Laudatio: Alfred-Kerr-Preis an Dietmar Dath

"Unkonventionelle Stimme mit einem untrüglichen Geschmack fürs Abgelegene"

19. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Die Laudatio auf Dietmar Dath, der auf der Leipziger Buchmesse mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet wurde, hielt die Literaturwissenschaftlerin Franziska Bomski, stellvertretende Direktorin des Einstein Forums Potsdam. Hier die Rede zum Nachlesen. 

Franziska Bomski

Laudatorin Franziska Bomski, Literaturwissenschaftlerin und stellvertretende Direktorin des Einstein Forums Potsdam

Dietmar Daths journalistische Laufbahn hätte sich wohl von keiner Künstlichen Intelligenz vorhersagen lassen.

Franziska Bomski

Zunächst einmal freue ich mich sehr, dass der Alfred Kerr-Preis für Literaturkritik dieses Jahr an einen Autor verliehen wird, der deutlich und bekennend links von der inzwischen nach rechts verschobenen Mitte steht – das ist ja leider 2026 in Deutschland nicht mehr selbstverständlich. Die Jury hat sich davon nicht beirren lassen und die Reihe ihrer Preisträger:innen als unabhängige Intellektuelle, die sich der ideologischen Einschüchterung oder Instrumentalisierung erfolgreich entziehen, konsequent fortgesetzt.

Dietmar Dath ist nicht nur ein ungemein produktiver Autor – das Rezensionsportal Perlentaucher verzeichnet seit dem Kleinod Am blinden Ufer aus dem Jahr 2000 – insgesamt 30 Bücher. Dietmar Dath ist auch ein unersättlicher Rezipient von Texten, Filmen und Musik aus aller Welt und aller Zeit, mit denen er ein vielstimmiges und angeregtes Dauergespräch führt.

Das schlägt sich zum einen in seinen eigenen Romanen nieder, die sich als engagierte Science Fiction beschreiben lassen und stets über sich selbst hinausweisen: Ein Roman von Dietmar Dath bringt schon für sich großes Vergnügen, legt seiner Leserin aber zusätzlich durch diverse intertextuelle und intermediale Verknüpfungen immer auch Spuren zu anderen Texten, Serien und Ähnlichem aus, denen es sich stets nachzugehen lohnt.

Zum anderen entstehen aus Dietmar Daths Lektüren auch im besten Sinn kritische Besprechungen, mit denen er sich als eigenwillige und unkonventionelle Stimme mit einem untrüglichen Geschmack fürs Abgelegene und Ungewöhnliche einen Namen im Feuilleton gemacht hat. Seine journalistische Laufbahn begann als Chefredakteur bei der Musik- und Popkulturzeitschrift Spex und führte ihn von dort – was sich wohl von keiner Künstlichen Intelligenz hätte vorhersagen lassen – zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die er mit seinen Rezensionen gleichermaßen klug wie unterhaltend bereichert und vor einer kulturell-weltanschaulichen Homogenität bewahrt. Seinen Besprechungen liegt dabei ein spezifischer Literaturbegriff zugrunde, der sich durch drei zentrale Aspekte auszeichnet:

Der erste ist die nicht verhandelbare ästhetische auctoritas oder poetische Autorität. Mit der postmodernen These vom Tod des Autors hatte Dath schon vor dessen literaturwissenschaftlicher Rückkehr nichts am Hut: „[O]hne Textich geht es nicht“, pointiert er im Rückgriff auf Rainald Goetz seine poetologische Position im Vorwort der 2007 erschienenen Sammlung Heute keine Konferenz. Texte für die Zeitung.[1]

Zweitens hat Literatur für Dietmar Dath einen weiten Begriffsumfang, der sich nicht an Gattungen und Genres, den Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur oder anderen normativen Vorgaben orientiert. Dath hat ein gleichermaßen großes Herz wie scharfes Auge für das Subkulturelle: Schon der zwischen literarischer Fiktion und journalistischem Essay changierende Text Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit aus dem Jahr 2005 ist ein Plädoyer für eine Nobilitierung von Splatter, Horror und Pornografie als ernstzunehmende künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis von Einzelnem und Gesellschaft in genrespezifischen Ausdruckformen.

Drittens schließlich versteht Dietmar Dath Literatur als ein eigenständiges Verfahren des Weltzugangs mit wirklichkeits- und gesellschaftsveränderndem Potenzial. Das gilt insbesondere für sein Lieblingsgenre, die Science Fiction: Diese konturiert er in seiner umfangreichen Studie Niegeschichte aus dem Jahr 2019 als Kunst- und Denkmaschine: „Man kann Science Fiction […] als Kunst genießen, und man kann mit ihr […] Dinge und Verhältnisse denken, die ohne sie ungedacht bleiben müssten.“[2]

Diese drei Aspekte münden in eine gleichermaßen unvoreingenommene wie ästhetisch-epistemisch anspruchsvolle Lesehaltung, die David Dalek, eines der vielen „Textichs“ Dietmar Daths im Roman Dirac prägnant auf den Punkt bringt: Lesen meint, „daß wir […] vernünftig untersuchen wollen, was falsch läuft […] und wie man es ändern muß. Dabei bekommt jeder Vorschlag Gehör, wenn er nur ernst gemeint ist“.[3]

Diesem Anspruch ist Daths literatur- und kulturkritisches Schreiben konsequent verpflichtet. Er hat dabei die besondere Gabe, Texte, die viele Leser:innen als literaturfremde, komplexe Zumutung empfinden mögen, in ihrer ästhetischen Eigenart zu würdigen und neugierig auf sie zu machen. Dies ist nicht nur, aber ganz besonders dort ein Verdienst, wo exakte Wissenschaft, also Physik, Mathematik und Logik, auf Literatur treffen. Gilt es, mit Robert Musil gesprochen, in vielen geisteswissenschaftlich-philosophischen Kreisen als ausgemacht, dass „die Mathematik wie ein Dämon in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist“,[4] so ist Dath jede Wissenschaftsfeindlichkeit ganz selbstverständlich fremd.

Vielmehr sind mathematisch-physikalische Errungenschaften für ihn nicht nur in seinen eigenen Texten ein würdiges Sujet mit Tradition: „Solche Denk-Abenteuer zu schildern, gehört seit Anbruch der wissenschaftlichen wie der literarischen Moderne zu den schönsten Scherereien, die sich Erzähler zuziehen können“, schreibt er in seiner im Cicero publizierten Besprechung der biografischen Miniatur Georg Cantor. Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen.[5] Dessen Autor David Foster Wallace stelle seine schriftstellerischen Fähigkeiten hier in den „asketischen Dienst einer neuen Sorte Wissenschaftsprosa“, die nicht davor zurückscheue, sich „mit Wirklichkeit und Wahrheit [zu] belasten“.[6]

Ähnlich würdigt Dath Thomas Pynchon zu dessen siebzigsten Geburtstag als „physikalisch beschlagenste[n] Satiriker der Gegenwart“, dessen verspielte „Motive, Tropen, Kapriolen und Knallbonbons“ gleichzeitig die Erzählkunst „vor der Instrumentalisierung als Schmiermittel des Meinungsblödsinns“ retteten.[7]

Deutlich wird hier eine weitere wichtige Stoßrichtung von Daths Besprechungen: Literatur, wenn sie diesen Namen verdient, ist unbequem und steht quer zu bestimmten Tendenzen des aktuellen Betriebs, die Dath polemisch-schonungslos anprangert: Die aktuell massenhaft produzierte (und gelesene) „Unterhaltungsliteratur“ liefere „dröges Material, das anstelle interessanter Schrullen nurmehr irgendwie zusammengeleimte Fertigbauteile […] anbietet und nach Angst vor unzureichenden Verkaufszahlen riecht“, die „noch dem verrücktesten Romantasy-Schmalztalent“ durch „[P]anische Lektorate, zwangsverheiratet mit Marketingabteilungen“ eingetrichtert werden.[8]

Diesen auf Kommerz, schnellen Konsum und Eskapismus angelegten Massenerzeugnissen stellt Dath eine internationale Science Fiction-Gemeinschaft gegenüber, die sich gegen „die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure“ richtet.[9] Dazu zählt er Aiki Mira, „eine der interessantesten Stimmen deutschsprachige Science-Fiction heute“, Alexandra Margaret Dellamonica in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Ouifan Chen in China[10] – und man möchte diese illustre Reihe ergänzen: Dietmar Dath aus Deutschland. Denn wie für alle diese Autor:innen zählt auch für Dath die Frage nach einem adäquaten Verständnis der Gegenwart als technischer Welt zu den aktuellsten und zentralen Problemen, denen sich die Literatur zuwenden kann.

Den machttrunkenen und weltflüchtigen, im Kern antisozialen Tech-Visionen von Elon Musk, Jeff Bezos und Peter Thiel möchte Dath mit Mira „viele lebbare Zukünfte entgegensetzen“. Er fordert: Wir brauchen „Fiktionen, die wissen, was sie träumen“[11]– eine solche entwirft auch sein jüngster, im vergangenen Jahr erschienener Roman Skyrmionen oder: A fucking Army.

Literatur für Dietmar Dath einen weiten Begriffsumfang, der sich nicht an Gattungen und Genres, den Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur oder anderen normativen Vorgaben orientiert.

Franziska Bomski

Visionen für lebbare Zukünfte findet Dietmar Dath aber nicht nur in der fantastischen Gegenwartsliteratur, sondern auch in realistischen Erzählungen der Vergangenheit. So würdigt er im Winterheft 2025 der Zeitschrift für Ideengeschichte den politischen „Fernsehroman im Sozialismus“ als „wichtigste Spielgattung“ des DDR-Fernsehens, die zumindest im Privaten eine offiziell nicht gewollte vielfältige „Perspektivarbeit“ geleistet habe und als „narrative[s] Navigationssystem der DDR-Menschen“ bis heute nachwirke:[12] So lasse sich etwa Christoph Heins 2025 erschienener Roman Das Narrenschiff auch als „nachgeholter Einspruch“ gegen die zum dreißigjährigen Bestehen der DDR ausgestrahlte Serie Der lange Weg verstehen.[13]

Dietmar Daths unvoreingenommen-wertschätzendes, historisch informiertes Interesse an Filmen und Büchern aus dem „gelöschten Land“ leistet eine kulturelle Aufklärungsarbeit,[14] die literarische Stimmen aus dem – mit Steffen Mau gesprochen – ‚ungleich vereinten‘ Osten und Westen gleichermaßen zu Gehör bringt, sofern sie ernst gemeinte Vorschläge für eine andere, bessere Wirklichkeit unterbreiten.

Für all das, lieber Dietmar, sei Dir im Namen all Deiner Leser:innen herzlich gedankt – ich hoffe auf viele weitere Texte und Denkanstöße von Dir und gratuliere Dir sehr herzlich zum Alfred Kerr-Preis für Literaturkritik 2026!

Über die Laudatorin

Die Laudatio hielt die Literaturwissenschaftlerin Franziska Bomski. Sie studierte Neuere deutsche Literaturgeschichte und Mathematik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dort wurde sie 2011 mit einer Arbeit zur Mathematik im Denken und Dichten von Novalis promoviert. Geforscht und gelehrt hat sie in Freiburg, Gießen, Frankfurt a.M., Jena, Potsdam, New Haven (Yale University), St. Louis (Washington University), Peking (Beihang University) und Hangzhou (Zhejiang University). Von 2012 bis 2018 war sie als Forschungsreferentin an der Klassik Stiftung Weimar tätig. 2018 wechselte sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin ans Potsdamer Einstein Forum, seit 2024 ist sie dessen Stellvertretende Direktorin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Literatur und Wissen(schaft) vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, der politischen Fachgeschichte der Germanistik sowie aktuell der Zeitgenoss:innenschaft in der Post-DDR-Literatur. Publiziert hat sie u.a. zu Friedrich von Hardenberg/Novalis, Robert Musil, Christa Wolf, Dietmar Dath und Manja Präkels.

Quellenhinweise

[1] Dietmar Dath: Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine, Berlin 2019, S. 21.

[2]    Dietmar Dath: Dirac, Frankfurt am Main 2006, S. 258.

[3]    Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Bd. 1, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 39f.

[4]    Dietmar Dath: „David Foster Wallace: Georg Cantor“, in: Cicero. Magazin für politische Kultur, 16.07.2009, (letzter Zugriff 15.03.2026).

[5]    Ebd.

[6] Dietmar Dath: „Der maskierte Messapparat“, in: FAZ, 08.05.2007, S. 33.

[7] Dietmar Dath: „Die Mathematik dafür muss erst noch erfunden werden“, in: FAZ, 11.10.2025, Literatur, S. 4.

[8] Dietmar Dath: „Ich weiß nur, wir werden andere sein“, in: FAZ, 14.01.2026, Feuilleton, S. 9.

[9]    Dietmar Dath: „Die sieben Affären der Dona Juanita. Der Fernsehroman im Sozialismus“, in: ZIG, H. XIX.4 (2025): Weltmacht DDR, S. 49–60, hier S. 50, 52, 51.

[10]   Ebd., S. 51.

[11]   Ebd., S. 50.