Gastspiel von Jo Lendle

Herrlich verwirrende Literaturschubladen

18. Juni 2021
von Börsenblatt

Jede Fiktion ist Autofiktion, meint Jo Lendle. Die herrlich verwirrende Warengruppe 116 »Romanhafte Biografien« führe vor Augen, dass die Trennung zwischen Fiktion und Nonfiktion eine Chimäre sei.

Jo Lendle, Hanser-Geschäftsführer: Im August erscheint bei Penguin sein Roman »Eine Art Familie«

Für literarische Werke gilt ein Grundgesetz: Jede Fik­tion ist Autofiktion, sonst wäre sie keine Literatur. Schon von Anfang an, spätestens seit Flauberts unsterblichem Ausruf »Madame Bovary, c’est moi«. Wer sich nicht selbst in die Literatur hineinschreibt, mit den eigenen Fragen, Wünschen, Zweifeln, der kann gleich Telefonbücher verfassen. So zumindest stelle ich es mir gern vor. In Wirklichkeit ist die Literatur eine eigenwillige Person und hat für jede Form von Gesetz und Vorschrift nur ein Lächeln übrig. Bestenfalls.

Diese Unbändigkeit macht den Umgang mit Literatur auf anregende Weise kompliziert. Um sie zumindest ein wenig einzuhegen, verfielen unsere Vorfahren auf die Idee der Waren­gruppen. Ein gut gemeintes, wenn auch heikles Unterfangen. Natürlich ist bei solch verzweifelter Systematisierung an Absurditäten kein Mangel. Am herrlich verwirrendsten von allen strahlt die Warengruppe 116 »Romanhafte Biografien« (man möchte die Namensgeber in Romanhaft stecken, täglich tausend Seiten, aber das nur am Rande). 

Einen Vorteil jedenfalls hat diese Schublade: Sie führt vor Augen, dass die starre Trennung zwischen Fiktion und Nonfiktion eine Chimäre ist. Wir erleben das gerade auf dem täglich wachsenden Feld von Büchern, die sich frohgemut der Einordnung widersetzen: halb Faktisches, halb Gedankenspiel, halb Geschichte, halb Essay. Und falls noch Hälften übrig sind, zudem noch etwas Poesie. An seinem Ursprung war dies das Versprechen des Romans: ein Gefäß für alles zu sein. Eine bunte Tüte. 

Die Literatur hat für jede Form von Gesetz und Vorschrift nur ein Lächeln übrig. Bestenfalls.

Jo Lendle

Türhüter der Erinnerung

Natürlich gilt das auch für die Autofiktion – und erst recht für die eigene Überlieferung, bei der man selbst Türhüter der Erinnerung ist. Wie viel ist er­dacht, wie vieles ist wahr? Was ist das überhaupt, die eigene Wahrheit? Aufregend wird Literatur gerade in diesem Zwischenreich, das in immer neuen Kostümen und Verwandlungen auftritt. Max Frisch hat dem Phänomen in »Biographie. Ein Spiel« seinen gültigen Titel gegeben. Wie Kinder hocken wir über unserem Selbstbaukasten Herkunft. 

Warum schreibt man darüber, aus welchen Umständen man kommt? Von den Jahren vor der eigenen Geburt, der Zeit der näheren Vorfahren? Die Antwort liegt nahe: um zu verstehen, wie man wurde, was man ist. Ich habe das gerade zehn Jahre lang gemacht. Eine Art Autofiktion über Bande, die nicht das Ich umkreist, sondern dessen Vorzeit. In der Sprache der buchhändlerischen Systematik hieße das wohl: »Romanhafte Autobiografiefiktion« (Warengruppe <3). Man steht am Spielfeldrand der näheren Vergangenheit und schaut zu, wie alles gekommen ist. Ohnehin ist die eigene Vorzeit eine Epoche, die in der Literatur gut aufgehoben ist. Romane sind langsam. Bis Ereignisse ins literarische Gedächtnis eingesickert sind, dauert es eine Weile. Kein Wunder, dass sie sich häufig dem Terrain widmen, das die Journalisten schon geräumt haben und die Historiker erst zögerlich betreten. Wo wäre bessere Gelegenheit zum Fabulieren, zum Anprobieren von Ungewissheit?

Auch Flauberts Emma-Bovary-Zitat übrigens ist natürlich ungewiss, die Überlieferung einer Überlieferung. Tatsächlich behauptete er in einem Brief an Marie-Sophie Leroyer de Chantepie das Gegenteil: Er habe seinem Roman weder eigene Gefühle beigefügt noch irgendetwas von der eigenen Existenz. Aber das sollte uns nicht verstören, denn sofort gilt das zweite Grundgesetz der Literatur: »Schriftsteller wissen viel – aber wenig über ihr Werk.«