Jahresstart der IG Belletristik und Sachbuch

"Es geht um die Zukunftsfähigkeit der Branche"

20. Januar 2021
von Börsenblatt

In ihrem Grußwort zum virtuellen Jahresauftakt der IG Belletristik und Sachbuch lobte Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins, die herausragende Leistung der Buchbranche während der Corona-Krise. Gleichzeitig appellierte sie an alle, "den Wert der Vielfalt, den Wert des Respektes und den Wert eines fairen Miteinanders" wertzuschätzen und zu sichern.

Karin Schmidt-Friderichs

»Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Letztes Jahr um diese Zeit machten wir uns alle auf den Weg in die Reitschule in der Königinstraße. Wir standen dicht gedrängt. Wir feierten hoffnungsfroh den Auftakt eines neuen Jahres.

Am nächsten Tag saßen wir in den hellen Räumen des Literaturhauses
und erhaschten bei Begrüßungsbretzn ungewohnt schöne Blicke auf die Theatinerkirche.

Am Rande dieser Veranstaltung bot mir ein Kollege seine Unterstützung und das "du" an. Ein anderer bat – nicht ohne kritischen Unterton –
um ein Gespräch. Visitenkarten wechselten den Besitzer. Und eine kluge Frau empfahl mir, eine Terminabsage zu revidieren, was ich tat. Der Rat erwies sich als einer der unendlich vielen wertvollen Tipps, Empfehlungen und Hinweise, auf die ich in diesem ersten Vorsteherinnen-Jahr bauen durfte. Danke dafür!

Irgendwo in einer chinesischen Provinz tobte ein Virus, weit weit weg. Dachten wir. Da war das Virus undercover schon in Bayern aktiv. Keine zwei Monate später nahm ich erstmals an einer Zoom-Konferenz teil. Verunsicherte Mitglieder ließen tausende Fragen auf uns hinabhageln, wir suchten Antworten, auch wenn wir noch keine Erfahrung hatten mit einer Situation, die man sich nicht hatte vorstellen können und die sich Lockdown nannte.

Der Rest des Jahres 2020 ist Geschichte. Sie kennen das – mit unendlichem Kraftakt erreichte – und nur relative Happy End. Wir haben gelernt, durch geschlossene Ladentüren hindurch zu verkaufen und uns im digitalen Raum zu treffen. Die Konferenz-Software-Lösungen wurden in Rekordzeit immer besser und wir steuerten Unternehmen – und im Fall des Vorstands eben auch den Börsenverein – auf Sicht durch die raue See des Krisenjahres ohne einander "in echt" zu sehen.

Mein kleiner schwarzer Koffer setzt im Keller Staub an, die Bahncard lief weitgehend ungenutzt aus. Der Terminkalender füllte sich stattdessen
Stoß an Stoß mit Videokonferenzen.


 

2020 hat uns auf den Beschleunigungsstreifen der Digitalisierung verfrachtet.

2020 hat uns auf den Beschleunigungsstreifen der Digitalisierung verfrachtet und wir waren überrascht, was alles möglich ist, wenn man will. Oder muss.

Ich bin stolz darauf, wie diese Branche, wie Sie dieses Jahr geschafft haben. Ich beglückwünsche Sie zu Resilienz und Kreativität, aber auch zu dem spartenübergreifenden Miteinander, das die Versorgung der Leser*innen mit dem Grundnahrungsmittel Buch in diesen schweren Zeiten überhaupt nur möglich machte.

Den Mitarbeiter*innen des Börsenvereins danke ich, dass Sie rund um die Uhr in Politik und Gesellschaft für Unterstützung geworben haben. Sie konnten überzeugend darlegen, dass Bücher eben nicht nur Waren sind,
sondern wesentlicher Bestandteil von Kultur. Dafür wurden und werden uns großzügig und zügig Fördermittel und Unterstützung zuteil.

Der Vorstand tagt(e) öfter als je einer zuvor. Auch dafür mein herzlicher Dank.
 

Corona hat viel verändert:

  • Wir haben miterlebt, wie sich der stationäre Handel in Windeseile zum Versandbuchhandel wandelte – Abholstationen improvisierte und Lastenräder lieh.
  • Wie Leserinnen und Leser Einkaufsgewohnheiten änderten: Weil beim großen Onlineriesen Mehl und Klopapier Büchern und Kinderbeschäftigung den Lieferbarkeits-Status abrangen aber auch, weil der Kiez, das Viertel, der Händler vor Ort im Rahmen des Rückzugs in die eigenen vier Wände an Bedeutung gewannen.

Wenn Nähe zum Wert wird, weil sie uns weitgehend verwehrt wird, gilt das wohl auch für den Laden um die Ecke…

Engagierte Buchhändler*innen wurden für uns Wissensdurst- und Lektürelustgeplagte das, was die Pfleger*innen für die Kranken waren:
Die Retter, denen wir von den Balkonen die Loblieder sangen.
Der Mensch aber lebt nicht vom Lobgesang allein.

 

 

Corona war Brennglas und Polarisationsfilter, war Ausrede, Entschuldigung und Sündenbock, manchmal auch eine Mischung aus allem.

Corona war Brennglas und Polarisationsfilter, war Ausrede, Entschuldigung und Sündenbock, manchmal auch eine Mischung aus allem.

Und jetzt, wo das Virus antritt, uns auch durch weite Teile dieses Jahres
zu begleiten, wird klar: Wir waren so darauf konzentriert, dieses Corona-Jahr zu überleben, dass wir – so scheint es mir – die eine oder andere wichtige Frage vor uns hergeschoben haben.

Die unangenehme Eigenschaft nicht beantworteter Fragen ist es,
dass sie beharrlich bleiben. Manche Fragen entpuppen sich
mit der Zeit als Gretchenfragen. Alfred Herrhausen forderte von sich und seinem Führungsteam: Sagen, was ist. Tun, was man sagt. Und sein, was man tut.

Mich hat das so beeindruckt, dass ich es ins Leitbild unseres Verlages schrieb. Und als mich eine kluge Buchhändlerin daran erinnerte, wusste ich: Ich kann hier nicht zu Ihnen sprechen, ohne auszusprechen, was ich höre, sehe und was mir Sorgen bereitet:

Wie wollen wir sicherstellen, dass die Zahnräder der Maschinerie, die Leserinnen und Leser während der Lockdowns so verlässlich mit dem Grundnahrungsmittel Buch versorgt, auch weiter ineinandergreifen?
Wie halten wir es also mit dem Miteinander der Sparten? Was sind leistungsgerechte Konditionen und was ist uns die Preisbindung wert?

Was ist uns Vielfalt wert und was eine Buchhandels-Netz, um das die Welt uns beneidet? Wie also sieht die Kultur aus, die wir miteinander leben wollen, wenn wir von außen – von Politik und Gesellschaft - als wertvoller und wesentlicher, unterstützens- und schützenswerter Bestandteil der Kultur wahrgenommen werden wollen?

 

Vor uns liegt eine echte Aufgabe, denn:

  • Mit unserem Verhalten entscheiden wir über weitaus mehr als über Quartalszahlen und Jahresergebnisse.
  • Mit unserem Verhalten entscheiden wir darüber, ob Politik und Gesellschaft unserer Branche über unsere wirtschaftliche Bedeutung hinaus Wertschätzung, Unterstützung und Anerkennung entgegenbringen.
  • Mit unserem Verhalten entscheiden wir darüber, ob wir unter einen gewissen Schutz gestellt – und unsere Anliegen gehört werden.
  • Mit unserem Verhalten entscheiden wir darüber, ob diese Branche, also wir, als elementarer Bestandteil der Kultur gesehen und behandelt wird.
  • Mit unserem Verhalten entscheiden wir über die Zukunftsfähigkeit der Branche.

 

Deshalb wünsche ich mir, dass wir als Branche den Wert der Vielfalt, den Wert des Respektes und den Wert eines fairen Miteinanders wertschätzen und sichern.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir als Branche den Wert der Vielfalt, den Wert des Respektes und den Wert eines fairen Miteinanders wertschätzen und sichern.

Der Börsenverein, das bin nicht ich oder der Vorstand oder Herr Skipis und sein Team. Der Börsenverein, das sind Sie! Das sind wir alle miteinander. Seit beinahe zweihundert Jahren. Mit vielen gemeinsam errungenen Erfolgen.

Lassen Sie uns also sagen, was ist; tun, was wir sagen; und sein, was wir tun. Und lassen Sie uns das miteinander tun!

Danke«