Ein Kommentar der Jungen Verlags- und Medienmenschen

JVM: Wie viel Privileg braucht ein Job in der Buchbranche?

30. Juli 2026
Redaktion Börsenblatt

Wie das Ranking der 100 größten Verlage zeigt, verteilen sich deren Hauptsitze auf insgesamt 37 Orte – zugleich ist eine Konzentration auf wenige große Städte zu beobachten. Letzteres kritisiert der Vorstand der Jungen Verlags- und Medienmenschen in einem Kommentar anlässlich des geplanten Umzugs von S. Fischer und Fischer Sauerländer.

von links nach rechts: Katharina Dietz (Schriftführerin), Patricia Blob (1. Vorsitzende), Theresa Pyritz (5. Vorstandsmitglied), Paula Winkler (Schatzmeisterin) (nicht im Bild: Hannah Kropla (2. Vorsitzende)

von links nach rechts: Katharina Dietz (Schriftführerin), Patricia Blob (1. Vorsitzende), Theresa Pyritz (5. Vorstandsmitglied), Paula Winkler (Schatzmeisterin) (nicht im Bild: Hannah Kropla (2. Vorsitzende)

In seinem Kommentar schreibt der JVM-Vorstand:

Die Konzentration der deutschen Verlagsbranche auf wenige Städte setzt sich fort. Schon heute sind mehr als die Hälfte der 100 größten Verlage in München (17), Berlin (15), Stuttgart (11) und Hamburg (9) ansässig (Quelle: Die 100 größten Verlage, Börsenblatt 2025). Mit dem Wegzug von S. Fischer und Fischer Sauerländer verliert nun auch Frankfurt am Main zwei bedeutende Verlage – und damit zwei der letzten großen Verlagsadressen in der Rhein-Main-Region.

Die Nachricht ging auch am Jungen Verlags- und Medienmenschen e. V. (JVM), dem größten unabhängigen Verein des Branchennachwuchses und der Young Professionals in der DACH-Region, nicht vorbei und löste in den vergangenen Wochen intensive Diskussionen aus. Nicht, um die unternehmerischen Beweggründe der beteiligten Verlage anzuzweifeln, sondern weil der Umzug exemplarisch für eine Entwicklung steht, die viele junge Menschen in unserer Branche seit Langem beschäftigt: die zunehmende Konzentration von Verlagsstandorten auf wenige Ballungsräume. Aus Sicht des Nachwuchses und der Young Professionals werfen wir die Frage auf, welche Folgen eine solche Zentralisierung langfristig für die Vielfalt und Zugänglichkeit unserer Branche hat.

Weniger Standorte, weniger Perspektiven

Mit dem Wegzug von etablierten Standorten geht oft auch der Verlust gewachsener regionaler Netzwerke, Expertise und Ausbildungsstrukturen einher, die primär in großen Verlagshäusern bestehen. Nicht jede:r kann oder möchte sich in einer der großen Städte eine Existenz aufbauen. Damit riskieren Verlage, wertvolle Perspektiven zu verlieren, was sich langfristig auf die Programmgestaltung und die redaktionelle Vielfalt auswirkt. Denn wenn Belegschaften zunehmend aus denselben privilegierten, urbanen Milieus stammen, werden andere Sichtweisen und Erfahrungswerte ausgeklammert und damit weniger repräsentiert.

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass es in Frankfurt und Leipzig – den beiden großen Buchmessestädten Deutschlands und zugleich Standorte buchnaher Studiengänge – immer weniger Verlage und damit fast keine Praktikumsplätze, Werkstudierendenstellen Volontariate oder Anschlussstellen gibt. Studierende, die sich für einen dieser Studienorte entscheiden, um dort die Grundlage für ihren Berufseinstieg zu legen, finden nur begrenzte Möglichkeiten vor, praktische Erfahrungen und Zukunftsperspektiven vor Ort zu sammeln.

Wer sich umfassend auf den Einstieg in die Branche vorbereiten will, muss also Umzüge in Kauf nehmen, nicht selten in Städte mit den höchsten Lebenshaltungskosten Deutschlands. Gleichzeitig riskiert man dadurch den Wegfall wichtiger Einkünfte durch zuvor bestehende Werkstudierendenstellen oder Minijobs. Auch Jule Heer thematisiert in ihrem Artikel vom 3. Juli 2026 auf boersenblatt.net die Hürden beim Berufseinstieg. Dort berichten junge Berufseinsteiger:innen davon, dass ihnen bei ohnehin niedrigen Einstiegsgehältern oft schlicht das Geld fehlt, um sich ein Leben in den großen Verlagsstädten überhaupt leisten zu können.

Ergebnisse aus der JVM-Mitgliederumfrage

Diese Beobachtungen decken sich mit den Ergebnissen der JVM-Mitgliederumfrage aus dem Jahr 2025: Mehr als 40 Prozent der Teilnehmenden gaben an, ernsthaft darüber nachzudenken, die Buchbranche zu verlassen. Als Gründe wurden vor allem niedrige Gehälter, Zukunfts- und Existenzängste, eine hohe Arbeitsbelastung, ein großer Anteil befristeter Beschäftigungsverhältnisse und geringe Übernahmequoten nach Volontariaten genannt.

Diese Zahl zeigt: Es handelt sich nicht um Einzelfälle oder individuelle Empfindungen, sondern um ein strukturelles Problem, das sich seit Jahren abzeichnet und mit jeder weiteren Standortverlagerung in Richtung weniger, dafür teurerer Großstädte verschärft. Wer sich schon während des Studiums fragen muss, ob ein Praktikum oder ein Volontariat überhaupt finanzierbar ist, für den wird der Berufseinstieg in die Buchbranche zu einer Frage des privaten Vermögens – und nicht der Qualifikation oder der Motivation.

Für eine Branche mit Zukunft

Es geht uns als JVM hierbei ausdrücklich darum, sichtbar zu machen, was die Zentralisierung der Verlagsstandorte für die Menschen bedeutet, die diese Branche in Zukunft tragen sollen.

Dem Nachwuchs und den Young Professionals der Buchbranche sind die schlechten Arbeitsbedingungen bewusster denn je, und sie werden auf Dauer weder in der Lage noch bereit sein, diese stillschweigend hinzunehmen. Die Liebe zu Büchern und Literatur ist ungebrochen groß, doch sie darf nicht dazu benutzt werden, prekäre Beschäftigungsverhältnisse aufrechtzuerhalten. Wenn die Branche auch in Zukunft auf motivierten, qualifizierten Nachwuchs setzen will, muss sie Rahmenbedingungen schaffen, unter denen nicht persönliche finanzielle Voraussetzungen über den Berufseinstieg entscheiden, sondern Qualifikation und Eignung .

Der Vorstand des Jungen Verlags- und Medienmenschen e. V.

Ausgabe 2026

Die 100 größten Verlage | Verlagsranking

Die Erhebung "100 größte Verlage" enthält die vollständige Rangliste der Verlage mit Umsatzentwicklungen der vergangenen drei Jahre, internationale Gesamtumsätze, Umsatzanteile besonderer Geschäftsfelder und mehr. Die ausführliche Analyse der Zahlen enthält zusätzlich eine Langzeitbetrachtung der Branchenumsätze.