Zweitens hat Literatur für Dietmar Dath einen weiten Begriffsumfang, der sich nicht an Gattungen und Genres, den Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur oder anderen normativen Vorgaben orientiert. Dath hat ein gleichermaßen großes Herz wie scharfes Auge für das Subkulturelle: Schon der zwischen literarischer Fiktion und journalistischem Essay changierende Text Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit aus dem Jahr 2005 ist ein Plädoyer für eine Nobilitierung von Splatter, Horror und Pornografie als ernstzunehmende künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Verhältnis von Einzelnem und Gesellschaft in genrespezifischen Ausdruckformen.
Drittens schließlich versteht Dietmar Dath Literatur als ein eigenständiges Verfahren des Weltzugangs mit wirklichkeits- und gesellschaftsveränderndem Potenzial. Das gilt insbesondere für sein Lieblingsgenre, die Science Fiction: Diese konturiert er in seiner umfangreichen Studie Niegeschichte aus dem Jahr 2019 als Kunst- und Denkmaschine: „Man kann Science Fiction […] als Kunst genießen, und man kann mit ihr […] Dinge und Verhältnisse denken, die ohne sie ungedacht bleiben müssten.“[2]
Diese drei Aspekte münden in eine gleichermaßen unvoreingenommene wie ästhetisch-epistemisch anspruchsvolle Lesehaltung, die David Dalek, eines der vielen „Textichs“ Dietmar Daths im Roman Dirac prägnant auf den Punkt bringt: Lesen meint, „daß wir […] vernünftig untersuchen wollen, was falsch läuft […] und wie man es ändern muß. Dabei bekommt jeder Vorschlag Gehör, wenn er nur ernst gemeint ist“.[3]
Diesem Anspruch ist Daths literatur- und kulturkritisches Schreiben konsequent verpflichtet. Er hat dabei die besondere Gabe, Texte, die viele Leser:innen als literaturfremde, komplexe Zumutung empfinden mögen, in ihrer ästhetischen Eigenart zu würdigen und neugierig auf sie zu machen. Dies ist nicht nur, aber ganz besonders dort ein Verdienst, wo exakte Wissenschaft, also Physik, Mathematik und Logik, auf Literatur treffen. Gilt es, mit Robert Musil gesprochen, in vielen geisteswissenschaftlich-philosophischen Kreisen als ausgemacht, dass „die Mathematik wie ein Dämon in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist“,[4] so ist Dath jede Wissenschaftsfeindlichkeit ganz selbstverständlich fremd.
Vielmehr sind mathematisch-physikalische Errungenschaften für ihn nicht nur in seinen eigenen Texten ein würdiges Sujet mit Tradition: „Solche Denk-Abenteuer zu schildern, gehört seit Anbruch der wissenschaftlichen wie der literarischen Moderne zu den schönsten Scherereien, die sich Erzähler zuziehen können“, schreibt er in seiner im Cicero publizierten Besprechung der biografischen Miniatur Georg Cantor. Der Jahrhundertmathematiker und die Entdeckung des Unendlichen.[5] Dessen Autor David Foster Wallace stelle seine schriftstellerischen Fähigkeiten hier in den „asketischen Dienst einer neuen Sorte Wissenschaftsprosa“, die nicht davor zurückscheue, sich „mit Wirklichkeit und Wahrheit [zu] belasten“.[6]
Ähnlich würdigt Dath Thomas Pynchon zu dessen siebzigsten Geburtstag als „physikalisch beschlagenste[n] Satiriker der Gegenwart“, dessen verspielte „Motive, Tropen, Kapriolen und Knallbonbons“ gleichzeitig die Erzählkunst „vor der Instrumentalisierung als Schmiermittel des Meinungsblödsinns“ retteten.[7]
Deutlich wird hier eine weitere wichtige Stoßrichtung von Daths Besprechungen: Literatur, wenn sie diesen Namen verdient, ist unbequem und steht quer zu bestimmten Tendenzen des aktuellen Betriebs, die Dath polemisch-schonungslos anprangert: Die aktuell massenhaft produzierte (und gelesene) „Unterhaltungsliteratur“ liefere „dröges Material, das anstelle interessanter Schrullen nurmehr irgendwie zusammengeleimte Fertigbauteile […] anbietet und nach Angst vor unzureichenden Verkaufszahlen riecht“, die „noch dem verrücktesten Romantasy-Schmalztalent“ durch „[P]anische Lektorate, zwangsverheiratet mit Marketingabteilungen“ eingetrichtert werden.[8]
Diesen auf Kommerz, schnellen Konsum und Eskapismus angelegten Massenerzeugnissen stellt Dath eine internationale Science Fiction-Gemeinschaft gegenüber, die sich gegen „die blödsinnigen Entwürfe illiterater Big-Tech-Hasardeure“ richtet.[9] Dazu zählt er Aiki Mira, „eine der interessantesten Stimmen deutschsprachige Science-Fiction heute“, Alexandra Margaret Dellamonica in Kanada, Olga Ravn in Dänemark, Alain Damasio in Frankreich, Ouifan Chen in China[10] – und man möchte diese illustre Reihe ergänzen: Dietmar Dath aus Deutschland. Denn wie für alle diese Autor:innen zählt auch für Dath die Frage nach einem adäquaten Verständnis der Gegenwart als technischer Welt zu den aktuellsten und zentralen Problemen, denen sich die Literatur zuwenden kann.
Den machttrunkenen und weltflüchtigen, im Kern antisozialen Tech-Visionen von Elon Musk, Jeff Bezos und Peter Thiel möchte Dath mit Mira „viele lebbare Zukünfte entgegensetzen“. Er fordert: Wir brauchen „Fiktionen, die wissen, was sie träumen“[11]– eine solche entwirft auch sein jüngster, im vergangenen Jahr erschienener Roman Skyrmionen oder: A fucking Army.