Schwedische Akademie verkündet

Literaturnobelpreis geht an Abdulrazak Gurnah

7. Oktober 2021
von Börsenblatt

Der Literaturnobelpreis 2021 geht an den tansanischen Autor Abdulrazak Gurnah, der in Großbritannien lebt. Wohl eine kleine Enttäuschung für den Buchmarkt: Auf Deutsch ist kein Titel lieferbar, als Autor ist er hierzulande wenig bekannt.

Abdulrazak Gurnah

Die mit Spannung erwartete Auszeichnung hat Mats Malm, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, am 7. Oktober um 13 Uhr vor zahlreichen Kamerateams und im Livestream in Stockholm bekannt gegeben: Literaturnobelpreisträger 2021 ist der tansanische Autor Abdulrazak Gurnah, der in Großbritannien lebt. Er habe Gurnah in dessen Küche erwischt, als er ihn per Telefon über die Auszeichnung benachrichtigte, so Malm.

Akademiemitglied Anders Olsson, der dem Auswahlverfahjren für den Literaturnobelpreis vorsteht, sagte in Stockholm, der Autor habe den Leserinnen und Lesern den den afrikanischen Kontinent nähergebracht, auch die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Ostafrika beleuchtet; Sansibar, wo er 1948 geboren wurde, war einst deutsche Kolonie.

"Abdulrazak Gurnah hat zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Das Thema der Zerrissenheit des Flüchtlings zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Er begann als 21-Jähriger im englischen Exil zu schreiben, und obwohl Suaheli seine erste Sprache war, wurde Englisch sein literarisches Werkzeug", so Olsson. Der 1948 geborene Schriftsteller wuchs auf der Insel Sansibar auf, kam aber Ende der 1960er Jahre als Flüchtling nach Großbritannien. Bis zu seiner Pensionierung war Abdulrazak Gurnah Professor für Englisch und postkoloniale Literaturen an der Universität von Kent in Canterbury. Die Akademie verleiht den Literaturnobelpreis Gurnah "für seine kompromisslose und mitfühlende Durchdringung der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen den Kulturen und Kontinenten".

Und Olsson weiter: "Gurnahs Hingabe an die Wahrheit und seine Abneigung gegen Vereinfachungen sind bemerkenswert. Seine Romane schrecken vor stereotypen Beschreibungen zurück und öffnen den Blick für ein kulturell vielfältiges Ostafrika, das viele in anderen Teilen der Welt nicht kennen. In Gurnahs literarischem Universum ist alles in Bewegung – Erinnerungen, Namen, Identitäten. Eine unendliche Erkundung, die von intellektueller Leidenschaft angetrieben wird, ist in all seinen Büchern präsent, in 'Afterlives' (2020) ebenso wie zu der Zeit, als er als 21-jähriger Flüchtling zu schreiben begann."

Gurnah hat zudem laut Wikipedia zwei wichtige Bände von "Essays on African Writing" ["Essays on African Writing: A Re-evaluation" (1993) und "Essays on African Writing: Contemporary Literature" (1995)] herausgegeben und Artikel über eine Reihe zeitgenössischer postkolonialer Autoren veröffentlicht, darunter V. S. Naipaul, Salman Rushdie und Zoë Wicomb. Seit 1987 arbeitet er auch als Redakteur für die Zeitschrift "Wasafiri". Gurnah hat Forschungsprojekte über das Schreiben von Rushdie, Naipaul, G. V. Desani, Anthony Burgess, Joseph Conrad, George Lamming und Jamaica Kincaid betreut.

Der Nobelpreis 2021 ist mit 10 Millionen Schwedischen Kronen dotiert (umgerechnet rund 984.000 Euro).

Bibliografie: Nichts auf Deutsch lieferbar

Von Abdulrazak Gurnah gibt es aktuell keine Titel in deutscher Sprache. Als Autor ist er hierzulande wenig bekannt. 1998 war bei S. Fischer sein Roman "Das verlorene Paradies" (Fischer Tb.) erschienen (nicht mehr lieferbar).

Weitere Titel auf Deutsch, ebenfalls nicht mehr lieferbar:

  • "Schwarz auf Weiß", A1 Verlag, 2004
  • "Das verlorene Paradies", Krüger, 1986
  • "Donnnernde Stille", Edition Koppa, 2000
  • "Ferne Gestade"", Edition Koppa, 2002
  • "Die Abtrünnigen", Berlin Verlag, 2006

"Wir freuen uns natürlich sehr für ihn", sagt Julia Giordano, Presseleitung Literatur beim S. Fischer Verlag, auf Anfrage. "Aktuell halten wir die Rechte nicht mehr, um den Titel neu aufzulegen. Das schauen sich meine Kolleg*innen aus dem Lektorat jetzt aber genau an."

Zahlen zum Literaturnobelpreis

  • 113 Auszeichnungen wurden seit 1901 vergeben. Siebenmal gab es keinen Literaturnobelpreis: 1914, 1918, 1935, 1940-1943. 2018 wurde die Preisvergabe ausgesetzt, ein Jahr später dann aber nachgeholt.
  • 4 Mal gab es zwei Preisträger*innen: 1904 (Frédéric Mistral, José Echegaray), 1917 (Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan), 1966 (Shmuel Agnon, Nelly Sachs) und 1974 (Eyvind Johnson, Harry Martinson)
  • 117 Personen haben damit von 1901 bis 2020 einen Literaturnobelpreis erhalten: Liste der Preisträger:innen
  • 41 Jahre alt war der bislang jüngste Preisträger: Rudyard Kipling, der 1907 ausgezeichnet wurde.
  • 88 Jahre alt war die bislang älteste Preisträgerin: Doris Lessing, die 2007 ausgezeichnet wurde.
  • 16 Frauen konnten sich bislang über den Literaturnobelpreis freuen – als erste Selma Lagerlöf 1909. Zuletzt folgten ihr: Herta Müller (2009), Alice Munro (2013), Svetlana Alexievich (2015), Olga Tokarczuk (2018) und Louise Glück (2020).
  • 2 Preisträger haben die Auszeichnung bislang abgelehnt: Boris Pasternak 1958 und Jean Paul Sartre 1964.

(Quelle: https://www.nobelprize.org)