Im Mai 1911 erholt sich Thomas Mann mit seiner Frau Katia und seinem Bruder Heinrich im Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig. Die Veröffentlichung der „Buddenbrooks“ liegt knapp zehn Jahre zurück und seither arbeitet Thomas Mann ununterbrochen an weiteren Texten. In Venedig will der damals 35-jährige Autor und vierfache Familienvater nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans „Königliche Hoheit“ (1909) ein wenig pausieren. Er geht gerne an den Strand und genießt das 1900 eröffnete luxuriöse Belle-Epoque-Hotel. Was dann vor fast genau 115 Jahren im Des Bains geschieht, wird die Weltliteratur bereichern: Thomas Mann ist beim Anblick des Knaben Baron Wladyslaw Moes überwältigt von der Schönheit des Jünglings. Breits vor Ort im Grand Hotel schreibt er große Teile der Novelle „Der Tod in Venedig“ mit den Hauptfiguren Gustav von Aschenbach (ein gut fünfzigjähriger und berühmter Schriftsteller) und dem langhaarigen, etwa vierzehnjährigen polnischen Jungen Tadzio.
Thomas Mann schildert die Ankunft Gustav von Aschenbachs: „Er betrat das weitläufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus und begab sich durch die große Halle und die Vorhalle ins Office (…) Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und verfolgte den Promenadenquai eine gute Strecke in der Richtung auf das Hotel Excelsior.“ Wenig später ist Aschenbach in Erwartung des Essens wieder im Des Bains und entdeckt in der Halle Tadzio: „Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war.“ Luchino Visconti verfilmt den Text 1970 hauptsächlich am Originalschauplatz, dem Grand Hotel des Bains. Wenig später wird der Speisesaal „Sala Thomas Mann“ getauft. Bis in die Nullerjahre floriert der Mann-Tourismus im Des Bains, das jedes Jahr im Herbst während der Filmfestspiele Treffpunkt für Cineasten ist. Dringend notwendige Renovierungsarbeiten finden jedoch nicht statt. 2010 schließt das Des Bains und ist seither nicht mehr zugänglich. Die Möbelstücke werden versteigert. Ein Investitions- und Restrukturierungsprojekt scheitert beim Platzen der Immobilienblase. Allmählich lichtet sich aber der lückenlose, übermannshohe und blickdichte Zaun, der das gesamte Hotelareal umgibt.