Kongress Deutsche Fachpresse 2017

Auf dem Weg in die Black-Box-Gesellschaft?

Vor mehr als 500 Teilnehmern hat heute im Frankfurter Kap Europa der Kongress der Deutschen Fachpresse begonnen. "Neue Horizonte erschließen – Die Zukunft gestalten" lautet das Motto, eine Einladung, Geschichten der digitalen Transformation zu erzählen, aber auch, sich über politische Implikationen Gedanken zu machen. Und diese dominierten den Auftakt des Kongresstages. MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Gute Frage: Was machen Algorithmen  mit den Freiheitsrechten?

Gute Frage: Was machen Algorithmen mit den Freiheitsrechten? © Monique Wüstenhagen

Stefan Rühling

Stefan Rühling © Monique Wüstenhagen

Stefan Rühling, Sprecher der Deutschen Fachpresse, griff in seiner Eröffnung den Namen des Tagungsortes auf: Kap Europa. In Zeiten von Brexit und Europaverdrossenheit stimme dies nachdenklich, gebe aber auch Anlass zur Hoffnung auf ein wiedererstarkendes, einiges Europa. Auch die Fachpresse mit ihrem Kongress könne dazu beitragen. In einer Welt, in der Informationen und Meinungen verschwimmen, sei verlässliches Fachwissen wichtiger denn je, so Rühling. Deshalb sei die Fachpresse ein unverzichtbarer Player auf B2B-Medienmarkt. Dies könne sie aber nur bleiben, wenn sich die Fachmedienhäuser weiterentwickeln, wenn sie Flexibilität und Veränderungswillen zeigen.

Entscheidend für den Erfolg seien aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Fachmedien arbeiten. Von mehreren Seite würden sie aber in die Zange genommen: von der Digitalwirtschaft, vom europäischen Gesetzgeber – etwa durch die EU-Datenschutzgrundverordnung – und auch durch die Bundesregierung, die mit dem Urheber-Wissenschaftsgesellschafts-Gesetz Regelungen auf den Weg bringt, die eine teilweise Enteignung von Autoren und Verlagen bedeuten könnten. „Dieses Gesetz“, so Rühling, „gefährdet den unabhängigen Journalismus und die Arbeit von Verlagen.“ Er appellierte an die Zuhörer, sich der Kampagne Publikationsfreiheit.de anzuschließen. Noch sei es nicht zu spät.

Stephan Holthoff-Pförtner

Stephan Holthoff-Pförtner © Monique Wüstenhagen

Stephan Holthoff-Pförtner, Mitgesellschafter der Funke Mediengruppe und seit November 2016 Präsident des VDZ, griff in seiner Begrüßungsansprache das Motto des Kongresses auf: „Neue Horizonte erschließen“. Menschen, die nicht bereit seien, sich zu verändern, wolle er am liebsten gar nicht kennenlernen. Der VDZ-Präsident unterstrich die Schlüsselwerte, für die die Presse und die Fachpresse stehen: Freiheit, Vielfalt und Wettbewerb – und dies unabhängig von irgendwelchen (etwa öffentlich-rechtlichen) Finanziers. Die Pressefreiheit, so Holthoff-Pförtner im Blick auf Länder wie Polen, Ungarn und die Türkei, sei der Wellenbrecher der Meinungsfreiheit. Und zugleich ein Frühindikator für die Gefährdung der liberalen Demokratie. Wo sie angegriffen werde, stehe als nächstes die Meinungsfreiheit zur Disposition. Seine Mahnung: „Die Feinde der Freiheit sind umtriebig, und die Freiheit ist nicht umsonst zu haben.“

Yvonne Hofstetter

Yvonne Hofstetter © Monique Wüstenhagen

Hinter jedem Kap wartet ein neuer Ozean. Wer es umschifft hat, folgt einer neuen Himmelsrichtung und findet einen anderen Horizont vor. Doch, und das lehrte die Keynote von Yvonne Hofstetter, Geschäftsführerin des KI-Unternehmens Teramark Technologies, er muss im neuen Ozean mit anderen Witterungs- und Strömungsverhältnissen rechnen.

Hofstetter weiß aus eigener Anschauung, welche Chancen und Risiken künstliche Intelligenz, welche Skala an Möglichkeiten selbstlernende Systeme eröffnen. Doch sie sammeln und analysieren nicht nur Daten, sondern greifen auch in Wirtschaftsabläufe und Gesellschaft ein. „Ökonomen sprechen heute vom zweiten Maschinenzeitalter. Aber wir haben es nicht mehr mit Werkzeugen zu tun, sondern mit Maschinen, die kognitive Fähigkeiten haben“, sagt Hofstetter. Diese sind zwar noch vergleichsweise primitiv, aber ihre algorithmische Programmierung ist bereits so komplex, dass nur wenige Experten weltweit den Programmcode künstlicher Intelligenzen interpretieren können: „not human readable“.
Hofstetter, Autorin von „Das Ende der Demokratie“, warnte vor dem Entmündigungspotenzial, das in den neuen Technologien – Stichwort: Internet of Things - steckt. Man sei auf dem Weg in eine Black-Box-Gesellschaft, in der undurchschaubare Algorithmen in Konflikt mit den Freiheitsrechten geraten. Darin seien nicht nur Sicherheit und Privatsphäre bedroht (freiwillige Überwachung via Smartphone), sondern in den nächsten 15 Jahren auch 50 Prozent aller Berufsbilder.

Als Sprengsatz für eine freie, demokratische Gesellschaft betrachtet Hofstetter die sozialen Medien wie Facebook: Sie fragmentierten die Gesellschaft in Millionen von Einzelmeinungen, die zu einer allgemeinen Kommunikationsstörung führten, weil der gemeinsame Blick auf die Wirklichkeit fehle. Diese Atomisierung „entmachtet uns als Souverän“ und bereite den Boden für totale Systeme, in denen die Gewalt als Kitt zwischen der amorphen Masse und dem einzelnen Machthaber fungiere.

Der Freiheitsgedanke, so Hofstetters Diagnose, sei in Teilen der USA, vor allem im Silicon Valley, bereits so verblasst, dass einige die Demokratie für eine veraltete Technologie halten, an deren Stelle man etwas Neues setzen sollte.

Hofstetter stellte drei Forderungen an den Schluss ihres Vortrags:

  • Europa muss eine eigene digitale Infrastruktur schaffen.
  • Der Gesetzgeber muss den Markt regulieren.
  • Technologien müssen von einem digitalen „Umgebungsrecht“ flankiert werden.
Kevin Costello

Kevin Costello © Monique Wüstenhagen

Bevor Kevin Costello von der britischen Haymarket Media Group den Vormittag mit der Geschichte eines erfolgreichen Unternehmenswandels fortsetzte, zeigte sich der Fachpresse-Kongress heute also hochpolitisch.

Moderiert wird der Kongress der Deutschen Fachpresse von Börsenblatt-Chefredakteur Torsten Casimir.

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