"Im März, nach der Präsentation der deutschsprachigen Ausgabe von 'Engel des Verschwindens' in der Alten Schmiede, saßen wir in einem Wiener Kaffeehaus", erinnert sich Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger. "Slobodan erzählte von den Recherchen für seinen neuen Roman, die ihn nach Mauthausen und in verschiedene Archive geführt hatten. Gemeinsam mit den beiden vorherigen Büchern würde er eine Trilogie bilden und einen Bogen schlagen vom 18. Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart. Und er würde sich sofort an den Schreibtisch setzen, damit er schnell fertig werde. Vor drei Wochen rief er mich an und erzählte, etwas geschwächt, aber bestimmt, dass er nach einem Verkehrsunfall im Spital liege, den Roman aber bei seinem Verlag in Kroatien abgeliefert habe. Im November werde er 'Maria Leib', so der Titel, auf dem Literaturfestival in Pula vorstellen. Unbedingt müsse ich dorthin kommen, dabei sein, auf die Vollendung und die hoffentlich baldige deutsche Ausgabe anstoßen.
Heute Vormittag musste ich erfahren, dass Slobodan Šnajder am Sonntag abends in Zagreb gestorben ist. Mit ihm verliert Europa eine über seine Länder hinausschallende Stimme, einen eigensinnigen, couragierten Schriftsteller, dessen Werk bleiben wird."