Umfrage bei Libri, Bookwire, Penguin Random House

Wie bereiten Sie sich auf das Gesetz zur digitalen Barrierefreiheit vor?

1. Dezember 2020
von Sabine Cronau

Ab Juni 2025 müssen E-Books, E-Reader und Websiten barrierefrei sein, damit sie von blinden und sehbehinderten Menschen problemlos genutzt werden können. Das Thema ist neu für Sie? Dann lesen Sie diese Tipps von Mitgliedern der frisch gegründeten Börsenvereins-Taskforce Barrierefreiheit.

Wie bereiten Sie sich auf die Neuregelung vor?

Detlef Bauer, Produktmanager Metadaten und Suche beim Barsortiment Libri

Porträtfoto Detlef Bauer, Libri

Detlef Bauer, Barsortiment Libri

Je nachdem wie detailliert der Gesetzgeber die Vorschrift ausgestaltet, können sich diverse Handlungsfelder ergeben.

"Wir behalten bereits heute die Neuregelung im Blick, allerdings ist es bis zum Inkrafttreten noch ein langer Weg und vieles kann sich bis dahin noch ändern. Die Richtlinie Barrierefreiheit muss bis zum 28. Juni 2022 in nationales Recht überführt werden und kommt anschließend verbindlich ab dem 28. Juni 2025 zur Anwendung. Der finale Geltungsbereich ist jedoch noch nicht abschließend umrissen.

So sind E-Commerce-Anwendungen für Endkunden denkbar, die so umgerüstet werden, dass sie auch durch Sehbehinderte oder Blinde bedient werden können. Um der gleichen Anwendergruppe den Zugriff auf E-Books zu erleichtern, könnten auch Vorlesefunktionen eine mögliche Option ein. Im Rahmen der Richtlinie kann auch der Abbau von Barrieren für bewegungseingeschränkte Menschen, hierzu zählt auch die immer stärker wachsende Gruppe der Senioren, sowie für Menschen mit geistiger Behinderung beispielsweise in Form von Informationsvermittlung in einfacher Sprache erfolgen. Je nachdem wie detailliert der Gesetzgeber die Vorschrift ausgestaltet, können sich also, soweit wir das heute absehen, diverse Handlungsfelder ergeben."

Linda Molnar, Production Manager bei Digital Publishing-Dienstleister Bookwire

Porträtfoto Linda Molnar, Bookwire

Linda Molnar, Production Manager beim Digital Publishing-Dienstleister Bookwire

Wir haben in unser Bookwire OS eine Validierung integriert, mit der Titel auf Accessibility geprüft werden können.

"Für uns war es zunächst einmal wichtig, zu sehen, wie gut unsere Kunden zu diesem Thema informiert sind. Deshalb haben wir eine Umfrage gestartet – mit dem Ergebnis, dass sich die meisten Verlage mehr Informationen und Angebote zur Produktion barrierefreier EPUBS wünschen. Seit August dieses Jahres bieten wir die Herstellung barrierefreier EPUBS im Rahmen unsereres Production-Services auch selbst an.

Darüber hinaus haben wir in unser Bookwire OS eine Validierung integriert, mit der Titel auf Accessibility geprüft werden können. Technologisch setzt diese auf dem Open Source Tool ACE by DAISY auf, das EPUBs auf ihre Konformität mit den Regeln der EPUB Accessibility Specification prüft. Mit der Einführung dieser neuen Qualitätsstandards in unserem „Operating System for digital publishing“ möchten wir die Verlage bereits jetzt mit allen notwendigen Informationen versorgen und sie bestmöglich beim Übergang zu barrierefreien E-Books unterstützen."

Armin Köhler, Herstellungsleiter Digital, Verlagsgruppe Penguin Random House

Porträtfoto Armin Köhler, Penguin Random House

Armin Köhler, Penguin Random House

Mit ihren 47 Verlagen verfügt die Verlagsgruppe über eine sehr umfangreiche E-Book-Backlist. Die Neuregelung betrifft uns deshalb in großem Maße und wird entsprechend sorgfältig geplant.

"Das Thema Barrierefreiheit in E-Books ist uns wichtig und wir beschäftigen uns schon länger intensiv damit. Denn so ermöglichen wir vielen Menschen, unsere Bücher zu lesen, für die sie bisher nicht zugänglich waren. Mit ihren 47 Verlagen verfügt die Verlagsgruppe über eine sehr umfangreiche E-Book-Backlist, die Neuregelung betrifft uns deshalb in großem Maße und wird entsprechend sorgfältig geplant.

Aufgegriffen wurde das Thema Barrierefreiheit durch die zentrale Abteilung Digitalherstellung, die unter anderem die Bestandspflege der E-Books verantwortet sowie die Satzrichtlinien der Druckvorstufenproduktion vorgibt und Lösungsansätze für die digitale Transformation entwickelt. Das Digitalteam arbeitet dabei eng mit den angrenzenden Abteilungen zusammen, insbesondere mit IT und Digital-Logistik, um bei neuen Anforderungen funktionierende automatisierte Prozesse nicht zu gefährden.

Nach einer ersten Bestandsaufnahme wurden die weiteren Schritte für eine umfassende Recherchearbeit festgelegt, darunter die Abstimmung mit dem DZB Lesen (Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen, Leipzig) und weiteren Organisationen und Firmen. Außerdem sind wir Teil der frisch gegründeten Taskforce des Börsenvereins, die sich mit der Barrierefreiheit auseinandersetzt. Bei einem so komplexen Thema sind ein intensiver Austausch und kurze Wege wesentlich, insbesondere bei der Anforderungsrange an die unterschiedlichen Produkte der Penguin Random House Verlagsgruppe."

Welchen Rat können Sie Branchenkolleg*innen geben, die jetzt in das Thema einsteigen?

Detlef Bauer, Barsortiment Libri

"Ich kann nur raten, die FAQ-Seite zur Barrierefreiheit im Aufbau beim Börsenverein zu beobachten. Sobald der nationale Gesetzgeber tätig geworden ist, sollte man die nächsten Schritte planen."

Linda Molnar, Bookwire

"Eine Umstellung, etwa vom EPUB 3 zum Accessible EPUB 3 ist in gewissen Fällen komplizierter, als es manche Quellen suggerieren. Einfacher wird es für Verlage dann, wenn sie die Barrierefreiheit bereits bei der Gestaltung von Titeln im ursprünglichen Format mitdenken und entsprechende Anpassungen vornehmen. So benötigen beispielsweise Tabellen mit vielen Spalten oder Grafiken mit Text einen Beschreibungstext, um von Screenreader-Software adäquat wiedergegeben werden zu können. Als Startpunkt kann ich die Checkliste der IG Digital und des DZB Lesen sehr empfehlen. Die Liste ist kompakt und erklärt Grundlagen gut.

Hilfreich sind auch Webseite und Newsletter des Daisy Consortiums. Das Konsortium trägt zu den gängigen Standards bei, entwickelt Richtlinien zur Förderung bewährter Verfahren und beschäftigt sich mit der Nutzerfreundlichkeit von Screenreader-Software. So kann man sich das Wissen kontinuierlich aneignen und sich Schritt für Schritt an die Best Practices heranarbeiten.

Armin Köhler, Penguin Random House

"Empfehlen würde ich, sich zunächst grundsätzlich mit den Anforderungen vertraut zu machen und frühzeitig in den engen Austausch mit den beteiligten Abteilungen zu gehen. Die Erfahrung zeigt, dass die Komplexität der Produkte sowie die Beschaffenheit der Backlist eine nicht unwesentliche Rolle spielen, mit Beschaffenheit meine ich den Grad der Standardisierung.  Am Ende sollten die nachgelagerten Prozesse den größtmöglichen Automatisierungsgrad aufweisen."

Wie viele E-Books, die Sie verlegen oder über Ihre Plattformen vertreiben, sind schon jetzt barrierefrei? Ganz neu ist das Thema für die Branche ja nicht….

Detlef Bauer, Libri

"Bisher sind bereits etwa die Hälfte der über Libri.Shopline angebotenen E-Books von den Verlagen für die beispielsweise bei tolino verfügbare Vorlesefunktion (Text2Speech) freigegeben."

Linda Molnar, Bookwire

"Zurzeit haben wir eine geringe Anzahl an barrierefreien EPUBs im Vertrieb. Allerdings bekommen wir im Moment verstärkt Anfragen, die das wachsende Interesse der Verlage, integrativ zu publizieren, verdeutlichen. Ich finde es nachvollziehbar, dass viele in Bezug auf die Umsetzung barrierefreier EPUBs noch zurückhaltend sind und sich durch das Expertenwissen, das es voraussetzt, verunsichert fühlen. Je frühzeitiger man sich jedoch mit dem Thema beschäftigt, desto einfacher gelingt die Umsetzung, die spätestens 2025 für viele ansteht.

Wünschenswert wäre, dass die Shops ebenfalls ein Interesse daran zeigen, bereits jetzt möglichst viele EPUBs „accessible“ anzubieten. Dafür müssen Strukturen geschaffen werden, damit ein barrierefreies E-Book auch als solches sichtbar wird. Auch die Hersteller von Endgeräten müssen einen Prozess für mehr Barrierefreiheit anstoßen. Erst wenn alle Teilnehmer in der E-Book-Kette sich beteiligen, entsteht eine gewinnbringende Dynamik, die schon jetzt den Weg bereiten und so die Branche gelassener an ihr Ziel des barrierefreien Publizierens bringen kann."

Armin Köhler, Penguin Random House

"Das Thema ist wirklich nicht neu, wir arbeiten schon seit Anfang des Jahres daran, hier eine systemische und damit nachhaltige Lösung zu schaffen. Das Projekt ist aber noch nicht abgeschlossen, deshalb haben wir aktuell noch kein E-Book umgestellt. Nach Abschluss des Projekts werden wir dann aber ein umso umfangreicheres Angebot haben."

Zum Hintergrund

European Accessibility Act: So heißt eine EU-Richtlinie, die 2019 verabschiedet wurde. Sie verpflichtet die Mitgliedsstaaten unter anderem dazu, den gesamten Online-Handel für Verbraucher*innen barrierefrei zu gestalten. Die Umsetzung in nationales Recht soll bis Juni 2022 folgen und neben Webshops auch E-Books und E-Reader erfassen. (Weitere Details gibt es hier auf boersenblatt.net und auf der Website des Börsenvereins). Im Börsenverein hat sich gerade eine Taskforce zum Thema gegründet, der unter anderem Detlef Bauer, Linda Molnar und Armin Köhler angehören.

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