Gendern in der Belletristik (4)

Gunnar Cynybulk: "Gendern ist gut - aber ich möchte auch nicht in `Woke-istan´ leben"

21. Juni 2021
von Sabine Cronau

Was für die einen die deutsche Sprache vollends ruiniert, verstehen andere als eine Frage der Höflichkeit - das Gendersternchen ist mittlerweile auch in der Welt der Literatur angekommen. Verlage gehen erstaunlich entspannt damit um. Zum Beispiel Verleger Gunnar Cynybulk vom jungen Kanon Verlag.

Porträtfoto Gunnar Cynybulk

Gunnar Cynybulk

Die Verlage scheinen ganz entspannt zu sein, wenn es um das Gendern in der Literatur geht. Wo bleiben die Aufschreie, die markigen Sprüche, die Asterisk-Grabenkämpfe in der literarischen Szene? Haben Sie eine Erklärung dafür?
Das rührt vielleicht daher, dass wir den weiten Raum der Literaturgeschichte immer mitdenken – und dass die Genderdebatte von heute darin nur eine kleine Episode sein wird, so wichtig sie auch sein mag.

Kann gegenderte Literatur aus Ihrer Sicht gute Literatur sein?
Man müsste sich Beispiele ansehen, um das wirklich bewerten zu können, neueste fiktionale Texte analysieren. Ich bin neugierig auf überzeugende Versuche, kenne aber keine gute gegenderte Literatur. Vielleicht kann es sie irgendwann geben. Einerseits ist Kunst völlig frei und autonom, andererseits reagiert sie immer auf Zeitstimmungen und Reflexe. Sprache ändert sich und gehört niemandem und allen. Außerdem muss man auch unterscheiden zwischen Paratexten, Sachtexten und künstlerischen Texten. Meine Grundhaltung: In Begleit- und Sachtexten eher ja, in der schönen Literatur eher schwierig.

Wenn eine Kanon-Autorin, ein Kanon-Autor im Roman gendern möchte - würden Sie die Entscheidung dann immer den Schreibenden überlassen?

Letztlich ja. Als Lektor kann ich immer nur ein tapferer Freund sein, der kritisch fragt und anreget, aber ich stehe ja nicht auf dem Umschlag des Buchs.

Wir sind ja nicht der Duden-Verlag. "Autor" heißt "selbst".

Gunnar Cynybulk

Sternchen, Binnen-I, Doppelpunkt: Müssten, sollten Verlage nicht doch eine Art Richtlinie entwickeln, welche Variante in ihren Büchern zum Einsatz kommt?
Nein, wir sind ja nicht der Duden-Verlag. "Autor" heißt "selbst".

Gendern ist in vielen Abstufungen möglich. Was ist Leser*innen zumutbar?
In der ersten Verlagsankündigung haben wir das generische Femininum verwendet und nur von "Autorinnen" gesprochen. Wir dachten, das sei mal an der Zeit und elegant. Doch es hat zu Missverständnissen geführt, männliche Autoren fühlten sich ausgeschlossen.

Wie halten Sie es mit dem Thema Gendern in der Kommunikation des Verlags – also in Mails, Vorschauen, Werbematerialien?
In der Vorschau verwenden wir den Doppelpunkt, das sind Gebrauchstexte, die schlank und schnell funktionieren müssen, wir wollen möglichst integrieren, es ist eine Form der Höflichkeit. Persönlich bin ich immer für Genauigkeit und bevorzuge eigentlich die umständliche Benennung aller. Das geht nur nicht immer.

Gleichzeitig gilt aus meiner Sicht: Ich bin zu DDR-Zeiten aufgewachsen und weiß, was Funktionärssprache bedeutet. Und auch wenn ich das Gendern für richtig und gut halte: Ich möchte nicht in `Woke-istan´ leben.

Glauben Sie, dass in fünf Jahren viele Romane in gendergerechter Sprache erscheinen – erstens, weil wir uns alle daran gewöhnt haben, zweitens, weil gerade die jungen, jetzt nachrückenden Autor*innen ein anderes Bewusstsein für gendergerechte Sprache entwickelt haben?
Das kann sein, aber noch sehe ich das nicht. Momentan arbeite ich als Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig mit sechs jungen Studierenden an Romanprojekten, keines davon bedient sich gegenderter Sprache. Ehrlich gesagt, in guter Literatur geht es um mehr als die formale Verwendung von Doppelpunkten, Asterisken oder Binnen-Is. Es geht um Empathie, Genauigkeit und Schönheit. Wenn die genannten graphischen Zeichen dazu beitragen: ok!

Unsere Gesprächspartner*innen zu Thema Gendern

Bereits erschienen

Demnächst

  • Mithu Sanyal, Autorin
  • Annette Michael, geschäftsführende Verlegerin des Orlanda Verlags
  • Helga Frese-Resch, Programmleitung Internationale Literatur, Kiepenheuer & Witsch
  • Katharina Gerhardt, freie Belletristik-Lektorin

Eine ausführliche, zusammenfassende Analyse zum Thema Gendern in der Literatur finden Sie in der aktuellen Printausgabe des Börsenblatts, in unserem Spezial Belletristik (Heft 24 vom 17. Juni 2021)

Welche rechtlichen Aspekte müssen Verlage beim Gendern von Manuskripten beachten? Dazu lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Susanne Barwick, der stellvertretenden Justiziarin des Börsenvereins.