Interview mit Verleger Daniel Kampa

"Das ist für einen kleinen Verlag wie ein Nobelpreis"

16. Juni 2021
von Matthias Glatthor

Der Zürcher Verleger Daniel Kampa spricht im Börsenblatt-Interview über den Erfolg mit den Krimis von Louise Penny, die unsere aktuelle Indie-Bestsellerliste anführt, über Georges Simenon, wie sein Verlagsprogramm ausgerichtet ist – und was demnächst kommt.

Daniel Kampa

Herr Kampa, "Unter dem Ahorn" von Louise Penny ist neu auf Platz 1 unserer Belletristik Independent-Charts eingestiegen. Wie hoch ist denn die Startauflage?
30.000 Exemplare, ein Rekord für unseren Verlag, wobei die erste Auflage schon ausverkauft ist. Heute wurde endlich die zweite Auflage angeliefert, leider nur 7.000 Exemplare. Wir hatten mehr geordert, aber die Druckerei hatte nicht mehr Papier. Die dritte Auflage wird gerade gedruckt.

Es ist der achte Fall für Gamache: Haben Sie im Laufe der Zeit die Startauflagen der Reihe wegen des Erfolgs erhöht?
Wir haben, was für die Leser*innen und Buchhändler*innen nicht ganz verständlich war, im Herbst 2018 nicht mit dem ersten Band begonnen, der zuvor schon einmal auf Deutsch erschienen, aber lange vergriffen war, sondern mit dem 13. Fall 'Hinter den drei Kiefern', der damals der neueste Fall war. Autor*innen lieben ihr aktuellstes Kind halt am innigsten, und es war der Wunsch von Louise Penny, dass zunächst ihr neuester Roman auf Deutsch erscheint. Dazu ist der 13. Fall auch einer der Höhepunkte der Gamache-Reihe, was auch im deutschsprachigen Raum sofort erkannt wurde: Der Roman stand auf Platz 2 der Krimibestenliste von DLF Kultur / FAS.

Erst im Anschluss veröffentlichten wir Gamaches ersten Fall, 'Das Dorf in den roten Wäldern', mit einer Auflage von 7.000 Exemplaren. Als kleiner Verlag planen wir die Auflagen äußert vorsichtig und bemühen uns um ein wirtschaftliches Lagermanagement. Aber im Herbst werden wir auf Nummer sicher gehen und die Fälle 9 und 10, die im September und Oktober erschienen, jeweils mit 50.000 Exemplaren an den Start bringen.

Wie hoch ist denn mittlerweile die Gesamtauflage aller Penny-Krimis bei Kampa?
Wir nähern uns der 500.000-Marke, denn – was ja auch die Independent-Bestsellerliste zeigt – die Backlist läuft konstant in hohen Stückzahlen weiter.

Welche Bedeutung hat Louise Penny für den Erfolge Ihres Verlags?
Jeder neuer Gamache-Krimi kommt sofort auf die Bestsellerliste, nicht nur auf die Independent-Liste. Das ist für einen kleinen Verlag wie den unseren, der erst vor drei Jahren gegründet wurde, wie ein Nobelpreis. Aber bei unserem gar nicht so kleinen Programm mit fast 40 Titeln pro Saison sind wir zum Glück nicht von einem einzigen Erfolg abhängig. Das Wichtige bei Louise Penny ist für uns die Nachhaltigkeit. Es gibt nicht nur die treuen Penny-Fans, die auf mehr warten; auch immer neue Leser*innen entdecken Gamache und beginnen beim ersten Fall. Es ist der alte Spruch: Was ist noch besser als Bestseller? Longseller!

Warum sind die Krimis von Louise Penny so beliebt? Ihre Meinung?
Es ist wie bei allen guten Krimis: Louise Penny setzt auf Intuition statt Indizien, auf Atmosphäre statt Action und schreibt dabei hochspannend und sprachlich meisterhaft. Außerdem hat sie mit dem idyllischen Dorf Three Pines, in dem ihre Krimis angesiedelt sind, einen Ort erfunden, an den sie sich zurückziehen kann, wenn es ihr schlecht geht, und mit den ebenso liebenswürdigen Dorfbewohner mit ihren Ecken und Kanten Freunde kreiert, die für sie da sind – das hat einen unwiderstehlichen Charme. Den hat auch Louise Pennys Protagonist Armand Gamache, der wahrlich ein Kommissar zum Verlieben ist – leider aber schon vergeben. Wenigstens darf man beim Lesen seiner Fälle Gamache ganz nahekommen.

Können die Leser*innen auf Nachschub hoffen: Wie viele weitere Bände von Louise Penny sind im englischen Original noch vorhanden – wann kommen sie in deutscher Übersetzung?
Bis jetzt sind auf Deutsch die Fälle 1 bis 8 sowie 13 und 14 lieferbar. Diesen Herbst erscheinen die Fälle 9 und 10, im Frühjahr 2022 dann die Fälle 11 und 12, sodass für alle Fans endlich die Lücke gefüllt wird. Aber auch im Anschluss wird Gamache weiter im Kampa Verlag ermitteln. In den USA erscheint im August 2021 bereits Gamaches 17. Fall 'The Madness of Crowds'. Wir – und vor allem auch unsere Penny-Übersetzer*innen Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck und Sepp Leeb – sind bemüht, die fehlenden Bände 15 bis 17 möglichst rasch zu veröffentlichen, um die Geduld von Louise Pennys deutschsprachigen Fans nicht überzustrapazieren. Uns erreichen fast täglich Anfragen ungeduldiger Leser*innen, denen der Lesestoff ausgeht und die sehr freundlich, aber auch sehr bestimmt Nachschub fordern.

Hat der Erfolg von Louise Penny auch die gesamte Programmgestaltung von Kampa beeinflusst?
Nicht wirklich, denn bei der Verlagsgründung war die Kriminalliteratur als eine der tragenden Säulen des Kampa-Programms gesetzt. Ich lese nun mal für mein Leben gerne Krimis und wollte meine persönlichen Vorlieben und Entdeckungen in diesem Genre mit anderen teilen – und gute Bücher veröffentlichen, mit dem der Buchhandel auch spannende Umsätze machen kann.

Wie hat sich Ihr Krimiprogramm, für das ja insbesondere auch Georges Simenon steht, entwickelt?
Als der Verlag lanciert wurde, machte die Übernahme der deutschsprachigen Rechte von Georges Simenon viel Wirbel. Als neuer Verlag kann man sich ja schlecht über Presse beklagen, aber mich hat das immer ein wenig gestört. Denn gewiss ist Simenon und seine Maigret-Reihe für unser Krimiprogramm als Aushängeschild das ideale Fundament mit enormer Strahlkraft, vereint Simenon doch Verkäuflichkeit mit höchster literarischer Qualität.

Aber wir haben von Anfang an mit viel Engagement ein Krimiprogramm aufgebaut, das heute fast 60 Titel zählt, neben Simenon eigene Akzente gesetzt hat und sehr schöne Erfolge feiert, etwa mit den Paris-Krimis von Alex Lépic, mit US-Superstar Michael Connelly und seinen Ermittlern Renée Ballard und Harry Bosch, mit der Neuübersetzung von Dashiell Hammetts 'Malteser Falke' oder mit Matthias Wittekindts 'Vor Gericht', hochgelobt und auf den vorderen Rängen der Krimibestenliste von DLF Kultur und FAS.

… und der Beitrag von Louise Penny?
Der nachhaltige Erfolg von Louise Penny hat uns sicherlich geholfen, sozusagen vom Simenon-Verlag zum Louise-Penny-Verlag oder zum Krimi-Verlag allgemein zu werden, was mir persönlich sehr wichtig ist. Denn wir haben viel mehr zu bieten als "nur" Simenon. Und wir haben im Krimibereich noch viel vor.