Peter Wohlleben | ANZEIGE

Bakterien – die heimlichen Helden

7. Mai 2026
TONI HECHT

Sie steuern unser Leben, beeinflussen das Klima und helfen beim Abbau von Mikroplastik: In "Bakterien – die heimlichen Helden" eröffnet Peter Wohlleben einen neuen Blick auf die kleinsten Organismen der Erde. Ein Gespräch über ihre unterschätzte Bedeutung für unsere Zukunft.

Herr Wohlleben, für viele Menschen gelten Bakterien vor allem als Gefahr. Was hat Sie persönlich so fasziniert, dass Sie sich ausgerechnet diesen „unsichtbaren“ Organismen intensiv widmen – und was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Peter Wohlleben: Mich hat fasziniert, dass das eine eigene Welt ist   – mit Sprachen, Kriegen, Kooperationen und unfassbarer Intelligenz. Bakterien haben alles höhere Leben erfunden, sitzen in jeder Zelle (bis zu 100.000 Stück) und organisieren unseren Alltag. Besonders überraschend fand ich, dass sie die Gentechnik erfunden haben und ständig munter im eigenen Erbgut herumschnipseln, um sich rasend schnell an Veränderungen anzupassen.

 

Sie zeigen im Buch, wie allgegenwärtig und lebenswichtig Bakterien sind – vom Essen bis zu jeder Zelle unseres eigenen Körpers. Gibt es ein Beispiel, bei dem Sie sagen würden: Wer das einmal verstanden hat, schaut komplett anders auf die Welt?

Peter Wohlleben: Mein Lieblingsbeispiel ist der Sport. Unsere Darmbakterien feuern uns regelrecht an, uns zu bewegen. Dazu stimulieren sie Nerven, die vom Darm ins Gehirn führen und dort den Ausstoß von Glückshormonen verursachen. Allerdings kann das zwei Wochen dauern, bis die Kleinen verstanden haben, was ihrem großen Organismus guttut. Wir nennen das den „inneren Schweinehund überwinden“ – es sind aber die Bakterien, die das erst lernen müssen.

Peter Wohlleben in einem Feld

Peter Wohlleben

Sie schreiben, dass Bakterien nicht nur überall um uns herum und in uns existieren, sondern uns auch beeinflussen – bis hin zu Stimmung und Verhalten. Wie verändert dieses Wissen unseren Blick auf uns selbst?

Peter Wohlleben: Wir lernen, dass Bakterien keine Bösewichte sind, die auf der anderen Seite des Lebens stehen, sondern dass sie nicht nur unverzichtbar für uns sind, sondern sogar ein Körperbestandteil wie zum Beispiel rote und weiße Blutkörperchen. Sie unterstützen uns, wie etwa die Hautbakterien, die dafür sorgen, dass Wunden schneller heilen. Beseitigt man die Helferchen mit Seife oder Alkohol, so dauern solche Reparaturen unnötig lang.

 

Auch für Ökosysteme und das Klima spielen Bakterien eine zentrale Rolle. Wo unterschätzen wir ihren Einfluss am meisten?

Peter Wohlleben: Eindeutig beim Thema Klimawandel. Wir wissen, dass Wälder Regenwolken erzeugen, die wiederum wie Gletscher wirken und Sonnenlicht zurück ins Weltall reflektieren. Das hilft, Temperaturen zu dämpfen – im Sommer macht der Unterschied zwischen Wald und Offenland bis zu 20° C aus! Daneben sorgen Bakterien, die von den Blättern aufsteigen, in diesen Wolken für die Bildung von Regentropfen. Das wässert die Wälder, die wiederum mehr Wolken erzeugen können. So bekämpfen Bakterien mit ihren großen Freunden, den Bäumen, die drängendsten Probleme, nämlich Hitze und Trockenheit. Das wird bei den Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels viel zur wenig beachtet.

Zwei Hände mit Erde

Wenn wir beginnen, Bakterien nicht mehr als „Feinde“, sondern als Partner zu verstehen – was würde sich Ihrer Meinung nach im Umgang mit Natur, Umwelt und uns selbst grundlegend verändern?

Peter Wohlleben: Wir würden uns wieder mehr als Teil der Natur verstehen. Und dann auch andere Lösungen erforschen, denn von den geschätzten mehreren Milliarden Bakterienarten sind erst wenige Zehntausend bekannt. Wer weiß, was unter all den unbekannten Arten noch für wunderbare Strategien sind. Übrigens sind selbst in unserem Körper die allermeisten Bakterienarten nicht erforscht.

 

Warum ist das Thema Bakterien aus Ihrer Sicht gerade jetzt so relevant für eine breite Leserschaft?

Peter Wohlleben: Wir stehen als Menschheit, aber auch individuell vor großen Herausforderungen. Dabei haben wir bisher unsere wichtigsten Helfer übersehen. Diese werkeln kaum beachtet mit Hochdruck an der Beseitigung der Probleme, wie etwa dem Abbau des Mikroplastiks in Meeren und Böden. Bakterien sind also sympathische Botschafter der Hoffnung, und Hoffnung brauchen wir angesichts aller Schreckensmeldungen dringender denn je. Davon abgesehen ist es einfach schön zu wissen, dass Bakterien jede Leserin und jeden Leser im Alltag massiv unterstützen und keineswegs Schmuddelwesen sind, die man undifferenziert bekämpfen sollte.

 

Bakterien – die heimlichen Helden
Peter Wohlleben
23,00 € (DE)
ISBN 978-3-89029-611-1
320 Seiten
ET: 04.05.2026
Piper