Independents

Lob der Abhängigkeit

23. März 2026
Nils Kahlefendt

Im chinesischen Jahr des Pferdes brachte das Independence-Dinner zur Leipziger Buchmesse Medienleute und unabhängige Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. 

Gäste im lokal

Im Drunken Master Atelier von Thomas Wrobel in einem Eutritzscher Künstler-Domizil MONOPOL fühlt man sich wie in einem der angesagten Wohnzimmer-Restaurants in irgendeiner chinesischen Metropole. Dabei ist Wrobel („Was scharf aussieht, ist auch scharf!“) nur im Herzen Chinese – und seine Karte liest sich wie reine Lautpoesie: Blumentofu mit Tausendjährigen Eiern. Großmutters Stampfkartoffeln aus Yunnan. Salat mit pikant geschmorter Ente. Kaltgemischte Gurke. Rindfleisch mit Kreuzkümmel. Gedämpfter Fisch. Ananas mit Minze... und so weiter, und so fort.

Thomas Wrobel, Koch fürs Indiedinner, mit einem chinesischen Plüschtier

Thomas Wrobel

So vielfältig wie Wrobels Gerichte sind die Programme der unabhängigen Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Medien-Leute und Kulturnetzwerker zum „Independence Dinner“ einluden. Mit dabei auch Preisträger wie Manfred Rothenberger (Starfruit Publishing, Kurt-Wolff-Förderpreis 2026) oder Annette Koch (Droschl) und Manfred Gmeiner, der am Nachmittag in der Glashalle den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung erhalten hatte. Das kulinarisch-kulturpolitische Gemeinschaftswerk von Hotlist, ARGE Österreichische Privatverlage, Swiss Independent Publishers (SWIPS) und der Kurt-Wolff-Stiftung (KWS) kam auch heuer wieder durch die tatkräftige Hilfe von Dörlemann Satz (Lemförde) zustande – leider konnte Frauke Czwika krankheitsbedingt nicht dabei sein. Hotlist-Promotor Axel von Ernst (Lilienfeld) erklärte in seinen Dankesworten, warum sich die Schwester von Sabine Dörlemann zur Indie-Gemeinschaft hingezogen fühlt – bevor sie die Satzfirma ihrer Eltern übernahm, war sie Übersetzerin.

Annette Beger vom Schweizer Kommode Verlag und Dietrich zu Klampen sprachen zwischen den Gängen Grußworte; zu Klampen pries dabei die bundesrepublikanische Buchhandelslandschaft und die Unterstützung der Medien in Zeiten ihrer Gefährdung. „In gewisser Weise“, so zu Klampen, „ist es auch schön, wenn man vom Verfassungsschutz beobachtet wird“. Die drei von der Preisliste gestrichenen Buchhandlungen hätten schon im März ihren Jahresumsatz erreicht. Grund genug, den Kulturstaatsminister zum „Mitarbeiter des Monats“ zu ernennen.

Der Vorsitzende der ARGE Österreichische Privatverlage, Alexander Potyka (Picus), blickte vorm Dessert auf die traditionell sehr kleinteilige Verlagslandschaft seines Heimatlands – die meiste Literatur, die aus Österreich kommt, erscheine in deutschen Verlagen. „Alle österreichischen Verlage zusammen haben in Österreich einen Marktanteil von 11 Prozent, in Deutschland sind es 0,45 Prozent.“ Wenn es heute in Österreich dennoch eine „blühende Verlagsszene“ gebe, dann dank der 1992 selbst erreichten Verlagsförderung. Die aus Deutschland lange mit scheelen Blicken als „Apanage vom Staat“ bekrittelt wurde, vulgo: Staatsknete. Erneut räumte Potyka mit einer Legende auf – der in schöner Regelmäßigkeit vorgebrachten Behauptung, man sei unabhängig. Das Gegenteil ist der Fall: „Wir sind total abhängig – von Ihnen! Wir brauchen Sie – ständig! Wir leben davon, dass wir Resonanz bekommen.“ Von Potykas abgründigem letzten Satz klangen dem einen oder der anderen, ganz gleich ob aus Print, Funk oder Fernsehen, dann doch die Ohren: „Wir wünschen den periodischen Medien ein langes Leben!“