Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik: Dankesrede von Dietmar Dath

"Man braucht sie weit mehr, als der Markt anzeigt"

19. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Dietmar Dath wurde auf der Leipziger Buchmesse mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Seine Dankesrede zur Lage der Literaturkritik und ihrem Wesen zwischen Spiel und Notwendigkeit hat der Kritiker und Schriftsteller gänzlich ohne Science Fiction verfasst. Hier die Rede zum Nachlesen. 

Dietmar Dath

Mit "Golden Shop"-T-Shirt: Dietmar Dath bei seiner Dankesrede in Leipzig

Leider werden Sprachfachleute oft unterschätzt, weil das, was ihr Fach ist, so allgemein aussieht: Die meisten Menschen können doch irgendwie sprechen.

Stellen wir uns einen kranken Menschen vor, der voller Angst vor dem weiteren Verlauf der Krankheit im Bett liegt. Wenn ihm jemand beisteht, und wenn dieser Beistand ein Beruf ist, der beispielsweise „Krankenpfleger“ oder „Ärztin“ heißt, dann wird die gerechte Intuition der meisten Menschen korrekt empfinden, dass das ein wichtigerer Beruf ist als Literaturkritik, Mathematik, Physik, Eiskunstlauf oder Ministerialbürokatie. Aber für alle diese Sachen gibt es eine Nachfrage, wenn auch nicht immer einen Markt. Auf einem Markt entscheidet ja nicht die Nachfrage, sondern nur die zahlungskräftige Nachfrage. Deshalb werden fragwürdige Gestalten im oberen Management irgendwelcher Investmentbanken von ihrer reichen Kundschaft besser bezahlt als die Hospizangestellte oder der Allgemeinmediziner von ihrer ärmeren.

Betrachten wir jetzt etwas zwischen den schlechtbezahlten und den gutbezahlten Jobs: mathematische Physik (ich kombiniere hier zwei Felder aus der Aufzählung von gerade eben, dann geht’s schneller zu dem Ziel, auf das ich hinauswill).

Eine mathematische Physikerin kann Integral- und Differenzialrechnung. Damit sorgt sie auf Umwegen dafür, dass die kranke Person und ihr Beistand elektrisches Licht haben, Wärme, Internet. Sie treibt allerdings viel mehr Mathe, als dafür nötig ist. Einiges von dem, was sie treibt, sieht vom Markt wie vom Gebrauchswert-Standpunkt aus wie Spielerei. Aber solche Spielerei ist der lebenswichtige Nährboden von Naturerkenntnis und Technik. Auch die Literaturkritik muss spielen (und die kritische Literatur sowieso), nämlich mit Sprache. Kein Spielberuf ist mehr wert als unmittelbare Hilfe für Mitmenschen. Aber Fachleute sind ein hohes soziales Gut. Leider werden Sprachfachleute oft unterschätzt, weil das, was ihr Fach ist, so allgemein aussieht: Die meisten Menschen können doch irgendwie sprechen.

 

Die Freiheit des Spiels erlaubt große Gründlichkeit der Untersuchung und damit die Entdeckung des Übersehenen, das man eines Tages brauchen könnte.

Aber die meisten Menschen können auch zählen und rechnen, ohne dass jemand daran zweifelt, dass die Bestandserhaltung und Erneuerung der Mathe-Ressourcen nötig ist, wie etwa auch der Erhalt und die Erneuerung einer Bibliothek. Man lernt übrigens Mathe mittels Sprache, nicht Sprache mittels Mathe. Literatur und Literaturkritik sehen für manche wenig dringlich aus, weil sie so nah am Spiel, so weit von der Praxis zu wirken scheinen: Das Gedicht ist kein Rezept und der Roman keine Gebrauchsanweisung. Aber die Freiheit des Spiels erlaubt große Gründlichkeit der Untersuchung und damit die Entdeckung des Übersehenen, das man eines Tages brauchen könnte. Die meiste Mathematik hilft weder der Medizin noch der Energiewirtschaft, aber eines Tages fand man, dass manches davon eben doch vital zur Diagnostik oder zum Kraftwerkswesen beiträgt.

Das Sprachspiel steht dahinter nicht zurück, denn immer mehr Überlebensnotwendiges in unserer Gesellschaft ist von Menschen gemacht und also lesbar wie ein Text, immer mehr hat Daten- und Informations-Charakter, immer mehr ist Zeichen, hat Grammatik und Syntax, vom einfachen Algorithmus bis zum Künstlichen Neuronalen Netzwerk. Wir sind an dem Punkt, an dem Leute mithilfe von KI Texte herstellen und mit ihrem eigenen Namen verzieren, die gar nicht richtig lesen können. Das wird uns noch viel Ärger machen.

Wir brauchen alle Werkzeuge, die helfen, den unausweichlichen Schaden zu begrenzen. Wir brauchen Leute, die uns James Joyce erschließen, weil er der erste große Fall in der Literaturgeschichte war, der sich sprachlich in Wissenslandschaften so weite Reisen zugemutet hat, wie sie die Dichtung früher nur in Naturlandschaften wagen konnte. Wir brauchen Leute, die Literaturbegegnungsstätten leiten und pflegen, Literaturhäuser und Buchhandlungen. Wir brauchen akademische Forschung und Lehre zur Literatur. Wir brauchen das Erbe, zum Beispiel die Hinterlassenschaft von Alfred Kerr, nach dem der schöne Preis heißt, den man mir hier so freundlich verleiht. Am besten gefällt mir an diesem Erblasser, dass er so offensiv fehlbar war. Mal lag er richtig, mal falsch, genau das ist der Beruf. Er hat den kommunistischen Dichter Johannes R. Becher verteidigt, als der wegen eines Gedichtbandes politisch schikaniert wurde. Das gefällt mir sehr, ich kann nur hoffen, dass ich denselben Mut und dieselbe Geistesgegenwart habe wie Kerr sie damals hatte, wenn es mal drauf ankommt. Kerr hat einen anderen kommunistischen Dichter, Bert Brecht, angegriffen, weil der aus älteren Gedichten etwas geklaut hat. Das gefällt mir weniger, ich würde eher KI-Konzerne angreifen wollen, wenn sie Texte stehlen, denn sie machen nur KI-Matsch daraus, während Brecht aus den alten, geklauten Gedichten neue, gute Gedichte gemacht hat.

Im Ersten Weltkrieg hat Kerr sich deutlich für die Seite der Nation begeistert, der er angehörte. Der Krieg lehrte ihn aber, dass immer dann, wenn man zwischen Seiten dieser Sorte wählen soll, die Diskussion stirbt, ohne die es den Beruf nicht gibt, der Kerrs Leben war. Karl Kraus, den ich sehr bewundere, war schon während des Krieges dieser Ansicht. Sie verdient weitestmögliche Verbreitung, wie jedes Bewusstsein davon, dass es Dinge gibt, für die gilt: Wenn sie weg sind, dann sind sie weg, und dann ist es zu spät, zu begreifen, dass man sie weit mehr braucht, als der Markt anzeigt. Derzeit unter großem ökonomischem und teils politischem Druck stehen allerlei Einrichtungen dieser Art, es gibt Mittelkürzungen für Literaturhäuser, Bühnen, Bibliotheken, Universitäten, und der Teil des Schreibens und Lesens, der noch am besten an den Markt angeschlossen ist, bildet eine Branche, in der (ich habe das vor einiger Zeit so geschrieben und kann es leider nicht anders sagen), Menschen Schaltstellen besetzen, denen Literatur nicht lebenswichtig ist, sondern die nur gute Schulaufsatznoten und ein halbwegs finanziell gesichertes Elternhaus im Rücken haben. Sie können, ich wiederhole meine alte Klage, „verlegen, lektorieren, rezensieren, zur Not sogar schreiben (und kuratieren, produzieren), aber beim Lesen hapert's oft, wenn ‚lesen‘ heißt, sich einem Denk- und Empfindungsrhythmus ausliefern, der anders tickt als der eigene, denn Kinder, deren Kulturzugang naturwüchsig von ihrer Herkunft eröffnet wurde, können meist kaum glauben, dass es da andere Rhythmen gibt als ihre.“

Am besten gefällt mir an diesem Erblasser Alfred Kerr, dass er so offensiv fehlbar war. Mal lag er richtig, mal falsch, genau das ist der Beruf.

Erlauben Sie mir zum Schluss, etwas zu riskieren, was unbedingt zur Literaturkritik und zur Literatur gehört: metaphorisches Sprechen. Stellen wir uns vor, die Literatur, an der uns liegt, inklusive ihrer literarischen Kritik, sei nicht ganz gesund. Stellen wir uns vor, sie habe sich hingelegt. Sie hat, glaube ich, Angst davor, wie es weitergeht.
Der Beruf, ihr beizustehen, ist ein sehr schöner.

Ich danke herzlich für die freundliche und großzügige Auszeichnung – ich danke allen daran Beteiligten und besonders denen, mit denen ich heute hergekommen bin und ohne die ich in jedem denkbaren Sinn nicht hier wäre.

Stellen wir uns vor, die Literatur, an der uns liegt, inklusive ihrer literarischen Kritik, sei nicht ganz gesund. Stellen wir uns vor, sie habe sich hingelegt. Sie hat, glaube ich, Angst davor, wie es weitergeht.