Das Buchbranchen-Update

Die Nachlese: Weimer darf Buchhändlerinnen nicht als "Extremisten" bezeichnen

4. Mai 2026
Redaktion Börsenblatt

In der aktuellen Nachlese: Das Verwaltungsgericht Berlin stoppt Weimer nach Äußerungen über die Buchhandlung "Zur schwankenden Weltkugel". Außerdem: KI/Voice-Switching im Hörbuch, neue VDBB-Ideen für jüngere Zielgruppen und die "Hörlampe" als Experiment für mehr Hörbuch-Sichtbarkeit im Buchladen.

Nachlese Podcast-Cover (Mock-up)

Die Nachlese erscheint jeden Montag

Ein spannendes Projekt stellte die dänische Schauspielerin und Sprecherin Maria Gado vor. Sie hat ihre Stimme für ein Voice-Switching-Projekt von Storytel und Mofibo lizenziert. Ihre Begründung war nicht einfach Technikbegeisterung um jeden Preis: Sinngemäß sagte sie, wenn diese Entwicklung nicht aufzuhalten sei, wolle sie sie mitgestalten – und bessere Verträge für Sprecher:innen aushandeln.

Ihre Lizenz gilt begrenzt für ein Jahr und für 50 bereits eingelesene Bücher. Bei viel gehörten Titeln entschieden sich zehn bis fünfzehn Prozent der Hörer:innen in der Voice-Switching-Funktion also für die KI-Stimme.

Die IG Hörbuch will am Thema dranbleiben. Dafür gibt es auch ein neues Format: das Audiolab. Es soll ein digitaler Raum werden, in dem sich die Branche zeitnah über aktuelle Entwicklungen und Projekte austauschen kann – also nicht erst bei den nächsten Jahrestagungen.

Zur Orientierung bei KI-Fragen stellte Carmen Udina aus dem Sprecher:innenkreis der IG Digital außerdem eine Handreichung zur Kennzeichnung von KI vor. Darin geht es unter anderem um Begriffe wie KI-generierte Stimme, autorisierte Stimmenreplikation, übersetzte KI-Stimmen und KI-gestützte Bearbeitungen.

Während die Branche noch sortiert, wer künftig spricht – und wie das kenntlich gemacht wird –, wächst der Markt weiter. Laut Media Control hat der deutsche Hörbuchmarkt zuletzt deutlich zugelegt: auf 350 Millionen Euro Umsatz, das sind 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Den stärksten Zuwachs erzielten Streamingdienste mit plus 22 Prozent. Audio wächst also kräftig – die Frage ist nun zunehmend: Mit welcher Stimme?

Bahnhofsbuchhandel: stabile Umsätze, Pläne für mehr Reichweite

Bei der Jahrestagung des Verbands Deutscher Bahnhofsbuchhändler (VDBB) in Berlin ging es nicht nur um gute Ideen, sondern auch um eine nüchterne Ausgangslage. Laut Geschäftsbericht lag der Gesamtumsatz aus Zeitungen, Zeitschriften und Büchern bei rund 210 Millionen Euro: stabil gegenüber dem Vorjahr, aber deutlich weniger als vor der Pandemie. Damals waren es noch 280 Millionen Euro.

Der Pressebereich blieb insgesamt stabil. Zeitungen verlieren weiter Umsatzanteile, Zeitschriften konnten das ausgleichen und sogar leicht überkompensieren. Beim Buch stiegen die Umsätze um rund drei Prozent: ein Plus, aber deutlich kleiner als im Vorjahr. Gleichzeitig wächst das Segment Convenience um acht Prozent. Anders gesagt: Am Bahnhof wird weiter gekauft, aber das Sortiment verschiebt sich. Snacks, Getränke und kleine Mitnahmeartikel werden immer wichtiger.

Dazu kommt die grundsätzliche Frage: Wie bleibt der Bahnhofsbuchhandel im Alltag der Reisenden präsent – gerade bei jüngeren Zielgruppen? VDBB-Chef Thorsten Löffler verwies auf veränderte Lesegewohnheiten durch das Smartphone und sagte selbstkritisch, man mache zu wenig Angebote, die junge Leute fesseln.

Aus Workshops mit Partnern, darunter DB InfraGO, sind drei Ideen entstanden:

  1. Eine Plattform unter lesen-unterwegs.de, auf der Initiativen zur Leseförderung gebündelt werden sollen.
  2. Ein eigener Social-Media-Kanal für den Bahnhofsbuchhandel. Inspiriert von BookTok denkt der Verband hier an "MagTok" für Magazine. Die Botschaft dahinter ist klar: Wenn junge Menschen auf dem Smartphone unterwegs sind, muss auch der Bahnhofsbuchhandel dort auftauchen.
  3. Neue Erlebniswelten am Point of Sale, etwa Photozonen, Selfie-Points oder KI-Fotoboxen, die den Ladenbesuch mit Social Media verbinden.

Noch ist das alles ein Arbeitsstand. Finanzierung und Umsetzung sind offen, und der VDBB will mehr Bahnhofsbuchhändler ins Boot holen. Die Richtung ist aber interessant: Der Bahnhofsbuchhandel will nicht nur Verkaufsstelle bleiben, sondern wieder stärker als Ort der Entdeckung wahrgenommen werden.

Gerichtsbeschluss: Weimer darf Buchhändlerinnen nicht "politische Extremisten" nennen

Das Verwaltungsgericht Berlin hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gestoppt. Er darf die Betreiber:innen der Buchhandlung "Zur schwankenden Weltkugel" nicht als "politische Extremisten" bezeichnen.

Es ging um ein Zeit-Interview zum Ausschluss dreier Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis. Weimer hatte dabei - und auch bei anderen Gelegenlegenheiten - immer wieder auf "verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse" verwiesen. Das Problem: Was genau diese Erkenntnisse sind, blieb offen, und Weimer will sie offenbar selbst nicht kennen.

Dem Gericht reichte das nicht. Es sah keine belastbare Tatsachengrundlage und eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Gegen den Beschluss ist noch Beschwerde möglich.

Hörbuch im Laden: "Hörlampe" soll Streaming wieder sichtbar machen

Digitale Hörbücher wachsen seit Jahren vor allem über Streaming. Im stationären Buchhandel haben sie es dagegen schwerer. Früher standen auch CDs im Regal, heute ist das Hörbuch oft unsichtbar – irgendwo zwischen App, Abo und Algorithmus.

Genau diese Lücke will Hörbuch Hamburg jetzt gemeinsam mit Thalia ein Stück weit schließen. Der Verlag schickt dafür die sogenannte Hörlampe auf Tour: eine mobile Hörstation, die digitale Hörbücher im Laden wieder physisch erlebbar machen soll. Optisch erinnert sie laut Bildmaterial ein bisschen an eine Dusche – nur dass man darunter nicht sauberer wird, sondern im besten Fall neugierig auf den nächsten Hörbuchtitel.

Interessierte können per Einhandhörer oder Lautsprecher in Hörproben aus dem Programm von Hörbuch Hamburg reinhören. Technisch soll die Station unkompliziert sein: Nach Angaben des Verlags braucht sie nur einen Stromanschluss. Der Lampenschirm ist austauschbar, das Bedienelement höhenverstellbar. Eine eigens entwickelte Software soll es möglich machen, Hörproben flexibel zu wechseln und auszuwerten, welche Titel besonders oft angespielt werden.

Zum Auftakt steht die Hörlampe bei Thalia in Düsseldorf an der Königsallee. Danach wandert die Station weiter: ab Ende Juni nach Köln am Neumarkt, im August nach Leipzig an die Grimmaische Straße, im September nach Berlin ins Alexa – und im Oktober auf die Frankfurter Buchmesse an den Stand von Hörbuch Hamburg.

Für die Buchbranche ist das ein kleines, aber sehr konkretes Experiment: Wie bekommt man ein digitales Produkt wieder in den Ladenraum? Thalia ist mit Streaming-Angeboten längst Teil des digitalen Hörbuchmarkts. Die Hörlampe versucht nun, das Hören trotzdem dorthin zurückzuholen, wo Kund:innen noch stöbern, stehen bleiben und spontan entdecken können.

Open Access: BVerfG kippt baden-württembergische Zweitveröffentlichungspflicht

Das Bundesverfassungsgericht hat das baden-württembergische Gesetz zur Open-Access-Zweitveröffentlichungspflicht für verfassungswidrig erklärt. Die Begründung: Dem Land habe die Gesetzgebungskompetenz gefehlt.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wertete das Urteil als wichtiges Zeichen für die Wissenschaftsfreiheit, kritisierte aber die über zehnjährige Verfahrensdauer bis zur Entscheidung als "unbegreiflich".

Muttertag: HDE erwartet geringere Ausgaben – Bücher nicht in den Top-Kategorien

Zum Muttertag erwartet der Handelsverband Deutschland (HDE) im Einzelhandel Geschenkausgaben von rund … Millionen Euro. Das liegt leicht unter dem Vorjahr. Im Schnitt sollen es 18,70 Euro pro Person werden. Vorn liegen Blumen, Lebensmittel, Kosmetik und Mode. Bücher tauchen im Ranking nicht auf – da wäre für den 10. Mai also durchaus noch Platz im Strauß.

Kritik am GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz

Der Entwurf zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz stößt in der Buchbranche auf Kritik. Geplant ist, den pauschalen Arbeitgeberbeitrag für Minijobs zu erhöhen. Börsenverein-Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff warnt, das treffe die mittelständisch geprägte Branche hart.

Minijobs seien etwa im Weihnachtsgeschäft, bei Messen oder im Schulbuchverkauf oft betriebliche Notwendigkeit. Als mögliche Folgen nennt er gekürzte Aushilfsstunden, eingeschränkte Öffnungszeiten und im schlimmsten Fall Geschäftsaufgaben. Auch der Handelsverband HDE warnte vor einer Erhöhung des Beitrags.

Kurz notiert

  • Aus 130 Einreichungen hat eine Jury die 15 Gewinnertitel zu den "Schönsten Büchern Österreichs" gewählt. Drei Publikationen winken Staatspreise in Höhe von je 3.000 Euro.
  • Am 9. Mai ist Gratis Comic Tag: 11 Verlage sind dabei. Die kostenlosen Comictitel werden in über 1.000 Buchhandlungen, Comicshops oder Bibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz verteilt.
  • Gute Nachricht zum Schluss: Das Literaturhaus Leipzig ist gerettet. Der Stadtrat hat am 29. April entschieden, dass es künftig eine institutionelle Förderung geben wird. Bisher hatte das Literaturhaus vor allem von Reserven gelebt – die sind aber nahezu aufgebraucht.