Sie kennen die ukrainische Buchbranche seit langen Jahren und sind mit vielen Autorinnen und Autoren befreundet. Haben die Bombardements in Charkiw auch Bücher Ihres Brücke-Kreises getroffen?
Verena Nolte: Allmählich dringen genauere Nachrichten zu uns vor. Es ist klar, dass die Zerstörung eines so riesigen Buchlagers, bei der mehr als 8 Millionen Büchern verbrannt sind, auch Autorinnen und Autoren aus unserem Netzwerk betreffen muss. So hat uns der Charkiwer Verlag "Жорж / Zhorzh" – einer der geschädigten Verlage – gerade kontaktiert. Er verlegt das jüngste Buch von Yuriy Gurzhy, Autor und Musiker aus Berlin mit Charkiwer Wurzeln, das wir bei unserem Lwiwer Treffen vorstellen wollen (deutscher Titel: "Ein Aquarium voller Schlüssel. Charkiw und die Fotos meines Vaters", Edition Frölich, Berlin 2025). Gurzhys Buch ist vor kurzem schon auf Ukrainisch bei Zhorzh erschienen. Jetzt erfuhren wir, dass von der ganzen Auflage seiner gedruckten Bücher nur 27 Exemplare in Lwiw und 3 in Charkiw übriggeblieben sind.
Was kann die deutsche Buchbranche tun, um beispielweise jetzt Yuriy Gurzhy und seinen ukrainischen Verlag zu unterstützen?
Verena Nolte: Der Verlag "Zhorzh" ist erst einmal froh, dass alle Mitarbeitenden überlebt haben und sucht unter Aufbietung aller verfügbaren Ressourcen nach Lösungen. Man weiß allerdings noch nicht einmal, ob überhaupt neue Bücher in Druck gegeben werden können und ob dafür die finanziellen Mittel vorhanden sein werden. Deshalb bereitet der Verlag einen Aufruf an ihre Autorinnen und Autoren vor und bittet diese um Unterstützung.
Zu befürchten ist jedoch, dass ohne internationale finanzielle Hilfe von außen der Verlag innerhalb weniger Monate seinen Betrieb einstellen muss. Man kann den Verlag "Zhorzh" sofort mit einer Spende unterstützen. Weitere Informationen zur Spendenaktion folgen unten.
Vom 21.-24. August wird im westukrainischen Lwiw das nächste Treffen von Eine Brücke aus Papier stattfinden, zu dem rund zwanzig ukrainische und deutsche Autor:innen angekündigt sind. Wie wichtig ist den Beteiligten dieser wiederkehrende Kongress mitten im Krieg? Welche Themen stehen im Mittelpunkt?
Verena Nolte: Es ist entscheidend, dass wir in dem verfolgten und gepeinigten Land wieder präsent sind. Unser gemeinsamer Auftritt in Lwiw geht eben über Lippenbekenntnisse hinaus. Wir aus dem Westen kommen in die Ukraine, nehmen die mühevolle Reise und die möglichen Gefahren auf uns, wie die ukrainischen Teilnehmenden sie seit Jahren nahezu täglich ertragen, um gemeinsam die Normalität des literarischen Lebens aufrecht zu erhalten, den Austausch der Texte, das Zuhören, die Begegnung. In diesem Jahr stehen die schreibenden ukrainischen Verteidiger:innen im Mittelpunkt, ihre Traumatisierung durch den Krieg und die Frage, ob Literatur helfen kann, das Trauma zu bewältigen. Dies ist auch ein Thema der deutschen Literatur, die wir in Lwiw vorstellen.
Welche öffentliche Resonanz erhoffen Sie sich von Ihrer Initiative? Einerseits in der Ukraine und andererseits in Deutschland?
Verena Nolte: Wir hoffen auf eine gute internationale Berichterstattung, die die ukrainische Literatur mit ihren Autorinnen und Autoren würdigt und mit Blick auf die Kultur und Kreativität des Landes auf die Kraft hinweist, die von diesen ausgeht. Denn warum sonst sollten die Russen gegen sie eine solche Vernichtungswut entwickeln? In der Ukraine werden wir durch die Kontinuität unseres Projekts, die die Resilienz der Ukraine zum Ausdruck bringt, immer stärker wahrgenommen.
Wir werden den Verlauf des Krieges nicht beeinflussen können, aber wir können in unseren Buchhandlungen und Verlagen immer wieder die Fahne für die ukrainische Literatur hissen. Wenn Sie auf die Herbstprogramme der deutschen Verlage schauen, welche Bücher ukrainischer Autor:innen sollten in keinem Sortiment fehlen?
Verena Nolte: Im Verlag Klett-Cotta erscheinen im Herbst die Beobachtungen des Krieges von Artem Tschech, der bei uns auftreten wird, unter dem Titel "Musik für einen Soldaten". Im Wallstein Verlag Göttingen erscheint seit 2025 die von Tanja Maljartschuk und Claudia Dathe herausgegebene "Ukrainische Bibliothek" in acht Bänden, die die hierzulande bislang weitgehend unbekannte ukrainische Literatur der Klassik und Moderne spiegelt. Die einzelnen Bände werden in Neuübersetzungen und engagierten Herausgeberessays ukrainischer Gegenwartsautor:innen an uns deutsche Lesende gebracht. Sehr verdienstvoll ist der Verlag edition.FotoTapeta, der immer wieder sehr schöne Ausgaben ukrainischer Prosa und Lyrik herausbringt, darunter von Ostap Slyvynsky, der bei uns auftritt. Aber auch Essayistik, wie gerade der Band "Eine Kultur des Trotzdem" des ukrainischen Philosophen Wolodymyr Jermolenko beweist.
Welchen neuen literarischen Stimmen in der Ukraine würden Sie eine Übersetzung ins Deutsche unbedingt wünschen?
Verena Nolte: Es geht darum, dass der Gegenwartskanon der ukrainischen Literatur in deutscher Sprache zugänglich bleibt und die deutschsprachigen Verlage Treue gegenüber ihren ukrainischen Autor:innen beweisen, indem sie sich immer wieder an Neuübersetzungen wagen. Wir leisten dem Vorschub, indem wir für "Eine Brücke aus Papier" immer wieder neue Stimmen übersetzen und vorstellen, was ohne die vielen engagierten Übersetzerinnen und Übersetzer nicht möglich wäre. Schauen Sie in unser Programm.
Werden wir tun. Vielen Dank und viel Erfolg bei diesem wertvollen Projekt!