Grußwort des Vorstehers zum Alfred-Kerr-Preis

Nicht auffindbar: Literaturkritik am Freitag, dem 13.

19. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Die Rede von der Krise, wahrscheinlich sogar die Krise selbst ist ein ständiger Trabant von Buchbranche und Literaturkritik, meint Verleger und Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz - und hat Vorschläge, von welchen Sternen sich die Literaturkritik auch leiten lassen könnte.  

Porträt von Sebastian Guggolz mit grünem Pulli vor rotem Hintergrund

Sebastian Guggolz 

Liebes Publikum,

als vor einigen Wochen der Perlentaucher, das Online-Kulturmagazin, auf dem täglich um 9 Uhr morgens die Feuilletons zusammengefasst und wo um 14 Uhr in der »Bücherschau des Tages« die Buchbesprechungen gesammelt werden – Sie werden ihn alle kennen und nutzen –, als dieser Perlentaucher zum ersten Mal in seinem über 25-jährigen Bestehen vermeldete, dass an diesem Tag in keiner der überregionalen Zeitungen eine Buchbesprechung zu finden war, war allerspätestens der Zeitpunkt gekommen, an dem klar war, dass sich nicht nur die Verlage, nicht nur der Buchhandel, nicht nur die Leserschaft in dieser Buchbranche einer ernsthaften Krise befinden, sondern auch die Literaturkritik. Es war, passenderweise, Freitag, der 13. 

Aber die Krise, das wissen Sie auch alle, begleitet die Buchbranche in allen Bereichen so selbstverständliche wie der Mond die Erde, als unvermeidliches, vielbesungenes Phänomen, an uns gekettet durch die Gravitationskraft, die den Fliehkräften entgegenwirkt, doch eigentlich schon liebgewonnen in all den Jahren und in all seinen Wiederholungen. Die Rede von der Krise, wahrscheinlich sogar die Krise selbst ist unser ständiger Trabant.

Die Literaturkritik verändert sich, das nehmen wir alle wahr. Sie muss es auch, denn die Zeiten ändern sich ebenso wie unsere Öffentlichkeiten. Wir befinden uns mitten in einem ganz neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit – der Effekt, den Besprechungen in Rundfunk und Wochen- und Tageszeitungen noch bewirken können, wird zunehmend schwächer; sie entwickeln sich von der Text- und Formanalyse immer stärker in Richtung Porträt, da machen Journalisten mit Autorinnen entspannte, atmosphärische Spaziergänge, Journalistinnen suchen mit Autoren die Handlungsorte ihrer Romane oder gleich einfach ihr Arbeitszimmer für einen Plausch auf, es wird vor allem viel über »Themen« gesprochen. Die Bedeutung, die den Zeitungsrezensionen in den Presseabteilungen der Verlage beigemessen wird, ist dennoch unverändert groß. Die Pressearbeit erweitert sich aber um neue Felder der individuellen, digitalen Vermittlung über Buchposts und Kommentarspalten, Gewinnaktionen und Bloggertreffen – all das, das wissen Sie alle, was mit Literaturkritik nicht so wahnsinnig viel gemeinsam hat. Es ist getrieben vom Kampf um Aufmerksamkeit, und damit dem Feld des Marketings näher als dem der Kritik.

Die Literaturkritik verändert sich, das nehmen wir alle wahr. Sie muss es auch, denn die Zeiten ändern sich ebenso wie unsere Öffentlichkeiten.

Sebastian Guggolz, Verleger und Vorsteher des Börsenvereins

Umso wichtiger, dass wir den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik seit 1977 über alle Krisen hinweg auch heute wieder vergeben. Wir, das ist in diesem Fall die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und das Börsenblatt. Gefördert dankenswerterweise von der Klett-Stiftung, organisiert ebenso dankenswerterweise von Michael Roesler-Graichen.

Dass Dietmar Dath heute mit dem Alfred-Kerr-Preis 2026 ausgezeichnet wird, ist eine große Freude. Denn kaum ein zweiter hält sich so wenig wie er an vermeintliche Genreregeln, innerhalb der Literatur und über die Literatur hinaus, die uns – seien wir ehrlich – doch allen zur Last fallen und auf die wir alle eigentlich am liebsten verzichten würden; kaum ein zweiter schert sich so wenig um Dünkel, um Glamour oder Status, sondern richtet sein Schreiben und Besprechen und Entdecken an seiner eigenen Neugier, an seinem Interesse und an seinem Geschmack aus. Was sowieso die viel besseren Trabanten sind als das andauernde Gerede von der Krise. Von den Trabanten Neugier, Interesse und Geschmack sollten wir alle uns nicht nur begleiten, sondern leiten lassen.

Ich freue mich nun schon sehr auf Ihre Laudatio, Franziska Bomski, die uns die Qualitäten und Besonderheiten von Dietmar Daths Schaffen näherbringen wird, und wünsche uns allen und ganz besonders Ihnen, Dietmar Dath, eine schöne Preisverleihung.