Redaktion vor Ort

Das Hotel in Venedig

6. Juli 2026
Nicola Bardola

1911 weilt Thomas Mann mit seiner Frau Katia und seinem Bruder Heinrich im Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig. Was in dem Belle-Epoque-Hotel geschieht, wird die Weltliteratur bereichern.

Ein dunkelgraues Auto steht im Schatten; auf der Tür prangt in großer weißer Schrift „DES BAINS“ mit dem Zusatz „1900 LUXURY BEACH CLUB“. Auf dem Türgriff lehnt ein lilafarbenes Buch mit dem Titel „Thomas Mann – Der Tod in Venedig“. In der stark spiegelnden Seitenscheibe sieht man Bäume und die helle Fassade eines historischen Hotels, was eine ruhige, elegante Urlaubsstimmung erzeugt.

Auf dem Türgriff lehnt eine Ausgabe des Buchs von Thomas Mann "Der Tod in Venedig“

Im Mai 1911 erholt sich Thomas Mann mit seiner Frau Katia und seinem Bruder Heinrich im Grand Hotel des Bains auf dem Lido von Venedig. Die Veröffentlichung der „Buddenbrooks“ liegt knapp zehn Jahre zurück und seither arbeitet Thomas Mann ununterbrochen an weiteren Texten. In Venedig will der damals 35-jährige Autor und vierfache Familienvater nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans „Königliche Hoheit“ (1909) ein wenig pausieren. Er geht gerne an den Strand und genießt das 1900 eröffnete luxuriöse Belle-Epoque-Hotel. Was dann vor fast genau 115 Jahren im Des Bains geschieht, wird die Weltliteratur bereichern: Thomas Mann ist beim Anblick des Knaben Baron Wladyslaw Moes überwältigt von der Schönheit des Jünglings. Breits vor Ort im Grand Hotel schreibt er große Teile der Novelle „Der Tod in Venedig“ mit den Hauptfiguren Gustav von Aschenbach (ein gut fünfzigjähriger und berühmter Schriftsteller) und dem langhaarigen, etwa vierzehnjährigen polnischen Jungen Tadzio.

Thomas Mann schildert die Ankunft Gustav von Aschenbachs: „Er betrat das weitläufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus und begab sich durch die große Halle und die Vorhalle ins Office (…) Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und verfolgte den Promenadenquai eine gute Strecke in der Richtung auf das Hotel Excelsior.“ Wenig später ist Aschenbach in Erwartung des Essens wieder im Des Bains und entdeckt in der Halle Tadzio: „Mit Erstaunen bemerkte Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön war.“ Luchino Visconti verfilmt den Text 1970 hauptsächlich am Originalschauplatz, dem Grand Hotel des Bains. Wenig später wird der Speisesaal „Sala Thomas Mann“ getauft. Bis in die Nullerjahre floriert der Mann-Tourismus im Des Bains, das jedes Jahr im Herbst während der Filmfestspiele Treffpunkt für Cineasten ist. Dringend notwendige Renovierungsarbeiten finden jedoch nicht statt. 2010 schließt das Des Bains und ist seither nicht mehr zugänglich. Die Möbelstücke werden versteigert. Ein Investitions- und Restrukturierungsprojekt scheitert beim Platzen der Immobilienblase. Allmählich lichtet sich aber der lückenlose, übermannshohe und blickdichte Zaun, der das gesamte Hotelareal umgibt.

Historische, farbintensive Ansichtskarte vom „Grand Hotel des Bains“ am Lido in Venedig: Rechts steht ein großes, mehrstöckiges Hotelgebäude in warmen Rot- und Ockertönen mit hellen Fensterrahmen und kleinen Flaggen auf dem Dach. In der Bildmitte führt eine breite, von dichtem Grün gesäumte Allee perspektivisch in die Ferne;

Historische Postkarte von 1913

Il Gazzettino di Venezia meldet im März 2026, die neuen Eigentümer hätten sich mit den Banken über eine Gesamtinvestition von 200 Millionen Euro geeinigt, die Renovierungsarbeiten würden im Oktober beginnen und die Neueröffnung des Grand Hotel des Bains in seiner Funktion als Luxushotel sei für 2030 geplant. Bis dahin lässt sich abseits von mondänen Seebädern, Villen-Vierteln und Prunk-Herbergen die zwölf Kilometer lange Landzunge idealerweise mit dem Fahrrad erkunden. Die üppige Vegetation, unzählige Zypressen, Palmen und Platanen machen deutlich, warum der Lido die Gartenstadt Venedigs genannt wird. Nach der runderneuerten Strandpromenade führen Fahrradwege in südwestlicher Richtung bis ins idyllische Malamocco. In der Mitte des schmalen Landstreifens wird beidseits Wasser sichtbar. Auf der von der Lagune abgewandten Seite gibt es kaum erschlossene Sandstrände zu entdecken. Ob Thomas Mann sich über Malamocco hinaus den langen Murazzi entlang gewagt und Blicke aufs Adriatische Meer geworfen hat, ist nicht überliefert. Gewiss wäre er aber dem jungen Baron Wladyslaw bis hierhin gefolgt.

Blick von einem schattigen Uferweg auf eine ruhige Lagune: Zwei große Pinien rahmen das Bild links und rechts ein. Dazwischen glitzert blaues Wasser mit sanften Wellen; nahe der Mitte ragen zwei verwitterte Holzpfähle aus dem Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer liegt eine flache Insel mit hellen Gebäuden und einem schlanken Kirchturm.

Malamocco