Ein Teil der Redebeiträge ist bei einer solchen Tagung naturgemäß eine Problembeschreibung – es geht um Trends wie Entdemokratisierung, wie sie V-Dem mit konkreten Zahlen belegt, um die systematische Untergrabung von Vertrauen in öffentliche Institutionen der Zivilgesellschaft oder die Warnung von Prof. Kimberly Wehle, dass die Demokratie in den USA derzeit am seidenen Faden hängt. Das Spannende bei WEXFO ist jedoch, dass darüber hinaus Analysen wichtiger Faktoren für diese Entwicklungen sowie praktische Ansätze zur Verbesserung der Situation diskutiert werden.
Beispielsweise sprach Nobelpreisträgerin Maria Ressa über die "1000 kleinen Wunden", die Institutionen wie dem freien Journalismus oder der unabhängigen Gerichtsbarkeit systematisch zugefügt werden, bis sie eines Tages scheinbar plötzlich zusammenbrechen, wie sie es in den Philippinen erlebt hat. Sie spricht seit Jahren eindringlich über den gefährlichen Einfluss der Algorithmen in den "sozialen" Medien, die dies befördern und die Notwendigkeit, dem etwas entgegenzusetzen. Dieses Jahr konnte sie berichten, dass ihr Bündnis einen unabhängigen Tech Stack entwickeln konnte, der es Institutionen ermöglicht, von den großen digitalen Monopolen wegzukommen. Sie begrüßt sehr, dass die Regierungen von Frankreich und Deutschland offenbar ihre Webseiten bereits auf dem entsprechenden Protokoll betreiben. In ihrem neuen Buch "The Fight Back" (erscheint im Oktober 2026) beschreibt sie konkrete Schritte, die jede Bürger:in unternehmen kann, um die Demokratie aktiv zu schützen. Ihr Beitrag in Lillehammer war wie immer sehr aufrüttelnd – aber eben auch konstruktiv und damit optimistisch.
Tief beeindruckt hat mich der Vortrag von Megan Phelps Roper, die in die Westboro Baptist Church hineingeboren wurde, die als religiöse Sekte Hass gegen Außenstehende, insbesondere Queere Menschen, Juden, Muslime und auch gegen Soldaten predigt. Sie war als junger Mensch eine prominente Stimme der Organisation und verbreitete Hassbotschaften, in denen sogar der Tod von Kindern gefeiert wurde. Dass sie heute eine vehemente Verfechterin gleicher Rechte für alle Menschen ist, verdankt sie den Menschen, die in den sozialen Medien auf ihre Postings nicht mit Hass reagierten sondern mit dem Angebot, bei aller Ablehnung ihrer Ansichten inhaltlich mit ihr zu diskutieren. So erkannte sie nach und nach, dass in ihrer Gemeinschaft, die diskussionsfreudig schien und vermeintlich die Meinung jedes Mitglieds respektierte, in Wirklichkeit keinerlei Widerspruch geduldet wurde. Sie erkennt inzwischen, dass die Meinungsfreiheit, die ihrer hasserfüllten Sekte in den USA eingeräumt wurde, zwar für viele kontraintuitiv ist, gleichwohl jedoch der beste Weg, um inhaltlichen Streit zu ermöglichen, der im Ergebnis zu besser begründeten Ansichten führt. Ihre Kernbotschaft lautete: Streit führt zu Fehlerkorrektur. Gelingende Gesellschaften brauchen Reibung, Diskurs und Neugier, um frei und resilient zu sein.
Besonders bewegend fand ich ein Podium mit zwei Hochschullehrer:innen aus Israel, das durch langanhaltende Zwischenrufe pro-palästinensischer Aktivist:innen unterbrochen wurde. Es machte deutlich, wie wichtig die Fähigkeit zum Aushalten stark abweichender Meinungen ist. In einer so diversen Gesellschaft wie der Israels bildet sich in jedem Hörsaal ein extrem breites Meinungsspektrum ab. Der Völkerrechtsprofessor Yuval Shani, der seinen Studierenden die Illegalität bestimmter israelischer Siedlungen erläutert, tut dies nicht selten auch vor Menschen, die dort geboren wurden und von den Werten der Siedlergemeinschaft geprägt sind. Im Raum befindet sich zugleich meist auch jemand, dessen Familie während der Nakba aus ihrem Zuhause fliehen musste.