Förderprogramm "Neustart Kultur"

Wie Buchhandlungen das Geld gut nutzen

31. August 2020
von Sabine Cronau

Die Bewerbungsfrist läuft: Wofür sollten Buchhandlungen die Fördergelder aus "Neustart Kultur" am besten einsetzen? Unternehmensberater Ralf Schiering gibt Tipps - und hat zwei klare Favoriten.

Ralf Schiering, Unternehmensberater

Sollten Buchhandlungen den Fördertopf in jedem Fall nutzen – auch wenn sie 20 Prozent Eigenmittel einbringen müssen?

Unbedingt. Einen Eigenanteil halte ich für richtig bei einem Förderprogramm dieser Art. Ich sehe es als eine initiale Förderung, die bei geschicktem Einsatz ein Vielfaches des Eigenanteils erbringt.

Hätten Sie eine andere Form der Buchhandelsförderung sinnvoller gefunden oder würden Sie sagen: super gemacht?

Diese Förderung unterstützt einen Bereich, der seit dem Beginn des Lockdowns erfolgreicher geworden ist: Kommunikation und Verkauf online. Wir wissen, dass Kund*innen diesen Kanal auch zukünftig weiter nutzen möchten – in jeder Altersgruppe. So ist es nur folgerichtig, wenn hier gefördert wird. Von daher: Ja, ein richtiger Ansatz.

Ich favorisiere mit Blick auf die nächsten Monate eine Durchsicht des Webshops.

Ralf Schiering, Unternehmensberater

Ist die Umsatzgrenze von zwei Millionen Euro pro Jahr sinnvoll gewählt oder werden Unternehmen dadurch ausgeschlossen, die die Förderung genauso gut gebrauchen könnten? 

Die Förderung könnten auch Unternehmen gebrauchen, die über dieser Umsatzgrenze liegen. Wir sollten die verfügbaren Möglichkeiten jetzt nutzen und Unterstützungsmöglichkeiten im digitalen Bereich auch für Unternehmen definieren, die jetzt nicht berücksichtigt wurden.

Kassensysteme, Warenwirtschaft, Webshop, digitale Veranstaltungstools: Wo ist das Fördergeld aus "Neustart Kultur" in der Corona-Krise am besten aufgehoben? Oder lässt sich das schwer auf einen Nenner bringen?

Das hängt davon ab, wo ein Unternehmen für sich eine Aufstellungslücke sieht – oder das meiste Potential. Ich favorisiere mit Blick auf die nächsten Monate eine Durchsicht des Webshops und sehr aktive Kund*innenkommunikation. Leistungen und Services müssen alle Kundinnen und Kunden rechtzeitig kennen: damit sie nicht abwandern. Gleichermaßen können neue Kund*innen gewonnen werden.

Gibt es Leuchtturmprojekte, bei denen Sie Buchhandlungen sagen würden: Wenn Ihr es macht wie diese Kolleginnen und Kollegen – dann ist das Geld perfekt eingesetzt?

Da kann ich nur an die vorherige Frage anschließen:

  • Kommunikation verstärken, Social Media (Video und Audio unbedingt einsetzen
  • Echtzeitaustausch, zum Beispiel mit Beratungsgesprächen online
  • Jede Seite und jede Information im Webshop durchsehen, gegebenenfalls korrigieren und auf leichtes Finden aller Informationen achten.

Das hat vielen Buchhandlungen geholfen.

Nicht nur Hard- und Software, sondern auch digitale Schulungen werden gefördert. Wie groß ist der Nachholbedarf im Buchhandel?

Die Schulung in der Nutzung digitaler Möglichkeiten gehört in den Vordergrund. Hard- und Software sind Hilfsmittel im Erzählen und in der Beratung. Digitale Schulungen werden vielen Buchhandlungen sehr helfen und sind notwendig. Den Wunsch und die Bereitschaft sehe ich im Sortiment.

Sie schnüren eigene Schulungspakete rund um "Neustart Kultur". Hilft das Förderprogramm indirekt auch den Betriebsberater*innen?

Ich konnte schnell mit Vorschlägen reagieren, da mein Beratungs- und Schulungsschwerpunkt im Digitalbereich von Buchhandel und Verlag liegt. Wenn von diesem Förderprogramm Buchhandel und Verlage profitieren, haben wir in der Branche einen gemeinsamen Gewinn.

Wie sind Sie mit Ihrem Beratungsunternehmen durch die Krise gekommen?

Laufende Projekte konnten abgeschlossen werden beziehungsweise sind nicht eingestellt worden. Ich arbeite sehr viel online und digital mit entsprechender Infrastruktur. Daher hat sich mein Arbeitsalltag nicht grundlegend verändert. Fest steht aber auch: Wir sind noch mitten in einer Krise (= Pandemie) und ich erwarte Veränderungen in der Handelslandschaft. Das wird Auswirkungen auf meine Tätigkeit haben.

Zumindest der unabhängige Buchhandel scheint mit einem blauen Auge davonzukommen und hat seine Stärken in der Krise ausgespielt. Gilt das für alle oder rechnen Sie mit Insolvenzen, wenn die "Schonfrist" im nächsten Jahr abläuft?

Um so mehr steht der Buchhandel vor der Herausforderung, seine Stärken deutlich zu machen. Schon jetzt haben manche Buchhandlungen ihre Services an die Anforderungen der Kund*innen angepasst .Insgesamt nehme ich eine sehr hohe Belastung bei Inhaber*innen und Mitarbeiter*innen wahr, um den Betrieb mit den pandemiebedingten Einschränkungen zu leisten. Diese Belastung und auch wirtschaftliche Umstände könnten nächstes Jahr zu Schließungen im Buchhandel führen.