Zwei Stimmen vom World Expression Forum in Lillehammer

Die Freiheit zum Streit

15. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Unter dem Motto "The Freedom to Disagree“ versammelte das World Expression Forum (WEXFO) vom 1. bis 3. Juni 2026 in Lillehammer bereits zum fünften Mal Stimmen aus vielen Ländern und mehreren Generationen, um über die enger werdenden Räume für Widerspruch und freie Meinungsäußerung zu sprechen. John Steinmark (Frankfurter Buchmesse) und Jessica Sänger (Börsenverein) schildern ihre Eindrücke. 

Die Teilnehmenden des WEXFO beim Austausch.

"The Freedom to Disagree": Unter diesem Motto ist freie Meinungsäußerung das Kernthema des World Expression Forums.

Highlights von der großen Bühne

Zwei Frauen stehen auf der Bühne der WEXFO.

Jessica Sänger, Director European and international Affairs beim Börsenverein und Vorsitzende des IPA Freedom to Publish Committee

Ein Teil der Redebeiträge ist bei einer solchen Tagung naturgemäß eine Problembeschreibung – es geht um Trends wie Entdemokratisierung, wie sie V-Dem mit konkreten Zahlen belegt, um die systematische Untergrabung von Vertrauen in öffentliche Institutionen der Zivilgesellschaft oder die Warnung von Prof. Kimberly Wehle, dass die Demokratie in den USA derzeit am seidenen Faden hängt. Das Spannende bei WEXFO ist jedoch, dass darüber hinaus Analysen wichtiger Faktoren für diese Entwicklungen sowie praktische Ansätze zur Verbesserung der Situation diskutiert werden.

Beispielsweise sprach Nobelpreisträgerin Maria Ressa über die "1000 kleinen Wunden", die Institutionen wie dem freien Journalismus oder der unabhängigen Gerichtsbarkeit systematisch zugefügt werden, bis sie eines Tages scheinbar plötzlich zusammenbrechen, wie sie es in den Philippinen erlebt hat. Sie spricht seit Jahren eindringlich über den gefährlichen Einfluss der Algorithmen in den "sozialen" Medien, die dies befördern und die Notwendigkeit, dem etwas entgegenzusetzen. Dieses Jahr konnte sie berichten, dass ihr Bündnis einen unabhängigen Tech Stack entwickeln konnte, der es Institutionen ermöglicht, von den großen digitalen Monopolen wegzukommen. Sie begrüßt sehr, dass die Regierungen von Frankreich und Deutschland offenbar ihre Webseiten bereits auf dem entsprechenden Protokoll betreiben. In ihrem neuen Buch "The Fight Back" (erscheint im Oktober 2026) beschreibt sie konkrete Schritte, die jede Bürger:in unternehmen kann, um die Demokratie aktiv zu schützen. Ihr Beitrag in Lillehammer war wie immer sehr aufrüttelnd – aber eben auch konstruktiv und damit optimistisch.

Tief beeindruckt hat mich der Vortrag von Megan Phelps Roper, die in die Westboro Baptist Church hineingeboren wurde, die als religiöse Sekte Hass gegen Außenstehende, insbesondere Queere Menschen, Juden, Muslime und auch gegen Soldaten predigt. Sie war als junger Mensch eine prominente Stimme der Organisation und verbreitete Hassbotschaften, in denen sogar der Tod von Kindern gefeiert wurde. Dass sie heute eine vehemente Verfechterin gleicher Rechte für alle Menschen ist, verdankt sie den Menschen, die in den sozialen Medien auf ihre Postings nicht mit Hass reagierten sondern mit dem Angebot, bei aller Ablehnung ihrer Ansichten inhaltlich mit ihr zu diskutieren. So erkannte sie nach und nach, dass in ihrer Gemeinschaft, die diskussionsfreudig schien und vermeintlich die Meinung jedes Mitglieds respektierte, in Wirklichkeit keinerlei Widerspruch geduldet wurde. Sie erkennt inzwischen, dass die Meinungsfreiheit, die ihrer hasserfüllten Sekte in den USA eingeräumt wurde, zwar für viele kontraintuitiv ist, gleichwohl jedoch der beste Weg, um inhaltlichen Streit zu ermöglichen, der im Ergebnis zu besser begründeten Ansichten führt. Ihre Kernbotschaft lautete: Streit führt zu Fehlerkorrektur. Gelingende Gesellschaften brauchen Reibung, Diskurs und Neugier, um frei und resilient zu sein.

Besonders bewegend fand ich ein Podium mit zwei Hochschullehrer:innen aus Israel, das durch langanhaltende Zwischenrufe pro-palästinensischer Aktivist:innen unterbrochen wurde. Es machte deutlich, wie wichtig die Fähigkeit zum Aushalten stark abweichender Meinungen ist. In einer so diversen Gesellschaft wie der Israels bildet sich in jedem Hörsaal ein extrem breites Meinungsspektrum ab. Der Völkerrechtsprofessor Yuval Shani, der seinen Studierenden die Illegalität bestimmter israelischer Siedlungen erläutert, tut dies nicht selten auch vor Menschen, die dort geboren wurden und von den Werten der Siedlergemeinschaft geprägt sind. Im Raum befindet sich zugleich meist auch jemand, dessen Familie während der Nakba aus ihrem Zuhause fliehen musste.

Teilnehmende des WEXFO sitzen gemeinsam im Außenbereich.

Die Teilnehmenden des WEXFO beim gemeinsamen Austausch im Außenbereich.

Sharon Ben-Arie schilderte uns, wie sie und ihre Kolleg:innen bei den fast unweigerlich resultierenden Konflikten zwischen Student:innen und auch Lehrkräften aus den verschiedensten Gruppen ein "elftes Gebot" für sich eingeführt haben: "verletze nicht". Allein aufgrund der Tatsache, dass die Universitäten es unter schwierigsten Bedingungen immer noch schaffen, verschiedene Gruppen in ihren Hörsälen und Seminaren zusammenzubringen, werden sie von der aktuellen israelischen Regierung diffamiert und mit Linksextremismusvorwürfen überzogen.

Mein persönliches Highlight war die Shortlist für den Prix Voltaire, die ich gemeinsam mit der Präsidentin des internationalen Verlegerverbands IPA Gvantsa Jobava bekanntgeben durfte. Es ist eine große Ehre, diese mutigen Verleger*innen vorstellen zu dürfen, die sich trotz Einschüchterung und Verfolgung nicht davon abbringen lassen, Bücher zu machen, die sie für wichtig halten. Dieses Jahr finden sich auf der Liste sechs Nominierte aus Palästina, Ägypten, Russland, den Philippinen und Thailand.

Dass die Arbeit der Verbände am Thema Meinungsfreiheit sinnvoll ist, belegen übrigens die Zahlen von V-Dem: Sie zeigen, dass sich die Indikatoren für dieses Grundrecht in Autokratisierungsprozessen zuerst negativ entwickeln und damit den Verlust weiterer Grundrechte ermöglichen. Umgekehrt ist die Verbesserung der Situation der Meinungsfreiheit offenbar Voraussetzung für positive Entwicklungen in Staaten, die sich (re)-demokratisieren.

Vernetzung und Protest

John Steinmark hält ein Mikrofon in der Hand und spricht auf dem WEXFO.

John Steinmark, Programm Manager für „Frankfurt Calling – Perspectives on Culture and Politics" bei der Frankfurter Buchmesse

Während auf der Hauptbühne große Namen wichtige Themen behandelt haben, spielte sich in den Korridoren und in sogenannten "Breakout Sessions" etwas ab, das mich mindestens genauso beeindruckt hat. 

Gemeinsam mit Kollegen von der International Publishers Association und PEN International organisierte ich einen Workshop zum Thema "The Future of Publishing: Making Space for Young Voices". Darin wurde deutlich, dass es bereits viele vielversprechende Initiativen für junge Stimmen gibt, dass diese aber kaum miteinander vernetzt sind. Wissen wird noch nicht ausreichend geteilt, Ressourcen werden nicht gebündelt, Impulse verpuffen oft im jeweiligen nationalen oder institutionellen Kontext. Genau hier setzt das Young Voices Network an, das wir derzeit an der Frankfurter Buchmesse entwickeln: nicht als weiteres Programm, sondern als Brücke zwischen Initiativen, die bisher zu oft parallel statt gemeinsam arbeiten.

Der dritte Tag – unter dem Motto "Take Action" – war für mich vielleicht der stärkste der ganzen Konferenz. Endlich konnten die Young Experts, junge Aktivistinnen und Aktivisten aus der ganzen Welt, die die WEXFO-Organisation nach Norwegen eingeladen hatte, vorstellen, woran sie selbst arbeiten, und sich effektiv vernetzen. Was dabei herauskam, war schlicht beeindruckend: Projekte aus so unterschiedlichen Kontexten, die plötzlich miteinander in Dialog traten.

Diesem konstruktiven Geist stand am Ende des zweiten Konferenztages ein anderer, nicht weniger eindrücklicher Moment gegenüber. Am selben Tag, an dem der britische Dokumentarfilmemacher Louis Theroux auf der großen Bühne ein Plädoyer für Neugier und Empathie gehalten hatte, erhielten die Young Experts Zeit für ein abschließendes Resümee. Nach einem ernsthaften Dissens mit der Konferenzleitung, der sie vorwarfen, nicht genügend einbezogen worden zu sein, entschieden sie sich, ihre Redezeit für etwas Unerwartetes zu nutzen: Sie standen inmitten aller Anwesenden auf und schwiegen gemeinsam drei Minuten lang. Kein Applaus, keine Parolen. Ein stilles, aber unmissverständliches Statement – und für mich einer der stärksten Momente des gesamten Forums. 

Elif Shafaks Worte blieben mir auf dem Rückweg im Kopf – und mit ihnen eine Frage, die das Forum nicht wirklich beantwortet hat. Sie hatte eindringlich dafür plädiert, langsamer zu werden, zu reflektieren, Bücher zu lesen – und vor allem: die Verbindungen zueinander, zur Natur und zu uns selbst wiederherzustellen. Die größte Gefahr für unsere Gesellschaften? Apathie. 

Eine offene Frage zum Schluss

John Steinmark: "The Freedom to Disagree"" ist ein starkes Motto. Aber wer profitiert vom Dissens? Reaktionäre Politiker inszenieren sich – im Verbund mit gleichgesinnten Plattformbetreibern und Medienunternehmern – als Widerstandskämpfer, während sie Demokratien von innen aushöhlen und den öffentlichen Diskurs mit Falschmeldungen, Bots und rassistischen Narrativen vergiften. Sie haben die Sprache der Freiheit längst für sich vereinnahmt. Brauchen wir in diesem Moment nicht vor allem Solidarität und Zusammenhalt, um effektiv für Menschenrechte wie das auf freie Meinungsäußerung kämpfen zu können? 

Jessica Sänger: Für mich war es genau das richtige Motto, denn wenn es uns nicht gelingt, respektvoll miteinander zu streiten, riskieren wir, die Fähigkeit zum Zuhören und Überdenken der eigenen Position zu verlieren. Das könnte bedeuten, dass viele wichtige Gespräche zwischen konstruktiv engagierten Menschen im Schweigen enden. Ich bin überzeugt, dass wir den Kommunikationsraum nicht denjenigen überlassen dürfen, die ihn mit Hassparolen und Polarisierung fluten. Daher halte ich es mit Megan Phelps Roper: das Verlassen der Komfortzone kann zu mehr Übereinstimmung bei den wichtigen gemeinsamen Werten führen und macht die Zivilgesellschaft stärker. Unbequem bleibt es.