Das Sprachspiel steht dahinter nicht zurück, denn immer mehr Überlebensnotwendiges in unserer Gesellschaft ist von Menschen gemacht und also lesbar wie ein Text, immer mehr hat Daten- und Informations-Charakter, immer mehr ist Zeichen, hat Grammatik und Syntax, vom einfachen Algorithmus bis zum Künstlichen Neuronalen Netzwerk. Wir sind an dem Punkt, an dem Leute mithilfe von KI Texte herstellen und mit ihrem eigenen Namen verzieren, die gar nicht richtig lesen können. Das wird uns noch viel Ärger machen.
Wir brauchen alle Werkzeuge, die helfen, den unausweichlichen Schaden zu begrenzen. Wir brauchen Leute, die uns James Joyce erschließen, weil er der erste große Fall in der Literaturgeschichte war, der sich sprachlich in Wissenslandschaften so weite Reisen zugemutet hat, wie sie die Dichtung früher nur in Naturlandschaften wagen konnte. Wir brauchen Leute, die Literaturbegegnungsstätten leiten und pflegen, Literaturhäuser und Buchhandlungen. Wir brauchen akademische Forschung und Lehre zur Literatur. Wir brauchen das Erbe, zum Beispiel die Hinterlassenschaft von Alfred Kerr, nach dem der schöne Preis heißt, den man mir hier so freundlich verleiht. Am besten gefällt mir an diesem Erblasser, dass er so offensiv fehlbar war. Mal lag er richtig, mal falsch, genau das ist der Beruf. Er hat den kommunistischen Dichter Johannes R. Becher verteidigt, als der wegen eines Gedichtbandes politisch schikaniert wurde. Das gefällt mir sehr, ich kann nur hoffen, dass ich denselben Mut und dieselbe Geistesgegenwart habe wie Kerr sie damals hatte, wenn es mal drauf ankommt. Kerr hat einen anderen kommunistischen Dichter, Bert Brecht, angegriffen, weil der aus älteren Gedichten etwas geklaut hat. Das gefällt mir weniger, ich würde eher KI-Konzerne angreifen wollen, wenn sie Texte stehlen, denn sie machen nur KI-Matsch daraus, während Brecht aus den alten, geklauten Gedichten neue, gute Gedichte gemacht hat.
Im Ersten Weltkrieg hat Kerr sich deutlich für die Seite der Nation begeistert, der er angehörte. Der Krieg lehrte ihn aber, dass immer dann, wenn man zwischen Seiten dieser Sorte wählen soll, die Diskussion stirbt, ohne die es den Beruf nicht gibt, der Kerrs Leben war. Karl Kraus, den ich sehr bewundere, war schon während des Krieges dieser Ansicht. Sie verdient weitestmögliche Verbreitung, wie jedes Bewusstsein davon, dass es Dinge gibt, für die gilt: Wenn sie weg sind, dann sind sie weg, und dann ist es zu spät, zu begreifen, dass man sie weit mehr braucht, als der Markt anzeigt. Derzeit unter großem ökonomischem und teils politischem Druck stehen allerlei Einrichtungen dieser Art, es gibt Mittelkürzungen für Literaturhäuser, Bühnen, Bibliotheken, Universitäten, und der Teil des Schreibens und Lesens, der noch am besten an den Markt angeschlossen ist, bildet eine Branche, in der (ich habe das vor einiger Zeit so geschrieben und kann es leider nicht anders sagen), Menschen Schaltstellen besetzen, denen Literatur nicht lebenswichtig ist, sondern die nur gute Schulaufsatznoten und ein halbwegs finanziell gesichertes Elternhaus im Rücken haben. Sie können, ich wiederhole meine alte Klage, „verlegen, lektorieren, rezensieren, zur Not sogar schreiben (und kuratieren, produzieren), aber beim Lesen hapert's oft, wenn ‚lesen‘ heißt, sich einem Denk- und Empfindungsrhythmus ausliefern, der anders tickt als der eigene, denn Kinder, deren Kulturzugang naturwüchsig von ihrer Herkunft eröffnet wurde, können meist kaum glauben, dass es da andere Rhythmen gibt als ihre.“