Kinderbuchpraxis

"Digital Crush": Wenn der Chatbot plötzlich Gefühle heuchelt

10. Juli 2026
Redaktion Börsenblatt

Anne Möllers spricht in der Kinderbuchpraxis über ihren Roman "Digital Crush" und eine Recherche, die bei Selbstversuchen begann. Es geht um KI-Begleiter, echte Gefühle und die Frage, wann digitale Nähe für Jugendliche gefährlich wird.

Anne Möllers sitzt auf einer Treppe und lächelt

Anne Möllers

Am Anfang standen Selbstversuche

Der Ausgangspunkt von "Digital Crush" war für Anne Möllers kein literarischer Plan, sondern Irritation. Als ChatGPT öffentlich wurde, habe sie erwartet, dass die Welt aufschreie. Stattdessen, sagt sie, habe sich die Technologie beinahe lautlos eingeschlichen. Noch stärker habe sie die Einführung von "My AI" bei Snapchat beschäftigt: ein Chatbot, der bei Jugendlichen plötzlich als Kontakt in der Freundesliste auftauchte, mit Avatar, als eine Art Freund.

Möllers, die als Autorin und Mediencaoch tätig ist, begann daraufhin, mit einem separaten Handy als 13-, 14- oder 15-Jährige verschiedene Chatbots und KI-Companions zu testen. Sie las Sicherheitshinweise nicht, klickte naiv weiter, deaktivierte nur die Standortortung. Aus dieser Recherche entstand die Figur Lea, die in "Digital Crush" mit einem Chatbot namens Creepy schreibt. Einige Chatpassagen im Roman beruhen auf Originalzitaten aus Möllers’ Tests. Ihr Startsatz war bewusst unbedarft: "Jo, du Creep, was geht ab?" Was folgte, überraschte sie selbst.

Warum sich das Künstliche so echt anfühlt

Möllers betont, dass Chatbots auch hilfreich sein können: als geduldige Nachhilfe, als Übungsraum für Gespräche oder schlicht als spielerische Erfahrung. Entscheidend sei die Frage, was die Nutzung mit einem macht. Stärkt sie? Lenkt sie nur ab? Oder beginnt sie, reale Beziehungen und Entscheidungen zu ersetzen?

Besonders brisant wird die Sache dort, wo sich das Gegenüber echt anfühlt. "Die Gefühle und das sind ja nicht nur Kinder und Jugendliche, die betroffen sind, sondern Erwachsene, dass die echt sind", sagt Möllers. Genau darin liegt die gesellschaftliche Relevanz: Wer sich in eine KI verliebt oder ihr intime Fragen stellt, ist nicht einfach naiv. Möllers erklärt das mit menschlichen Mechanismen: Menschen vermenschlichen Technik, geben Staubsaugerrobotern Namen, fiebern mit fiktiven Figuren mit. KI-Begleiter verstärken diese Neigung, weil sie antworten, nachfragen und Nähe simulieren können, sich also "echt" anfühlen.

Familien zwischen Streit, Angst und Ohnmacht

Für Familien ist digitale Mediennutzung nach Möllers längst ein Dauerthema. Etwa bei Konflikten über Bildschirmzeiten (die eigentlich auch die Eltern betreffen). Möllers beschreibt ein Gefühl der Überforderung: Eltern und Jugendliche seien mit Entwicklungen konfrontiert, die schnell, unübersichtlich und emotional aufgeladen seien. Bei KI zeige sich das besonders deutlich: Die einen seien begeistert, die anderen hätten Angst, viele fühlten sich machtlos.

Für Mr. Ralf (Ralf Schweikart, freier Kritiker und Host) ist klar: problematisch werde es, wenn die digitale Welt widerspruchsfreier erscheint als die reale. Ein Chatbot sagt nicht, dass man mit zur Oma muss. Er widerspricht selten so, wie Menschen widersprechen. Dr. Stefan (Stefan Hauck, Börsenblatt) ergänzt, dass genau darin ein Suchtmoment liegen kann: Der Chatbot ist verfügbar, bestätigt, antwortet immer.

Aufklärung statt Verbot

Möllers’ Anliegen ist deshalb nicht das Verbot, sondern das Gespräch. "Ich finde, wir müssen darüber mit Kindern und Jugendlichen sprechen", sagt sie. Ein Buch könne dafür ein besonders geeigneter Weg sein, weil es Erfahrungen sichtbar mache, über die Jugendliche sonst kaum direkt sprechen würden. Lea schämt sich im Roman für ihre Gefühle, zieht sich zurück und gerät in einen Gewissenskonflikt. Erst eine Unterbrechung zwingt sie zur Auseinandersetzung.

Der wichtigste Punkt liegt für Möllers in der Grenze: Chatbots funktionieren auf Grundlage von Wahrscheinlichkeiten, sie verstehen nicht, was Nutzer:innen ihnen sagen, und sie verstehen auch nicht, was sie selbst antworten. Wenn es um große Sorgen, schwierige Entscheidungen oder echte Krisen geht, reiche ein Chatbot nicht. Dann müsse ein Mensch mit ins Boot.

Möllers testete für ihre Recherche Grenzen aus, auf angebliche Schutzmechanismen war dabei kein Verlass. Keine Kontrolle, keine Warnung, trotz zahlreicher Hinweise, die sie dem KI-Bot präsentierte ("meine Eltern wollen nicht, dass …", oder: "ich trinke noch keinen Kaffee … "). Was sie sonst erlebt hat, berichtet sie im Gespräch in der Kinderbuchpraxis.

Über die Kinderbuchpraxis

Die "Kinderbuchpraxis" ist ein Podcast rund um Kinder- und Jugendbücher sowie aktuelle Entwicklungen im Kinder- und Jugendbuchmarkt. Dr. Stefan und Mr. Ralf sprechen jeden zweiten Freitag über Bücher, Themen und Hintergründe der Branche; häufig ist ein Gast dabei. In dieser Folge ist Anne Möllers zu Gast und berichtet über "Digital Crush", KI-Chatbots und ihre Recherche.