Lesen im DACH-Raum

Das Buch bleibt ein Kulturgut – aber vielleicht nicht für alle

27. August 2026
Redaktion Börsenblatt

Eine Studie untersucht das Leseverhalten und Geschmackspräferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie beschreibt soziale Unterschiede beim Lesen, aber auch eine stabile kulturelle Geltung des Buches. Das sind die ersten Erkenntnisse.

Ein Kind neben einem Stapel Bücher mit dem Handy in der Hand.

Digitale Ablenkung? Bildung und das Vorlesen zu Hause entscheiden oft über Lesekarrieren

Lesen oder Nichtlesen, das ist die Frage

Die Studie "Das gelesene Buch. Lesen und Geschmackspräferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz" basiert auf einer standardisierten Online-Befragung von 6.427 volljährigen Personen. Erhoben wurde im Mai und Juni 2026 in Deutschland, Österreich und der Schweiz; die Auswertung ist deskriptiv angelegt und versteht sich als erste Sondierung, es handelt sich um ein "Working Paper", das dem Börsenblatt vorliegt.

Die Autor:innen Carolin Amlinger, Luca Keiser, Oliver Nachtwey und Jörg Rössel schreiben im Fazit: "Die Klage über den Niedergang des Lesens lässt sich nicht bestätigen, allerdings auch nicht komplett zurückweisen." Entscheidend sei weniger die Menge des Gelesenen als die Frage, ob überhaupt gelesen werde.

In einer typischen Woche lesen 23 % in ihrer Freizeit gar nicht, 15 % haben im Vorjahr kein Buch gelesen. Die größte Gruppe liest 1 bis 2 Stunden pro Woche (38 %); 4 % kommen auf 11 Stunden und mehr. Das gedruckte Buch dominiert in allen Altersgruppen, am stärksten bei den Jüngsten.

Grafik: Höhere Bildung heißt auch höhere Affinität zu Büchern

Bildung und Vorlesen prägen das Lesen

Die schärfste Trennlinie verläuft laut Studie zwischen hoher Bildung und allen übrigen Bildungsstufen. Im kombinierten Lesetyp-Index sind bei hoher Bildung 7 % Nichtleser:innen und 13 % Vielleser:innen. Bei "tiefer" und "mittlerer" Bildung lesen rund 18 % nie, rund 8 % viel. Frauen lesen regelmäßiger als Männer: 29 % der Männer, aber 17 % der Frauen lesen gar nicht.

Auch die Lesesozialisation wirkt. Wurde als Kind nie vorgelesen, lesen heute 27 % gar nicht; bei häufigem Vorlesen sind es 8 %. Das Vorlesen beeinflusst damit vor allem, ob später gelesen wird, nicht wie viel.

Der Nichtleser-Anteil ist im DACH-Raum in Deutschland am höchsten

Auf Krimis können sich alle einigen - doch da hört es auf

Krimi und Thriller werden von 39 % der Befragten oft oder sehr oft gelesen. Höhergebildete greifen zusätzlich häufiger zu aktuellen literarischen Romanen, Biographien, Klassikern sowie historischen und politischen Sachbüchern. Geschlecht und Alter strukturieren die Genrevorlieben ebenfalls: Frauen lesen häufiger erzählende Literatur, Männer häufiger Sachbücher; Jüngere neigen stärker zu Fantasy, New Adult und Science-Fiction.

Für ein "gutes Buch" zählen zunächst das interessante Thema und eine spannende Handlung (jeweils 62 %), gefolgt von Unterhaltung (43 %). Formkriterien gewinnen mit der Bildung an Gewicht: Eine schöne Sprache nennen 32 % der Hochgebildeten, aber 16 % der Befragten mit tiefer Bildung.

Grafik: Wer als Kind nie vorgelesen bekommt, aus dem wird später eher kein Leser mehr

Lesen vor allem zur Entspannung

Die wichtigsten Lesemotive sind Entspannung (63 %) und Unterhaltung (57 %). Als Gründe gegen das Lesen nennen die Befragten vor allem fehlende Zeit (45 %), fehlende Lust und andere Prioritäten (je 22 %) sowie digitale Medien (21 %). Der Austausch über Bücher bleibt überwiegend privat: Freund:innen oder Bekannte (53 %) und Familienangehörige (50 %) sind die wichtigsten Gesprächspartner:innen; Buchclubs (2 %) und soziale Netzwerke (7 %) spielen eine geringe Rolle.

Die kulturelle Geltung des Buches bleibt dennoch stabil. Dass es ein wichtiges Kulturgut sei, bejahen 74 % bei tiefer und 88 % bei hoher Bildung. Rund 40 % stimmen der Aussage zu, künstliche Intelligenz schade eher, als dass sie nütze. Im Ländervergleich ist der Anteil der Nichtleser:innen in Deutschland am höchsten (23 %), in der Schweiz am niedrigsten (18 %); Österreich liegt bei 21 %.