Verzicht auf Plastikfolie

Hanser erfindet den Schutzumschlag neu

Große Klappe statt Plastikfolie: Der Hanser Verlag testet gerade zwei neue Varianten des Schutzumschlags im Handel. Dabei wird die Seitenklappe um das Buch, bzw. den Buchblock gefaltet und macht so eine Plastikverpackung unnötig. Art Director Peter-Andreas Hassiepen stellt die Idee vor. KAI MüHLECK

Hanser Art Director Peter-Andreas Hassiepen

Hanser Art Director Peter-Andreas Hassiepen © Christina Zeeb

Die beiden Hanser-Bücher „Die Nickel Boys“ von Colson Whitehead und „Miroloi“ von Karen Köhler brauchen keinen Schutzumschlag: Bei Whitehead ist die Coverklappe verlängert und kann um das komplette Buch gefaltet werden, auch „Miroloi“ kommt ohne Schutzumschlag aus. Hier ist das hintere Vorsatzpapier verlängert und kann um den Buchblock gefaltet werden (siehe Video am Ende des Beitrags). Eine ähnliche Variante hat bereits der Luftschacht Verlag aus Wien im Frühjahr 2018 Handel getestet.

Herr Hassiepen, die Diskussion um den Verzicht von Einschweißfolie ist sicher der Ursprung Ihrer Idee. Was genau ist das Ziel Ihres neuen Schutzumschlags?
Über das Thema Folienverzicht wird ja schon lange geredet. Auch uns ist es nicht sonderlich behaglich. Aber es gibt unterschiedliche Bedürfnisse was die Buchverpackung angeht. Unverpackte Bücher haben im Handel durchaus auch Probleme, wie ich selbst nur zu gut weiß. Vor langer Zeit war ich sechs Jahre lang als Buchhändler tätig und kenne die Empfindlichkeiten der Kunden aus erster Hand – ich glaube auch nicht, dass sich da etwas fundamental geändert hat.  Es wäre ja einfach, die Bücher unverpackt in den Handel zu geben, aber der Folienverzicht allein löst das Problem der Buchhändler nicht und wird dem Bedürfnis des Kunden auch nicht gerecht. Unsere Idee war darum eine Verpackung zu schaffen, die ohne Verschweißung auskommt und den Kunden etwas in die Hand geben, bei dem er das Gefühl hat „Ich bin der erste, der es aufmacht.“ Wir wollen diesen psychologischen Moment bewahren und gleichzeitig dazu beitragen, dass der Kunde von der Vorstellung abkommt, dass er ein jungfräuliches Buch bekommt, auf dem kein Kratzer und kein Staubkorn sein darf. Das wird am Anfang womöglich noch schwer zu verkaufen sein, aber es wird langfristig bestimmt ein Umdenken geben - in anderen Ländern geht es ja auch!

Bei den „Nickel Boys“ lässt sich das Buch immer wieder durch die Softpoints verschließen. Ist Ihre Druckerei auf diese technischen Rafinessen überhaupt eigestellt?
Noch ist alles ein Versuch – alle Umschläge werden momentan noch per Hand umgelegt – da muss in der Druckerei irgendwann noch nachgerüstet werden, damit nichts verklebt – für Schnellschüsse oder hohe Auflagen ist das Verfahren noch nicht geeignet. Vielleicht gibt es später auch eine flächigere Lösung oder ganz andere Softpoints? Wir sind noch dabei zu experimentieren. Momentan endet der Umschlag oben etwas kantig, das ist noch keine Dauerlösung.

Ohne Folie: Umschlag mit verlängerter Coverklappe (Variante 1) oder mit ausfaltbarem Vorsatzpaper (Variante 2)

Ohne Folie: Umschlag mit verlängerter Coverklappe (Variante 1) oder mit ausfaltbarem Vorsatzpaper (Variante 2) © Hanser Verlag

Welche Herausforderung ergeben sich durch den Folienverzicht in der Logistik und Herstellung?
Von außen betrachtet, denkt man: „Lasst doch einfach die Folie weg!“, aber das hat Auswirkungen auf den Transport und die Logistik. Eingeschweißte Bücher lassen sich zum Beispiel viel höher auf Europalette stapeln und rutschen weniger herum. Beim Transport im LKW wirken auf die unteren Bücher enorme Kräfte, wenn der LKW um die Kurve fährt, fängt alles an zu schaukeln und die Umschläge verkratzen. Möglicherweise brauchen wir also kleinere Verpackungeinheiten, der Einspareffekt der Folie hat also ein paar Eintrübungen.

Was sagen Ihre Vertreterinnen und Vertreter zum Thema?
Wir haben unsere Vertreter auf der Sitzung überrascht, sie waren sehr angetan – Diskussionen und Bedenken gab es natürlich trotzdem. Aber wir wollten nicht warten, bis wir das 100-prozentige Endeergebnis haben, sondern das Ganze erstmal anstoßen. Wenn man  nichts versucht, bekommt man auch keine Rückmeldung aus dem Handel.

Die ersten beiden Bücher sind im Handel. Wie geht es jetzt weiter, Herr Hassiepen?
Wir warten jetzt erst einmal die Erfahrungen ab und versuchen gleichzeitig, die technische Seite in den Griff zu kriegen, damit das Verfahren auch maschinell durchgeführt werden kann. Dann sehen wir weiter. Bislang gefällt zumindest mir persönlich die Lösung bei Whitehead besser, weil hier das Buch komplett verschlossen ist und nicht nur der Buchblock.

Im Video: Art Director Peter-Andreas Hassiepen stellt die neuen Umschläge vor.

Vorreiter: Der Luftschacht Verlag hat bereits im Frühling 2019 eine ähnliche Variante erprobt

Vorreiter: Der Luftschacht Verlag hat bereits im Frühling 2019 eine ähnliche Variante erprobt © Foto: kum / Vorschau: Luftschacht Verlag

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5 Kommentar/e

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  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    Mit der ersten Variante vom ,neuen Schutzumschlag` , den der Art-Director vom Hanser Verlag, Herr Hassiepen, in einem kleinen Video vorstellt, ist ihm sozusagen ein echter Wurf gelungen, denn mit der verlängerten Coverklappe wird das Buch doch geschützt und man kann als Verlag auf eine zusätzliche Schutzfolie verzichten. Der verlängerte Schutzumschlag wird dann innen mit zwei Clips gehalten, die der Leser wenn er dann Buch dann liest einfach mit dem Finger nach oben ziehen kann und das Buch ist geöffnet.
    Jedenfalls ist dies eine doch prima Idee, welcher der Hanser Verlag da gerade in der Erprobung hat.
    Die Lösung mit dem Buch von Colson Whitehead ,Die Nickel Boys` , welche da auch von Herrn Hassiepen positiv eingeschätzt ist, weil das ganze Buch ja komplett verschlossen ist, wirkt doch sehr überzeugend.
    Der echte Schutzumschlag ist jetzt zwar nicht da, doch erfüllt diese verlängerte Coverseite um das Buch herum eine richtige Lösung, denn das Buch ist da dann wirklich geschützt, so wie dies sein soll.
    Die Feinheiten werden sich dann noch bei den weiteren Planungen ergeben.
    Und das Ganze, auch mit der zweiten Möglichkeit, das Buch mit dem ausfaltbaren Vorsatzpapier, ist weiter in der Bearbeitung.
    Wichtig war für Herrn Hassiepen zunächst einmal einen Anfang zu machen, wie man so etwas entwickeln könnte.
    Die nächsten Wochen werden dann beim Hanser Verlag und den Rückmeldungen der Buchhändler und anderer Verleger zeigen, welche Wege der Hanser Verlag dann in Richtung Schutzumschlag gehen wird und wie die gesamten Strategien aussehen.

  • Rolf Mueller

    Rolf Mueller

    Nur, vor Kratzern oder Flecken auf dem Schutzumschlag schützt diese Idee nicht. Was wäre denn mit einer Zellophanverpackung? Zellophan ist durchsichtig, wird aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt und kann kompostiert werden.

  • Udo Matt

    Udo Matt

    Ein alter Stammleser sieht das so: Ich kaufe jährlich über 400 Bücher. Ja, das gibt es noch! Zwei Laufmeter Bücherwand sind hier allein von Hanser. Sehr schön. Doch: Ich kaufe Bücher nur und ausschließlich verschweißt, ob Plastik oder Pergamin oder sonstwie ist egal. Aber – Bücher haben eine Haptik, einen Geruch, und ich will sie neu, ohne daß da vorher Buchhändlernasen oder -finger dran waren.

  • Dieter Hein

    Dieter Hein

    Ich scheine der kleine Bruder von Herrn Matt zu sein. Auf 400 Bücher bringe ich es nicht, aber doch immerhin auf ca. 150 (& viele von HANSER). Auch ich wünsche sie "jungfräulich". Ich teile daher die Begeisterung von Herrn Hassiepen nicht. Der Schutzumschlag, auch wenn der Buchblock unberührt bleibt, wird von allen möglichen Leuten, bevor ich das Buch kaufe, angegrabbelt werden können. Das ist mir ein äußerst unsympathicher Gedanke.

  • Anja Vorspel

    Anja Vorspel

    Die Idee ist großartig. Aber wohl eher für kleinere Auflagen gedacht. Generell müssen wir auf das Plastik verzichten. Und da müssen einige Verlage Vorreiter sein, damit die ganze Branche nachzieht. Wichtig ist auch, dass die Barsortimente die Bücherkisten sorgfältiger transportieren. Vielen Dank aber erstmal an Hanser. Ich konnte so übrigens einen Blick in das Buch von Rafik Schami werfen und habe es sofort für mich und den Laden bestellt.

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