Einzelhandelsstudie

Immer mehr kleine Geschäfte verschwinden

29. Mai 2026
Redaktion Börsenblatt

Zwischen 2010 und 2025 ist die Zahl der Einzelhandelsbetriebe in Deutschland um 16 Prozent gesunken. Vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte würden zunehmend verschwinden. Das hat eine aktuelle Studie ermittelt.

 

"Mitten in einem historischen Strukturbruch"

Der Einzelhandel zähle zu den am stärksten schrumpfenden Wirtschaftsbereichen in Deutschland, so eine aktuelle Studie der Creditreform Wirtschaftsforschung und dem Handelsblatt Research Institut (HRI). Danach ist Zahl der Einzelhandelsbetriebe zwischen 2010 und 2025 um rund 16 Prozent auf 316.310 gesunken – vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte würden zunehmend verschwinden. Konzentrationsprozesse und Geschäftsaufgaben insbesondere im stationären Handel würden den Strukturwandel beschleunigen.

  • Während es im Jahr 2010 in Deutschland noch 236.143 kleine Einzelhandelsgeschäfte mit Jahresumsätzen von unter 250.000 Euro gegeben hätte, seien es 15 Jahre später nur noch 170.770 gewesen. Das sei ein Rückgang um 28 Prozent.
  • Im gleichen Zeitraum hätte sich die Zahl der Einzelhandelsunternehmen mit Umsätzen von über 25 Millionen Euro verdoppelt – von 1.205 auf 2.420.
  • Einen Rückgang von rund 7 % auf 105.770 verzeichneten Einzelhandelsbetriebe mit einem Umsatz von 250.000 Euro bis unter 2 Millionen Euro.

 

  • Die Zahl von Betrieben der Umsatzgrößenklasse von 2 Millionen bis unter 25 Millionen Euro nahm um rund 52 % auf 37.350 zu.

Als Quelle für die Angaben nennt Creditreform die Umsatzsteuerstatistik und eigene Berechnungen. Die Zahlen von 2025 sind von Creditreform geschätzt.

"Der deutsche Einzelhandel steckt mitten in einem historischen Strukturbruch", kommentiert Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. Während Onlineplattformen, Discounter und große Filialisten Marktanteile gewännen, gerieten viele kleine und mittelständische Händler wirtschaftlich an ihre Grenzen. "Besonders in den Innenstädten wird dieser Wandel sichtbar: Fachgeschäfte verschwinden, Leerstände nehmen zu und die Vielfalt des stationären Handels geht verloren. Das klassische Warenhausmodell hat vielerorts keine Zukunft mehr."

Insolvenzen steigen

Ein wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Lage einer Branche sei die Entwicklung der Insolvenzen. Im Handel zeige sich seit einigen Jahren verstärkt das Phänomen, dass zunehmend größere und prominente Unternehmen betroffen sind – darunter etwa Galeria Karstadt Kaufhof, Gerry Weber und jüngst der Deko-Händler Depot. Diese Fälle würden jedoch nur die Spitze des Eisbergs bilden. Der Rückzug geschehe größtenteils still. Insgesamt gab es laut Studie im Einzelhandel im Jahr 2025 rund 2.440 Insolvenzen – ein Anstieg von etwa 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit setzte sich der Negativtrend fort. Bereits 2024 war die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel um fast 20 Prozent gestiegen. Überdurchschnittlich stark betroffen seien zuletzt unter anderem der Buchhandel, der Einzelhandel mit Back- und Süßwaren sowie der Textileinzelhandel gewesen.

Die Branche stehe seit Jahren unter enormem Transformations- und Wettbewerbsdruck. Inflation, Kaufzurückhaltung und steigende Betriebskosten hätten die wirtschaftliche Substanz vieler Händler zusätzlich geschwächt. "Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen verfügen kaum noch über finanzielle Puffer", so Hantzsch weiter.

Was tun?

Um sich künftig stabiler und profitabler aufzustellen und dem Abwärtstrend entgegenzuwirken, seien laut Hantzsch vor allem mehr Kundennähe, Spezialisierung und Effizienz erforderlich: "Wer als kleiner Händler austauschbar bleibt, wird es künftig schwer haben." Erfolgreich würden vor allem diejenigen Unternehmen sein, die Beratung, Erlebnis, Spezialisierung und digitale Präsenz intelligent miteinander verbinden. Dennoch dürfte sich die Konsolidierung im Einzelhandel in den kommenden Jahren fortsetzen, meint Hantzsch

Ein weiterer Aspekt sei die Erhöhung der Attraktivität von Innenstädten. "Die klassische Einkaufsinnenstadt funktioniert vielerorts nicht mehr. Wer Frequenz zurückholen will, muss Menschen wieder Gründe geben, überhaupt in die Innenstädte zu kommen." Der Handel allein könne die Zentren künftig nicht mehr tragen, so Hantzsch. "Erfolgreich werden vor allem Städte sein, die Einkauf, Freizeit, Gastronomie und Wohnen intelligent miteinander verbinden." Aber "die eine Wunderlösung für alle Innenstädte" gebe es nicht. Kommunen könnten nur dann Erfolg haben, wenn sie die Faktoren Größe, Infrastruktur, Besucherstruktur und regionale Wirtschaftsstruktur zusammenbringen.