Kinderbuchpraxis

James Krüss - ein Klassiker wird 100

8. Mai 2026
Redaktion Börsenblatt

In der "Kinderbuchpraxis" sprechen Dr. Stefan und Mr. Ralf mit Nachlassverwalterin Ulrike Schuldes über James Krüss und wie die Buchbranche für seinen runden Geburtstag zusammengerückt ist.

Mr. Ralf und Dr. Stefan im Ärztekittel

Dr. Stefan (rechts) und Mr. Ralf behandeln in der Kinderbuchpraxis erfolgreich alle Themen rund ums Kinder- und Jugendbuch

Ein Klassiker, der Kindern den Einstieg leicht macht

James Krüss wäre im Mai 100 Jahre alt geworden. Für Ulrike Schuldes, die den literarischen Nachlass verwaltet, liegt die Aktualität des Autors nicht allein im vertrauten Namen, sondern in einer besonderen Zugänglichkeit: kurze Texte, Humor, Rhythmus, ein Ton, der Kinder nicht belehrt, sondern hineinzieht. Gerade mit Blick auf Leseförderung beschreibt sie Krüss als Autor, dessen Texte "relativ kurz sind und Kindern Freude bereiten".

Dr. Stefan (Stefan Hauck, Börsenblatt) und Mr. Ralf (Ralf Schweikart, freier Kritiker) haben mit Schuldes auf der Internationalen Jugendbuchmesse Bologna gesprochen. Alle drei stimmen zu: Krüss ist nicht nur Erinnerungsstoff für Erwachsene, die mit "Henriette Bimmelbahn", "Der Leuchtturm auf den Hummerklippen" oder seinen Gedichten aufgewachsen sind. Seine Texte können auch heute eine Form des niedrigschwelligen Lesens eröffnen – mit Reim, Unsinn, Klang und einer Sprachlust, die Kinder unmittelbar zum Weitermachen anstiftet.

Der Schalk, die Inseln und ein positives Weltbild

Schuldes zeichnet Krüss als Menschen, der zuhörte, gern feierte und eine besondere Nähe zur Sprache hatte. Geboren auf Helgoland, später auch auf Gran Canaria lebend, erscheint er im Gespräch als "Inselmensch" – geprägt von Landschaften, Begegnungen und einem Humor, der nicht oberflächlich war. "Ich glaube, das war ein Mensch, der hatte so den Schalk im Nacken", sagt Schuldes.

Zugleich betont sie die zweite Ebene seiner Texte: Hinter dem Komischen steht ein positives Weltbild, ohne dass die Brüche seiner Zeit ausgeblendet würden. Krüss habe den Zweiten Weltkrieg noch erlebt; umso stärker wirke der Wunsch, mit einem "zwinkenden Auge" positive Botschaften zu formulieren. Schuldes spricht von einem Autor, bei dem Kinder Spaß haben und Erwachsene Optimismus mitnehmen.

Wie Schuldes die Verlage an einen Tisch brachte

Ein zentrales Spannungsfeld der Jubiläumsarbeit lag in den Rechten. Krüss hatte schon zu Lebzeiten mit unterschiedlichen Verlagen gearbeitet; entsprechend verteilt waren viele Titel. Für Schuldes wurde daraus zunächst eine Herausforderung: Wer feiert den Hundertsten, wenn die Bücher an verschiedenen Orten liegen?

Ihre Antwort war pragmatisch und branchenverbindend. Bereits 2022 lud sie Verlage nach Hamburg ein, um gemeinsam zu überlegen, was zum Jubiläum möglich wäre. Das Ergebnis: Neuausgaben, neu illustrierte Sammlungen, neue Ausstattung – und sogar Fortsetzungen im Sinne von Krüss. Bei "Henri-Jette-Sausebahn" etwa, erschienen bei Baumhaus mit Text von Cornelia Boese und Illustrationen von Pina Gertenbach, geht es darum, die bekannte Figur nicht museal zu behandeln, sondern heutigen Familien zugänglich zu machen. Die neue Illustration sei "ein bisschen oldschool", zugleich aber "für heutige Kinder illustriert und auch geschrieben".

Gerade darin zeigt sich, wie lebendig Klassikerarbeit sein kann: nicht als bloße Verwaltung von Bekanntem, sondern als Balance zwischen Wiedererkennung, Respekt vor dem Original und Gegenwartsbezug.

München, Helgoland und eine Kinderoper

Zum Jubiläum entsteht ein weit verzweigtes Programm. In München wird in der Internationalen Jugendbibliothek der Krüss-Turm neu kuratiert; dort soll ein kleines Museum eröffnet werden. Dazu kommen ein Dinner "in Form von James Krüss", Lesungen und ein Familienfest. Auch persönliche Verbindungen werden sichtbar: Krüss’ Lebenspartner Dario wird erwartet, ebenso eine Ziehtochter, die Krüss und Dario auf Gran Canaria unter ihre Fittiche genommen hatten.

Auf Helgoland, der biografisch und literarisch zentralen Insel, ist ebenfalls viel geplant: eine Krüss-Meile über die Insel, Kamishibai-Aktionen, Mitmachbücher für Kinder auf der Fähre und eine Rallye bis zum Museum. Als besonders plastisches Detail nennt Schuldes eine Kinderoper: "Der Leuchtturm auf den Hummerklippen wird auf Helgoland aufgeführt am 31. in der Nordseehalle auf Helgoland." Zugleich erscheint bei Atrium eine neue Familienlese-Ausgabe von "Der Leuchtturm auf den Hummerklippen", illustriert von Jutta Bauer.

Der Blick auf Krüss bleibt dabei nicht beim Heiteren stehen. Schuldes verweist auch auf ein von Oetinger wiederentdecktes, bisher unveröffentlichtes Werk, "Die Haiteks oder Was kostet die Welt": ein kurzer, gesellschaftskritischer Text, in dem Krüss die Entwicklung der Zivilisation mit Sorge betrachtet. Zwischen "James' Tierleben", neu illustriert von Johanna Mücke, "Der wohltemperierte Leierkasten", "Henri-Jette-Sausebahn" und Inselrallye steht so am Ende ein Autor, der die Welt nicht verniedlichte – sondern ihr mit Sprachspiel, Witz und Wachsamkeit begegnete.

Über die Kinderbcuhpraxis

Der Börsenblatt-Podcast Kinderbuchpraxis erscheint zweimal im Monat - jeweils am Freitag. Behandelt werden Kinder- und Jugendbuchthemen, oft sind bekannte Autor*innen, Verleger*innen oder Illustrator*innen zu Gast. Dr. Stefan und Mr. Ralf gehen auch auf Außeneinsätze, z.B. auf die Buchmessen in Bologna, Frankfurt und Leipzig oder die Phantastische Bibliothek in Wetzlar.

Die Kinderbuchpraxis ist auch im Verzeichnis "Literaturpodcasts" gelistet.

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