Trauerfeier für Klaus G. Saur

"Seine Saat ist aufgegangen"

31. August 2026
Redaktion Börsenblatt

Klaus-Dieter Lehmann, der frühere Präsident des Goethe-Instituts, hat bei der Trauerfeier für Verleger Klaus G. Saur den Verstorbenen als "am meisten geehrten Buchmenschen weltweit" gewürdigt. Wir dokumentieren seine Rede.

Klaus G. Saur

Klaus G. Saur, verstorben am 4.8.2026.

"Unser heutiges Zusammenkommen hatte Klaus G. Saur sorgfältig geplant. Der ursprüngliche Anlass war jedoch nicht die Trauerfeier, sondern die Jubiläumsfeier zu seinem 85. Geburtstag. Er wollte offensichtlich den Kreis seiner Freunde und weiterer wichtiger Personen noch einmal an seinem Tisch versammeln, wie er das immer wieder mit großer Begeisterung und in inspirierender Weise gemacht hat. Es ist anders gekommen. Er ist friedlich gestorben in der liebevollen Nähe seiner Frau Lilo.  

Er war ein großartiger Gastgeber, aufmerksam, unterhaltsam, geistreich und offen nach allen Seiten. Seine Fähigkeit, jeweils aufgrund der Zusammensetzung der Gäste zu spannenden Konstellationen zu kommen, waren Legende und erreichten fast auf spielerische Weise prägende Wirkung. Er hatte ein besonderes Talent auf Menschen zuzugehen, sie zu gewinnen und sich für sie zu interessieren. Seine mitreißende Begeisterung und seine beharrliche Zielstrebigkeit waren von überzeugender Kraft. Verführen und Zusammenführen konnte man bei ihm lernen.  Klaus G. Saur war sicher der am meisten geehrte Buchmensch weltweit und trotzdem waren ihm Eitelkeiten fremd. Er hatte die Gabe, sichtbar zu sein, aber auch anderen Erfolge zu überlassen.

Tiefe Freundschaft

Klaus G. Saur und ich waren über viele Jahrzehnte in tiefer Freundschaft verbunden. Er war ein wunderbarer Freund. Bücher, Bücher, Bücher stillten unsere Neugier. Für das Moderne, für Computer und Netze, waren aber seine Fähigkeit für Improvisation und Intuition und seine Bereitschaft für schnelle Reaktionen eine Triebfeder. So war er als Freund und Kollege ein wichtiger Partner als Mitglied der Aufsichtsgremien auf meinem langen beruflichen Weg als Generaldirektor der Deutschen Nationalbibliothek, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und als Präsident des Goethe-Instituts. Seine Leidenschaft, aber auch seine Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen und mit einem nüchternen Sinn für das Praktische erfolgreich umsetzen zu können, gaben ihm die gestalterische Kraft. Die Freundschaft mit Klaus schloss die Freundschaft zu Lilo voll und ganz ein, auch zu Lisa, meiner Frau. Es war eine gelebte Gemeinschaft.

Netzwerke empathisch gepflegt

Es ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die Klaus G. Saur als Verleger geschrieben hat. Er hat ein enzyklopädisches Weltreich geschaffen, ein Weltarchiv der menschheitlichen Kulturdaten. Das ist nur möglich, wenn man seine Visionen in verlegerische Machbarkeit umsetzt, wenn man über ein dichtes verlässliches Netzwerk aus Autoren, Herausgebern, Wissenschaftlern und Institutionen verfügt, wenn man das Netzwerk nicht nur technokratisch, sondern auch empathisch pflegt und wenn man sich selbst mit großer Bereitschaft als aktiver Partner in das Beziehungsgeflecht professionell, gesellschaftlich und sozial einbringt.

Er machte aus Empfängen strahlende Ereignisse, er lud herausragende Persönlichkeiten zu viel beachteten Vorträgen, er unterstützte großzügig mit Eigenmitteln, vermittelte Schenkungen und trommelte mit nicht nachlassender Initiative für kulturelle Projekte und Förderprogramme.

Ein eindrucksvolles Beispiel von vielen erlebten wir beim jährlich stattfindenden Weltkongress der Bibliotheken IFLA. Er schuf dort vielfältige Möglichkeiten der Begegnung, mit denen sich die gegenseitige Abschottung überwinden ließ, sogar in Zeiten des Kalten Krieges. Dieser Vertrauensvorschuss half, nach dem Ende der Sowjetunion, in den mittel- und osteuropäischen Staaten eine unabhängige Buchhandels- und Bibliotheksstruktur aufzubauen. Aber auch den Prozess der Wiedervereinigung hat er mit großer Sensibilität und Kenntnis aktiv mitgestaltet. Ein großes Anliegen war ihm die Aufarbeitung der NAZI-Zeit und die Bedeutung des Deutschen Exils.

Bester Kenner des weltweiten Buchmarkts

Für Klaus G. Saur war der ungehinderte Zugang zu Wissen und Information ein herausragender Wert, für den er sich mit allen Kräften einsetzte und für den er den Bibliotheken und der Wissenschaft die leistungsfähigen Instrumente lieferte. Er ist wohl der beste Kenner nicht nur des deutschen, sondern auch des weltweiten Buchmarktes.  

Klaus G. Saur war durch sein lebenslanges weltweites Engagement mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen nicht nur vertraut, er hatte auch erkannt, dass der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik eine besonders wichtige Rolle zukommt, um Tabus zu überwinden, Stillstand durch Alternativen aufzulösen und unser Zusammenleben auch bei radikalen Umbrüchen durch den kulturellen Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen verantwortlich zu organisieren.

Dafür hat Klaus G. Saur einerseits sein vielfältiges Instrumentarium geschaffen, das der Wissenschaft und Bildung dient und andrerseits sich mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in den Gremien des Goethe-Instituts und seinem Institutsnetz aktiv am Kulturdialog beteiligt.  

Klaus G. Saurs Saat ist aufgegangen

Deshalb kommt dem heutigen Tag der Trauerfeier, dem 28. August, eine hohe symbolische Bedeutung zu. Es ist der Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe, dem Namenspatron des Goethe-Instituts. Es ist zugleich der Tag, an dem die Goethe-Medaille in Weimar vergeben wird. Ausgezeichnet werden damit ausländische Persönlichkeiten, die sich dem kulturellen Austausch als wesentliches Element für eine positive politische und soziale Kraft verschrieben haben. Sie gilt seit 1975 als offizieller Orden und ist von hohem Ansehen. Für Klaus G. Saur und mich war der 28. August ein Festtag, den wir immer gemeinsam in Weimar begangen haben. Diese Erinnerung mit der Verpflichtung wird bleiben.

Diese Auffassung hat Goethe so formuliert: 'Vielleicht überzeugt man sich bald, dass es keine patriotische Kunst und Wissenschaft gebe. Beide gehören, wie alles Gute, der ganzen Welt an und könne nur durch allgemeine, freie Wechselwirkung gefördert werden.'

Wir nehmen schweren Herzens Abschied von Klaus G. Saur. Wir ehren ihn mit größter Hochachtung für seine vielfältigen Leistungen. Uns ist bewusst, dass sein beruflicher Erfolg maßgeblich auch dazu beigetragen hat, das kulturelle und geistige Leben für die Zukunft zu prägen. Seine Saat ist aufgegangen und wird kommende Generationen immer wieder an sein vielfältiges eigenständiges Wirken zum Wohl der Kultur erinnern. Er hat uns damit Mut gemacht."