Zwischenruf: Walter Graupner über 28 Jahre Buchhandel

"So richtig macht es keinen Spaß mehr"

11. August 2020
von Börsenblatt

Am 31. Dezember schließt Walter Graupner nach 28 Jahren sein Buch- und Zeitschriftenhaus am Rosengarten in Eggesin (Mecklenburg-Vorpommern). Es wird Zeit, schreibt er selbst in einem Leserbrief an die Börsenblatt-Redaktion, den wir hier dokumentieren. Denn vom Buchhandel allein konnten er und seine Frau schon lange nicht mehr leben.

Visitenkarte vom Buch- und Zeitschriftenhaus am Rosengarten

Ein tolles Poster in der jüngsten Ausgabe des Börsenblatts, nur leider unvollständig. Mir fehlen die Basisdaten, nämlich: Wer erwirtschaftet all diese Zahlen? Wie viele Buchhandlungen gibt es, wie viele davon sind inhabergeführt? Welchen Anteil habe die Buchhandelsketten und was ist eigentlich mit den so genannten Buchhändlern, die sich nur auf die Rosinen stürzen, im Grunde aber keine Buchhändler sind, weil sie kein offenes Ladengeschäft betreiben?

Sie melden sich nur, wenn es um die Schulbuchaufträge geht und sie beteiligen sich an allen Ausschreibungen bundesweit und hoffen, im Zuge der Auslosung von Aufträgen etwas ab zu bekommen. Haben sie ihr Geld verdient, tauchen sie für ein Jahr wieder ab und die übrigen örtlichen Buchhändler, denen sie die Aufträge unter Umständen weg genommen haben, dürfen dann die restlichen 11 Monate im Jahr für ihre Kunden da sein und den "Kleinkram" erledigen.

 

Hätte ich nicht meine Rente, wäre die Buchhandlung schon mindestens 4 Jahre zu.

Walter Graupner, Buch- und Zeitschriftenhaus am Rosengarten, Eggesin - 2017 und 2019 mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet

Da die Schulbuchlieferanten, die sonst auch Großhändler für alles Mögliche oder Immobilienhändler sind (zum Beispiel ImmoRiedel Leipzig), Mitglied im Börsenverein sind und ihre Beiträge bezahlen, hat natürlich der Börsenverein kein Interesse, dagegen etwas zu unternehmen. Fakt ist, dass durch diese Großlieferanten Steuergelder, die besser in der Region bleiben sollten, in andere Bundesländer abfließen.

Das fehlt mir am Poster mit den interessanten Umsatzzahlen. Bezeichnend ist für mich weiterhin, dass der Konsens, den ich zu Beginn meiner Tätigkeit als Buchhändler kennen gelernt habe, - nämlich: Der Verlag produziert die Bücher, der Buchhändler verkauft sie - immer mehr aufgeweicht wird. Die Verlage verkaufen mittlerweile schon jedes 5. Buch direkt an den Kunden. Das führt zu einer sich immer weiter verschlechternden Lage für die kleinen Buchhandlungen.

Wir schließen unser Geschäft am 31. Dezember 2020 nach insgesamt 28 Jahren, einem Monat und 28 Tagen. Wir schließen aus Altersgründen. Ich bin schon 5 Jahre Rentner, meine Frau folgt in diesem Jahr. Einen Nachfolger gibt es nicht, weil die Buchhandlung nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann. Hätte ich nicht meine Rente, wäre die Buchhandlung schon mindestens 4 Jahre zu.

Ich habe bis 2019 allein 58.000 Passbilder angefertigt, gezählt ab 1994. Damit lief es bis zum Jahr 2000 ganz gut.

Walter Graupner

Wir haben 1992 in Eggesin mit 12.500 Einwohnern angefangen und sind jetzt bei 4.700 Einwohnern angelangt. Ein Drittel der Einwohner – das bedeutet auch: nur noch ein Drittel Umsatz und ein Drittel Gewinn. Als wir angefangen haben, gab es noch kein Internet, keinen CD/DVD-Brenner, keinen Internethandel und kein Amazon. Das sind alles Entwicklungen, die sich nachteilig auf die von uns gewählte Handelsform ausgewirkt haben.

Walter Graupner nahm 2017 und 2019 den Deutschen Buchhandlungspreis für den Einsatz seiner Buchhandlung entgegen

Selbst 1992 waren statistisch 12.500 Einwohner im "Osten" zu wenig, um eine Buchhandlung wirtschaftlich zu betreiben. Deshalb habe wir die Sortimente Pressevertrieb, Musikalien nach alter DDR-Tradition miteingefügt. Dazu kam noch ein Fotostudio mit einer Passbildanlage und Lotto. Ich habe bis 2019 allein 58.000 Passbilder angefertigt, gezählt ab 1994. Damit lief es bis zum Jahr 2000 ganz gut, bis die Bundeswehr am Ort zwei Dienststellen mit insgesamt rund 1.650 Dienstposten geschlossen hat. Dazu gehörten wenigsten 250 Familien und mehr als 100 Zivilbeschäftigte, die mit Frau und Kinder und einem guten Einkommen der Männer in Eggesin lebten.

Mittlerweile knapsen die Verlage immer weiter an den Rabatten.

Walter Graupner

Alles Geschichte und ab 2001 ging es dann stetig mit den Umsätzen im zweistelligen Prozentsatz zurück. Nun sind wir froh, dass alle Kredite abgezahlt sind und wir uns mit Anstand, schuldenfrei und planmäßig in den Ruhestand zurückziehen können. Es wird Zeit, denn es macht so richtig auch keinen Spaß mehr. 28 Jahre bedeuten gleichzeitig, bedingt durch Lotto und Pressevertrieb, dass wir keinen Tag geschlossen hatten, an dem offen sein konnte. Mein Arbeitstag dauert von 7 Uhr am Morgen bis 7 Uhr am Abend. Es wird also Zeit, die Übung zu beenden.

Allein wie uns die Schulbuchverlage mit den Rabatten knebeln, verschlimmert die Unlust an der Arbeit. 1992 reichte bei allen Verlagen ein Umsatz von 6.000 DM aus, um den Rabatt von 25 Prozent zu erhalten, der in den gebundenen Schulbuchpreisen sowieso eingerechnet ist und 60 Tage Valuta. Mittlerweile knapsen die Verlage immer weiter an den Rabatten. Bei Cornelsen reichen nicht mal mehr 10.000 Euro Umsatz, um den Maximalrabatt zu bekommen. Bei Westermann und seinen Verlagen gibt es "Leistungsrabatt" ab 23 Prozent und Klett muss wohl vor 4 Jahren eine Führungskraft vom Bildungsverlag 1 übernommen haben, denn von dem Zeitpunkt wechselten sie vom kollegialen 25 Prozent-Rabatt auf nur noch 20 Prozent. Ganz schlimm ist, dass es keine offengelegten Regeln für die Rabattgewährung gibt. Gefühlt ist das reine Willkür.

Alle tun dazu immer noch so, als könnten wir etwas für die Schulbuchvergabe und damit für die Auftragshöhe. Zum Glück hatte ich im Vorjahr einen Auftrag des Landkreises, der meine Rabatte für dieses Jahr noch hochgehalten hat. Durch meine normales Bestellvolumen 2020 (ca. 27.000 Euro) würde ich für das nächste Jahr wieder heruntergestuft - kann mir nun aber egal sein!

Das Jammern wird in Eggesin immer lauter, je näher der Schließungstermin rückt. Aber wir wollten Nägel mit Köpfen machen.

Walter Graupner

Sie sehen also, wir haben viel erlebt, viel Auf und Ab. Markant vielleicht noch ein Beispiel. Durch die Wende bedingt hatten wir in Eggesin bis 1996 rund 160 Einschulungen, seit 1997 nur noch durchschnittlich 45. Also im weiteren Verlauf nur noch ein Viertel Grundschule, ein Viertel Realschule und Gymnasien, ein Viertel Lehrausbildung, Studium, Hochzeiten u.s.w.

Wir haben es nun geschafft. Unsere Arbeitsjahre haben wir hinter uns, gespickt mit vielen Erfahrungen und viel Engagement. Das Jammern wird in Eggesin immer lauter, je näher der Schließungstermin rückt. Aber auch hier wollten wir Nägel mit Köpfen machen. Wir ziehen das Jahr voll durch und schließen zu Silvester 2020.

Wir wollen hoffen, dass uns noch viele Jahre bleiben, um uns in Deutschland und Österreich umzusehen, denn das kam in den letzten 28 Jahren etwas zu kurz. Das, was wir machten, war sogenannter "Intensiv-Urlaub". Schön, etwa eine Woche und wenn möglich mit zwei Wochenenden und wenn möglich mit einem Feiertag dazwischen, damit die Kollegen allein nicht zu sehr überlastet werden. Es gibt also noch vieles, das wir uns ansehen wollen und werden.

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