"Ein eigensinniger, couragierter Schriftsteller"

Slobodan Šnajder ist gestorben

31. August 2026
Redaktion Börsenblatt

Der kroatische Schriftsteller Slobodan Šnajder ist am vergangenen Sonntag im Alter von 78 Jahren überraschend in seiner Heimatstadt Zagreb gestorben. Dies teilt der Zsolnay Verlag mit, in dem zwei seiner Bücher in Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann bzw. von Matthias Jacob und  Rebekka Zeinzinger erschienen sind.

 

Slobodan Šnajder

Slobodan Šnajder

Slobodan Šnajder, Jahrgang 1948, wurde einer internationalen Öffentlichkeit zuerst bekannt durch sein Stück "Der kroatische Faust", das 1982 in Split uraufgeführt wurde und dessen deutschsprachige Fassung u.a. 1988 von Roberto Ciulli im Theater an der Ruhr und 1994 von Hans Hollmann im Wiener Burgtheater (mit Peter Matić und Therese Affolter) gezeigt wurde. Darüber hinaus leitete er jahrelang das Theater der Jugend in Zagreb und war als politischer Kolumnist für die Tageszeitung Novi list tätig.

Mit seinem 2019 bei Zsolnay erschienenen Roman "Die Reparatur der Welt" rückte er die Geschichte seiner eigenen, unter Maria Theresia in Slawonien angesiedelten Familie ins Zentrum. Seiner Heimatstadt Zagreb, den Geschicken eines 1911 errichteten und in den neunziger Jahren abgerissenen zweistöckigen Mietshauses und seiner Bewohner widmete er sich in dem im Februar 2026 erschienenen Epos "Engel des Verschwindens", einem Porträt einer willensstarken und kämpferischen Frau und zugleich ein Panorama der jugoslawischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Den dritten Teil seiner Trilogie hat er bei seinem kroatischen Verlag abgegeben

"Im März, nach der Präsentation der deutschsprachigen Ausgabe von 'Engel des Verschwindens' in der Alten Schmiede, saßen wir in einem Wiener Kaffeehaus", erinnert sich Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger. "Slobodan erzählte von den Recherchen für seinen neuen Roman, die ihn nach Mauthausen und in verschiedene Archive geführt hatten. Gemeinsam mit den beiden vorherigen Büchern würde er eine Trilogie bilden und einen Bogen schlagen vom 18. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart. Und er würde sich sofort an den Schreibtisch setzen, damit er schnell fertig werde. Vor drei Wochen rief er mich an und erzählte, etwas geschwächt, aber bestimmt, dass er nach einem Verkehrsunfall im Spital liege, den Roman aber bei seinem Verlag in Kroatien abgeliefert habe. Im November werde er 'Maria Leib', so der Titel, auf dem Literaturfestival in Pula vorstellen. Unbedingt müsse ich dorthin kommen, dabei sein, auf die Vollendung und die hoffentlich baldige deutsche Ausgabe anstoßen.

Heute Vormittag musste ich erfahren, dass Slobodan Šnajder am Sonntag abends in Zagreb gestorben ist. Mit ihm verliert Europa eine über seine Länder hinausschallende Stimme, einen eigensinnigen, couragierten Schriftsteller, dessen Werk bleiben wird."