Unter anderem mit "Liebe potenziell Verfassungsschutzbeobachtete und BKM-Verdrießer" grüßte Schriftstellerin Nina George das Publikum und erntete dafür Lachen aus allen Ecken des Saals der historischen Villa Clementine in Wiesbaden.
"Wozu Bücher?", diese Frage stellte sie in ihrer Impulsrede - und hatte darauf eine ganze Reihe von Antworten. Zum einen seien Bücher hervorragend dazu geeignet, Menschen aufzuregen, die nicht damit klarkommen, wenn in Büchern andere Lebensentwürfe als die eigenen aufgezeigt würden. So regte sie an, man könnte "verbannte, verfolgte, zerstörte Bücher nachauflegen und in die Buchhandlungen bringen, eine ständige Vertretung der 'Banned Books' als Widerstands-Tisch in jeder Buchhandlung, gerne auch in Englisch für durchreisende US-Amerikaner: das wär’s doch. Auch Neonazis brauchen schließlich Bildung."
Auch nicht ganz unerlässlich: Durch Bücher sei Unsterblichkeit möglich. "Schreiben Sie ein Buch. Die ISBN und ISNI sind ein Ewigkeits-Garant", empfiehlt George. "Bücher sind außerdem Verhandlungstische für Alle", ergänzt sie. Kritisch äußerte sie sich zur inflationären Kennzeichnung in Form von Triggerwarnungen. Literatur sei immer Kontext und nicht allein Content. Der Versuch, beim Lesen größtmögliche psychische Sicherheit herzustellen, könne dazu führen, dass die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen verloren gehe. Ihr Vorschlag als Optimistin: "Lasst uns eine Werbekampagne entwerfen und auf alle Bücher: Warning: contains everything! drucken." Als Pessimistin fürchtet sie, dass dieser Wunsch nach emotionaler Unversehrtheit uns einschränkt. Für Nina George gehören Zumutungen zum Leben und damit auch zur Literatur. "Bin ich zuständig für die Zustände anderer Leute und wenn ja, wer ist für mich zuständig, die ich mir ein Leben ohne Zumutung schon aus Erfahrung gar nicht wünsche?"
Daneben nannte sie viele weitere Gründe für Bücher: Sie fördern die Lesekompetenz von Kindern, verschönern die Einrichtung, bewahren Erinnerungen und begleiten Menschen oft ein Leben lang. Alte Bücher erinnerten daran, wer man einmal gewesen sei und wer man damals werden wollte. Die Kraft von Sprache steht für sie auch fest, da es zwei Möglichkeiten gebe, die Zeit anzuhalten: "Küssen oder Lyrik lesen. Das zweite ist schon deshalb praktischer, da es man es auch allein tun kann."
George, die seit mehr als drei Jahrzehnten als Schriftstellerin tätig ist, sagt selbst: "Ich bin zuallererst Leserin, dann erst - irgendwann - Schriftstellerin." Für sie stehen Lesen und Schreiben in engem Zusammenhang: "Ich lese, um zu wissen, wer ich bin. Ich schreibe, um zu wissen, was ich denke."