Leipzig: Buchpreis-Party am Börsenvereinsstand

Feiern – und wachsam bleiben!

20. März 2026
Nils Kahlefendt

Auf der Leipziger Buchmesse feiert eine solidarische Branche am Donnerstag um 17 Uhr alle 118 Nominierten zum Deutschen Buchhandlungspreis – und ein bisschen auch sich selber.

Alternative Party zum Buchhandlungspreis am Stand des Börsenvereins: Vorsteher Sebastian Guggolz ergreift das Wort

Alternative Party zum Buchhandlungspreis am Stand des Börsenvereins: Vorsteher Sebastian Guggolz ergreift das Wort 

Erst unwürdig in eine Stunde zwischen Vergabe des Preises der Leipziger Buchmesse in der Glashalle und Messeschluss gequetscht, dann ganz abgesagt – mit dieser Behandlung des Deutschen Buchhandlungspreises 2025 wollte sich der Börsenverein nicht abfinden. Wie eine ganze Reihe von Verlagen – von Hanser, der seine Taschenbuchparty umwidmete, bis zu den Indies Bahoe, Ventil, Verbrecher und VQ, die ihr Traditionelles "Vorglühen" am Stand ausweiteten – hatte man am Messedonnerstag um 17 Uhr zum Börsenvereinsstand in Halle 5 eingeladen, um mit den nominierten Buchhandlungen anzustoßen: genau zu der Zeit, zu der die Verleihung ursprünglich geplant war. Binnen weniger Minuten waren der Stand und die umliegenden Gänge rappelvoll, Sekt floss, Schnittchen-Tabletts kreisten, die Stimmung war aufgekratzt und tatendurstig. Viele trugen ihre Meinung in Form von T-Shirts ("Banned Bookshop"), Beuteln oder Buttons unmissverständlich am Leib.

Sebastian Guggolz: „Es ist unglaublich, wie ihr euch bis heute nicht unterkriegen lasst!“

Schließlich enterte Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz eine improvisierte Bühne und schnappte sich ein Mikro. Die Botschaft paraphrasierte seine Eröffnungs-Rede im Gewandhaus, mit ähnlicher Verve vorgebracht, vielleicht in noch wärmeren Worten, weil Guggolz hier auf Tuchfühlung zu "seinen" Leuten sprach: "Ich bin wahnsinnig stolz, in diesen Tagen Vorsteher unseres Verbands zu sein. Es ist unglaublich, wie ihr euch bis heute nicht unterkriegen lasst! Wir sehen eure Widerständigkeit als unseren Auftrag! Ich finde es eine großartige demokratische Geste, dass ihr nicht akzeptiert, was da aus der politische Sphäre an Eingriffen, Unterstellungen, Beschuldigungen und Verzerrungen in die Kultur rüberschwappt. Ich fühle mich von euren Rückmeldungen bestärkt, den Druck nicht niedriger werden zu lassen." Auch wenn der Preis beschädigt sei, blickte Guggolz nach vorn, sei er nicht so beschädigt, dass er nicht weitergehe: "Wir werden jetzt feiern, was das Zeug hält. Und wir werden nächstes Jahr feiern, was das Zeug hält! Wir lassen uns durch nichts aus der Bahn werfen."

Videobotschaft: „Feiert schön! Wir feiern euch aus der Ferne!“

In einer Videobotschaft meldeten sich die vom BKM von der Liste zum Deutschen Buchhandlungspreis getilgten Buchhandlungen in Berlin, Bremen und Göttingen. Sie baten das Sozialwerk des Deutschen Buchhandels, den Topf mit dem solidarischen Preisgeld in Verwahrung zu nehmen, bis die Preisvergabe juristisch geklärt ist. Wenn die monetäre Auszeichnung des BKM nachträglich an die drei Buchhandlungen geht, soll das gespendete Preisgeld dem Sozialwerk übereignet werden. Die drei Buchhandlungen machten noch einmal deutlich, dass sich nicht nur gegen das BKM vor Gericht ziehen – sondern auch gegen den Verfassungsschutz. "Wir werden einen langen Atem brauchen." Für den Moment ging folgender Ruf nach Leipzig: "Feiert schön! Wir feiern euch aus der Ferne!" Sebastian Guggolz ließ keinen Zweifel daran, dass das "autokratische Verhalten" des Staates, das sich in der Anwendung des "Haber-Verfahrens" zeige, jetzt zwar an der Buchbranche sichtbar geworden sei – man müsse jedoch "überall wachsam sein".

Manfred Metzner (li.) und Thedel von Wallmoden

Solidarisch: Manfred Metzner (li.) und Thedel von Wallmoden 

Solidarität

Gekommen waren zum Feiern und Flagge zeigen nicht nur Buchhändlerinnen und Buchhändler, sondern ebenso Verlagsvertreterinnen, Autoren und Autorinnen und Verlegerinnen und Verleger. "Das Wort mag nicht mehr besonders populär sein", sagte Wunderhorn-Verleger Manfred Metzner, "aber was wir hier machen, ist ein Akt der Solidarität". Metzner ist mit seinem Freund Thedel von Wallmoden quer durch die Republik zu den Orten der Preisverleihungen gereist – nach Frankfurt/Oder, Heidelberg oder Hannover. "Wir sind hier, weil die Buchmesse eigentlich eine der schönsten Gelegenheiten ist, gut gelaunte Buchhändlerinnen und Buchhändler zu treffen", so von Wallmoden. "Das heutige Treffen hat allerdings Symbolcharakter. Wir sind da, obwohl die Veranstaltung abgesagt wurde – wir missbilligen den Grund dieser Absage." Verleger wie Metzner und von Wallmoden sind nicht die, die Großdemos organisieren und in Trillerpfeifen tröten – sie greifen eher zu Computer und Telefon, um Netzwerke zu aktivieren. In Göttingen etwa hat der Stadtrat letzte Woche eine Resolution in Sachen Buchhandlungspreis verabschiedet, in der er sich einstimmig mit dem Buchladen Rote Straße solidarisiert. Die Entscheidung Weimers stelle nach Ansicht des Rates einen "außergewöhnlichen Eingriff in das Verfahren des Preises" dar, das bislang von der Unabhängigkeit der Jury geprägt war. Der Rat sehe mit Sorge, dass damit eine kulturelle Institution Göttingens öffentlich in einen politischen Kontext gestellt wird, ohne dass die zugrundeliegenden Vorwürfe transparent gemacht wurden. Göttingen, so scheint es, ist in diesen Tagen fast überall.