MEINUNG: Kolumne von Martina Bergmann

Ein Engel kommt vorbei

12. Januar 2021
von Börsenblatt

Bei unserer Kolumnistin Martina Bergmann ist an Weihnachten ein Engel vorbeigekommen. "Un ange passe" - im Französischen hat dieser Ausdrucke mit Stille und Schweigen zu tun. Davon wünscht sich die Buchhändlerin und Autorin aus Borgholzhausen mehr. "Das Gegeifer über Konditionen, den Bücherwagen oder die Zustände im Verband ist grauenhaft", findet sie.  

Martina Bergmann

In diesem merkwürdigen Jahr 2020 war vieles anders als gewöhnlich. Aber die Kundschaft nicht. Deswegen war für den Dezember mit Gaben zu rechnen gewesen. Dekoration und Nahrung, verschiedene Adventskalender, die ganze Liebe gegenständlich. Es rührt mich immer, jeden Winter, und obwohl ich nicht jeden Stern und alle Kerzen einzeln zurückverschenken kann, endet das nie. Auch 2020 waren die Kund*innen emsig, während ich erlahmte. Ab Mitte November bin ich grundsätzlich müde. Corona hin oder her, ich funktioniere dann und hoffe, bis Weihnachten nicht völlig heiser zu sein von all dem Reden.

Ich hing also herum und absolvierte den ersten und den zweiten Advent. Ich vermisste den Weihnachtsmarkt überhaupt nicht, mit dem ich sonst sicher zehn Tage behelligt werde und der mich angeblich stärkt, der mir aber in Wahrheit ausschließlich auf die Nerven geht. Glühwein ist ein Gesöff aus der Hölle, und er klebt auch übrigens. Glühwein überträgt sich, selbst wenn der Becher leer ist, von den Fingern der angetrunkenen Nutzer auf meine schönen Kunstkarten und Briefpapiere. Ich hing, wie gesagt, so herum, verarbeitete sehr, sehr viele Bestellungen, freute mich, dass Umbreit schön lieferte und schämte mich auch, dass ich den Kolleg*innen nicht lange vorher geglaubt hatte, dass es dort gut für mich sei. 

"In diesen emotionalen Überdruck hängte jemand einen Engel"

Ehrlich gesagt, ich wartete auf den Lockdown. Ich wollte echt nicht angesteckt werden von wem auch immer, der mir vor lauter Einsamkeit das Virus an den Hals umarmt. Dazu begab es sich, dass der Heimatverein in einem seltenen Akt von Heldenhaftigkeit sich seines Vorsitzenden entledigen wollte. Man muss dazu wissen, dass Heimatvereine an sich viel friedlicher sind als ich. Das Durchschnittsalter beträgt etwa 73 Jahre, und man kann seinen Mitgliedsbeitrag durch Fensterputzen am Heimathaus entrichten. Wenn diese Leute mutig werden, muss ich sie natürlich unterstützen. Aus Prinzip, und in diesem Fall auch inhaltlich. Heimatvereine sind weder am Kopf noch an den Wurzeln auch nur bräunlich.

In diesen emotionalen Überdruck hängte jemand einen Engel. Es war der letzte Tag vor dem Lockdown, und ich konnte schon mittags nur noch krächzen. Aber ein Engel hing zwischen den ganzen Sternen, wirklich ein schöner Engel. Kleiner Kugelkopf aus Holz, die Flügelchen und der Körper sorgsam gefaltet, der Faden goldig. Ich fragte die Mitarbeiterin, von wem er sei, und sie meinte, keine Ahnung. Poste ihn doch, und vielleicht meldet sich wer. Ich hatte Zweifel, denn wer Engel faltet, ist nicht unbedingt bei Instagram. Ich dachte, für mich, das ist einfach der Engel, der vorbeikommt. Es gibt im Französischen den Ausdruck "un ange passe", und das heißt so ungefähr: Schweigen, weil keinem das rechte Wort einfällt. 

Es weiß im Moment kein Mensch, wie das Jahr laufen wird. Wann die Geschäfte wieder öffnen, wie sich die Kund*innen dann verhalten.

"Dieses Gegeifer über die Zustände - grauenhaft!"

Schweigen ist das, was ich mir auch für die Teilnehmer des Buchbereiches wünschte. Dieses Gegeifer über die Konditionen, den Bücherwagen, die Zustände im Verband und die Wertigkeit der Geschäftsmodelle im Vergleich. Grauenhaft! Und da kam kein Engel vorbei; es geht im Januar gleich weiter. Ich muss ehrlich sagen, ich begreife das nicht. Es weiß im Moment kein Mensch, wie das Jahr laufen wird. Wann die Geschäfte wieder öffnen, wie sich die Kund*innen dann verhalten. Ich bin mir relativ sicher, dass es nicht gut ist, sich auf Transfergeld zu verlassen. Aber das ist meine Privatmeinung als liberal gesinnte Einzelunternehmerin ohne nennenswerte Schulden; eine Stimme unter vielen.

Ich habe den Engel hängen lassen. E bleibt wohl mindestens bis Ostern. Inzwischen weiß ich übrigens, woher er stammt. Meine Mutter bekamt fast denselben, und sie wusste auch, von wem. Die Engel sind aus den Seiten des "Gotteslobs" gefertigt, des katholischen Gebetbuchs hier bei uns. Eine der besseren Ideen letztes Jahres kam aus meiner Gemeinde. Staat ist nicht alles, auch im Buchhandel nicht. Der Staat macht Gesetze und erlässt Vorschriften; die meisten davon waren nach meiner Meinung letztes Jahr sinnvoll. Aber der Staat allein ist keine Zivilgesellschaft. Diese besteht hoffentlich weiter aus Menschen, die Bücher kaufen und lesen und sich mit Argumenten begegnen - auf der Straße wie im Börsenverein.

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