Eröffnung der Leipziger Buchmesse

Das Habermas-Verfahren

19. März 2026
Nils Kahlefendt

"Es ist Buchmesse, und hier ist immer was los": Actionszenen der Gewandhaus-Eröffnung. Ein angefasster Kulturstaatsminister und eine zum Heulen schöne Preisverleihung an Miljenko Jergović.

Teilnehmer einer Kundgebung des Leipziger Aktionsbündnis "Leipzig nimmt Platz" protestieren vor Beginn des Festakts zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse vor dem Gewandhaus in Leipzig

Teilnehmer einer Kundgebung des Leipziger Aktionsbündnis "Leipzig nimmt Platz" protestieren vor Beginn des Festakts zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse vor dem Gewandhaus in Leipzig

Die Aufregung der letzten Wochen um die stets die aberwitzigste Wendung nehmende Amtsführung im Haus des Kulturstaatsministers (...) machten den oft etwas länglich wirkenden Abend im Leipziger Gewandhaus diesmal so spannend wie lange nicht.

Nils Kahlefendt

Einen "Showdown" im "Pulverfass der Leipziger Buchmesse" hatte uns die F.A.Z. morgens am 18. März im zweispaltigen Leitartikel versprochen, und auch wenn es nicht ganz so django- und westernmäßig zuging: Die Aufregung der letzten Wochen um die stets die aberwitzigste Wendung nehmende Amtsführung im Haus des Kulturstaatsministers (Stichworte: Berlinale, Deutscher Buchhandlungspreis, 5. Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig) machten den oft etwas länglich wirkenden Abend im Leipziger Gewandhaus diesmal so spannend wie lange nicht.

Eine Demonstrant zeigt die "Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei"

Auch Rote Karten hatten die Protestler dabei

Demos vorm Gewandhaus

Bereits auf dem Augustusplatz hatte das Bündnis "Leipzig nimmt Platz" zu einer Demo "Gegen Zensur und Autoritarismus" eingeladen, an der auch Bundestagsabgeordnete wie der Leipziger Sören Pellmann (Linke) und Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) teilnahmen, eine "Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei", vom Börsenverein Berlin-Brandenburg in Umlauf gebracht, wurde gezeigt, selbstgebastelte Transparente forderten "Kultur schützen, Weimer entlassen" oder bezeichneten das Agieren des "Kulturkampfministers" schlicht als "kafkaesk". Jemand musste drei Buchhandlungen verleumdet haben... Eine Leipziger Gruppe "ProtestFlügel" thematisierte ökologische Probleme im Donauraum – etwas, wofür Wolfram Weimar ausnahmsweise nicht in Haftung genommen werden konnte, aber ein anderes Schlaglicht aufs Fokusthema der Buchmesse. Das schönste Transparent fehlte leider vorm Gewandhaus – es war eine Facebook-Kachel, die Hanser-Verleger Jo Lendle geteilt hatte: "Buchhandlungen sind der beste Verfassungsschutz".

Blick in den Saal mit Gewandhaus-Orchester

Das Gewandhausorchester spielt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse

"Da war der Saal auf Betriebstemperatur"

Für den Sound im Gewandhaus sorgte zunächst Michael Schönheit, nicht Ennio Morricone. Der Gewandhaus-Organist spielte kein Lied vom Tod, griff aber beim "Halleluja-Präludium" von Franz Schmidt schwer in die Tasten. "Haben wir noch Mut?" fragte Leipzigs OBM Burkhard Jung; der gebürtige Siegener feierte Ende Februar sein 20jähriges Amtsjubiläum. Jung bezog sich in seiner starken Rede auf Manès Sperber, Friedenspreisträger von 1983, der statt des "unbrechbaren Willens zur Hoffnung" viel eher auf die "kategorische Ablehnung der Mutlosigkeit" setzte. Was, so Jung, bedeute Mut heute? Auf jeden Fall "Kritik, wenn Entscheidungen getroffen werden, die unsere kulturelle Infrastruktur schwächen". Da war der Saal auf Betriebstemperatur. Eigentlich wollte Jung mit Blick auf Weimers Einlassungen zum Erweiterungsbau der DNB eine viel schärfere Rede halten, doch die zwischenzeitlich vom BKM ausgesendeten Signale ließen ihn offenbar hoffen. 

Wir, die Bücher produzierenden, verkaufenden, lesenden – wir lassen uns nicht einschüchtern durch politische Interventionen, die unsere Freiheit und Unabhängigkeit in Frage stellen wollen.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins
Sebastian Guggolz (l), Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, zeichnet Miljenko Jergović, kroatisch-bosnischer Schriftsteller, für seine Erzählungen "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered" mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung aus. 

Sebastian Guggolz (l), Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, zeichnet Miljenko Jergović, kroatisch-bosnischer Schriftsteller, für seine Erzählungen "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered" mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung aus. 

Klare Worte vom Vorsteher des Börsenvereins

Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz ließ es bei seinem ersten Auftritt auf ganz großer Bühne nicht an der nötigen Klarheit fehlen: "Wir, die Bücher produzierenden, verkaufenden, lesenden – wir lassen uns nicht einschüchtern durch politische Interventionen, die unsere Freiheit und Unabhängigkeit in Frage stellen wollen." Die Branche lasse sich nicht spalten und gegeneinander ausspielen: "Wir sind keine Branche der begrenzten Meinungs-, Denk- oder Sprechkorridore. Wenn wir 'Vielfalt' sagen, dann streben wir die größtmögliche Bandbreite an Meinungen und Positionen an – nicht entweder oder, sondern sowohl als auch."

Der Kulturstaatsminister war angefasst

Als Wolfram Weimer ans Mikrofon trat, drohte die Stimmung für einen Moment zu kippen, "Rücktritt"- und "Buh"-Rufe ließen die ersten Worte des Zweimetermanns untergehen. Der Staatsminister war angefasst, man merkte es, als er das Wort direkt an Burkhard Jung in Bezug auf die Causa Erweiterungsbau richtete: "Normalerweise begrüßen Sie mich als Leipzig-Freund. Das habe ich heute nicht gehört. Aber wenn wir gemeinsam an dem Projekt ziehen, dann wird es ein Erfolg."

Wie schon bei seiner Rede zur Verleihung des Deutschen Verlagspreises kam Wolfram Weimer – diesmal mit Bezug auf den vor wenigen Tagen verstorbenen Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas – auf seine Frankfurter Studententage in den 1980er Jahren zurück. Wir sehen: Einen jungen Studenten in der letzten Reihe eines mäßig besetzten Hörsaals der Goethe-Universität, fasziniert von einem, der überzeugt war, dass "Verständigung wesentlich auf Vernunft angewiesen" ist: "Wenn ich heute an diesen Jürgen Habermas erinnere, plädiere ich zugleich mit aller Überzeugung für das Habermas-Verfahren, für die abwägende, die deliberative Demokratie." Puh. Ein Versuch in Selbstironie, ein verunglückter Kalauer? Oder war das Ganze eine allerletzte Post des seligen Franz-Josef Wagner, dessen "Bild", selbstredend, das Organ "herrschaftsfreien Diskurses" ist? Als der Kulturstaatsminister die Kategorie der "Freiheit" von jener der "Förderung" absetzte, erhielt er, erstmals an diesem Abend, sachten Applaus. "Mein Staat sollte alle Extremisten ablehnen – rechte, linke, Islamisten." Applaus. Am Ende schlägt Weimer vor, "den kommenden Buchhandlungspreis mit Börsenverein, Kurt-Wolff-Stiftung und anderen Stakeholdern neu zu beleben – und ihn vielleicht um einen Kinder- und Jugendbuchhandlungspreis zu ergänzen." Dass dieser Satz fällt, nachdem ein bestehender Preis (von dem auch Kinder- und Jugendbuchhandlungen profitierten) ohne Grund schwer beschädigt wurde, macht schon etwas sprachlos. Weimer: "Wir sollten reden".

"Es ist Buchmesse, und hier ist immer was los!"

Was bisher geschah, fasste Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer so kongenial zusammen, wie es der Berichterstatter niemals vermag: "Es ist Buchmesse, und hier ist immer was los!" In Sachen Buchhandlungspreis empfahl sich der Sachse mit Wendeerfahrung ebenso als Mediator wie beim Erweiterungsbau; Weimers leichtes Zurückrudern wollte er sowieso als "Ja!" verstehen: "Kohle muss her! Das machen wir jetzt gemeinsam!"

Die Schriftstellerin Barbi Marković bei ihrer Laudatio

Die Schriftstellerin Barbi Marković bei ihrer Laudatio

Miljenko Jergović: "Wir dürfen keine Angst haben!"

Als der Pulverdampf sich während eines großartigen "Concert Românesc" von György Ligeti verzogen hat, will es die in Belgrad geborene, in Wien lebende Barbi Marković dann gegen Ende ihrer anrührenden Laudatio auf den bosnisch-kroatischen Schriftsteller Miljenko Jergović endlich gut sein lassen mit dem Buchhandlungspreis-Hick-Hack. "Wir alle sind gerührt, gleich weinen wir. Vorher aber gratulieren wir zu diesem Preis, bei dem es um mehr als Verständigung geht. Durch solche Initiativen gestalten wir die gemeinsame Zeit auf der Erde."

Es ist verrückt: Diesmal gab es ein spannendes Rede-Triell und eine tolle Preisverleihung, klassische Win-Win-Situation. Und das Ganze in unter hundert Minuten! Geben wir dem weisen Mann aus Zagreb das letzte Wort, dessen ins Deutsche übersetzten Bücher in der "Schwankenden Weltkugel", der "Roten Straße", im "Golden Shop" und – selbstredend! – in der Deutschen Nationalbibliothek vorrätig sind: "Heute kann uns nur eins retten: Wir dürfen keine Angst haben! Retten kann uns nur die Einsicht, dass die unerträgliche Attraktivität Europas von der Übersetzung lebt, von der Übersetzung und der Fähigkeit, das zu verstehen, was sich nicht übersetzen lässt, eine Fähigkeit, die aus der Vielfalt europäischer Welten erwächst." Als Rausschmeißer dann Walzer: Johann Strauß (Sohn), An der schönen blauen Donau. Blau? Hochwasserkatastrophen, Dürreschäden, Artensterben. Die Klimakrise macht auch, siehe oben, vor der Donau nicht halt. Aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte.