das Bundesfamilienministerium mehr bekommen, läuft damit aus. Das wird von Verbänden und der Stiftung Lesen kritisiert.

Kindergruppe

Kindergruppe

Der Bundesverband Leseförderung bedauert in einem Statement die Entscheidung, das Programm "Lesestart 1-2-3" Ende 2026 auslaufen zu lassen. Das Recht auf Lesen beginne lange vor dem Lesenlernen. Es beginne von Anfang an – in den ersten Lebensjahren, wenn Kinder Bilder betrachten, Geschichten hören, Fragen stellen und Sprache entdecken, heißt es darin: "Wer Kindern das Recht auf Lesen ermöglichen will, muss ihnen frühzeitig den Zugang zu ersten positiven Bucherfahrungen eröffnen." Frühe Begegnungen mit Büchern, Geschichten und Sprache würden die Bildungswege von Kindern prägen und wichtige Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe und Chancengerechtigkeit schaffen.

"Lesestart 1-2-3" erreiche Familien dort, wo nahezu alle Kinder erreicht werden können: bei den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen. Damit sei das Programm ein wichtiger Baustein früher Bildungsförderung, der unabhängig von sozialer Herkunft, Wohnort oder Bildungshintergrund nahezu alle Familien anspricht. Kein anderes Angebot erreiche Familien so früh und so flächendeckend.

"Vor dem Hintergrund aktueller Bildungsstudien, die seit Jahren auf sinkende Leseleistungen und wachsende Bildungsungleichheiten hinweisen, sehen wir das Auslaufen eines solchen Angebots mit großer Sorge", so der Bundesverband Leseförderung. Man begrüße, dass das Bundesfamilienministerium die Bedeutung von Lesekompetenz betont und andere Projekte fördert. Gleichzeitig stelle man sich die Frage, wie künftig Familien erreicht werden sollen, die bisher über "Lesestart 1-2-3" erstmals mit Büchern und Vorleseangeboten in Kontakt kamen. "Deutschland braucht nicht weniger, sondern deutlich mehr frühzeitige, verlässliche und langfristig angelegte Leseförderung", betont der Verband. Gerade dort, wo Kinder und Familien unabhängig von Herkunft, Wohnort oder Bildungsvoraussetzungen erreicht werden können, dürften erfolgreiche Strukturen nicht verloren gehen. Der Bundesverband Leseförderung setze sich deshalb weiterhin für starke, niedrigschwellige und flächendeckende Angebote der frühen Leseförderung ein. 

"Der falsche Weg"

"Wir dürfen nicht aus Spargründen auf eine Förderung für Familien verzichten, die gerade in der aktuellen Lesekrise zentrale Impulse für die Zukunft setzen kann. Das ist aus unserer Sicht der falsche Weg. Wir kämpfen in jedem Fall weiter für das Angebot, damit jedes Kind die Chance hat, vorgelesen zu bekommen", heißt es in einem Statement der Stiftung Lesen, die "Lesestart 1-2-3" durchführt.

"Einstellung ist ein schwerwiegender Fehler"

"Unverständlich" ist für Udo Beckmann, Programmleiter des Deutschen Schulleitungskongresses und ehemaliger Hauptschulleiter sowie früherer VBE-Bundesvorsitzender, die Entscheidung des Bundesbildungsministeriums, die Finanzierung des Programms "Lesestart 1-2-3" Ende 2026 auslaufen zu lassen. "Gerade jetzt, wo die Defizite bei der Lesekompetenz vieler Kinder offensichtlich sind, setzt die Politik damit ein verheerendes Signal", so Beckmann in einem Kommentar auf der Website News4Teachers. Natürlich sei der Hinweis des Ministeriums richtig, dass Projektförderungen nicht unbegrenzt fortgeführt werden können. Aber wenn ein Programm über viele Jahre erfolgreich arbeite, breite gesellschaftliche Anerkennung genießt und gleichzeitig die zugrunde liegenden Probleme größer statt kleiner werden, dann sollte die Politik nach Wegen suchen, solche Strukturen dauerhaft abzusichern.

Die Einstellung von "Lesestart 1-2-3" sende "die Botschaft, dass frühkindliche Leseförderung trotz aller bekannten Probleme offenbar keine ausreichende Priorität mehr besitzt. Angesichts der alarmierenden Entwicklung der Lesekompetenz unserer Kinder halte ich das für einen schwerwiegenden Fehler."

Hintergrund

"Lesestart 1-2-3" ist ein bundesweites Programm zur frühen Sprach- und Leseförderung für Familien mit Kindern im Alter von einem, zwei und drei Jahren. Gestartet wurde es 2011. Lesestart wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert und von der Stiftung Lesen durchgeführt. Im Rahmen des Programms konnten bisher alle Familien mit Kindern von 1 bis 3 Jahren Lesestart-Buchgeschenke bei teilnehmenden Kinder- und Jugendarztpraxen und in teilnehmenden Bibliotheken erhalten.

"Es ist richtig, dass die Förderung des Projekts 'Lesestart 1-2-3' der Stiftung Lesen Ende des Jahres 2026 endet", das habe ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums bestätigt, berichtete die "Zeit". Es liege in der Logik jeder Projektförderung, dass sie zeitlich befristet erfolgt. 

Das Bundesfamilienministerium will laut Medien das frühkindliche Lesen weiter unterstützen. Etwa mit dem Projekt "Lesestart: Geschichten sprechen Deine Sprache" der Stiftung Lesen. Gefördert werde zudem unter anderem das Magazin "echt jetzt?" für MINT- und Lesekompetenzen in der Ganztagsbetreuung, das die Stiftung Kinder forschen und die Stiftung Lesen anbieten. Über solche Projekte solle der Bereich der frühkindlichen Bildung weiter unterstützt werden, führt die "Zeit" we.