Liebes Publikum,
als vor einigen Wochen der Perlentaucher, das Online-Kulturmagazin, auf dem täglich um 9 Uhr morgens die Feuilletons zusammengefasst und wo um 14 Uhr in der »Bücherschau des Tages« die Buchbesprechungen gesammelt werden – Sie werden ihn alle kennen und nutzen –, als dieser Perlentaucher zum ersten Mal in seinem über 25-jährigen Bestehen vermeldete, dass an diesem Tag in keiner der überregionalen Zeitungen eine Buchbesprechung zu finden war, war allerspätestens der Zeitpunkt gekommen, an dem klar war, dass sich nicht nur die Verlage, nicht nur der Buchhandel, nicht nur die Leserschaft in dieser Buchbranche einer ernsthaften Krise befinden, sondern auch die Literaturkritik. Es war, passenderweise, Freitag, der 13.
Aber die Krise, das wissen Sie auch alle, begleitet die Buchbranche in allen Bereichen so selbstverständliche wie der Mond die Erde, als unvermeidliches, vielbesungenes Phänomen, an uns gekettet durch die Gravitationskraft, die den Fliehkräften entgegenwirkt, doch eigentlich schon liebgewonnen in all den Jahren und in all seinen Wiederholungen. Die Rede von der Krise, wahrscheinlich sogar die Krise selbst ist unser ständiger Trabant.
Die Literaturkritik verändert sich, das nehmen wir alle wahr. Sie muss es auch, denn die Zeiten ändern sich ebenso wie unsere Öffentlichkeiten. Wir befinden uns mitten in einem ganz neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit – der Effekt, den Besprechungen in Rundfunk und Wochen- und Tageszeitungen noch bewirken können, wird zunehmend schwächer; sie entwickeln sich von der Text- und Formanalyse immer stärker in Richtung Porträt, da machen Journalisten mit Autorinnen entspannte, atmosphärische Spaziergänge, Journalistinnen suchen mit Autoren die Handlungsorte ihrer Romane oder gleich einfach ihr Arbeitszimmer für einen Plausch auf, es wird vor allem viel über »Themen« gesprochen. Die Bedeutung, die den Zeitungsrezensionen in den Presseabteilungen der Verlage beigemessen wird, ist dennoch unverändert groß. Die Pressearbeit erweitert sich aber um neue Felder der individuellen, digitalen Vermittlung über Buchposts und Kommentarspalten, Gewinnaktionen und Bloggertreffen – all das, das wissen Sie alle, was mit Literaturkritik nicht so wahnsinnig viel gemeinsam hat. Es ist getrieben vom Kampf um Aufmerksamkeit, und damit dem Feld des Marketings näher als dem der Kritik.