Landesverbände

Amtsübernahme unter verschärften Bedingungen

21. Januar 2022
von Sabine Cronau

Drei Landesverbände des Börsenvereins werden seit 2021 von neuen Vorsitzenden geführt. Ehrenamt in Corona-Zeiten: Wie geht das? Und was hat 2022 oberste Priorität? Denkanstöße von Klaus Füreder, Martina Tittel und Lothar Wekel.

BAYERN: NOCH MEHR EINSATZ FÜR DIE LESEFÖRDERUNG

Als ich im Juli 2021 mein Amt übernommen habe, dachte ich, unsere Branche hätte das Schlimmste überstanden und wir hier in Bayern könnten relativ entspannt in einen »normalen« Bücherherbst gehen: Wieder eine »richtige« Frankfurter Buchmesse erleben, den Bayerischen Buchpreis in seinem festlichen Rahmen gemeinsam feiern, den Geschwister-Scholl-Preis vor 600 geladenen Gästen im Audimax der Universität übergeben und die Bücherschau gemeinsam mit vielen buchbegeisterten Münchnerinnen und Münchnern genießen. 

Klaus Füreder, Inhaber der Arabella-Buchhandlung in München-Bogenhausen und des Verlags Eder & Bach, Grünwald.

Die Bereitschaft zur Veränderung ist deutlich spürbar – und das ist für einen Verband ja nicht unbedingt selbstverständlich.  

Klaus Füreder, seit Juli 2021 Vorsitzender des Landesverbands Bayern

Wie wir mittlerweile wissen, wurde aus zu vielem davon leider nichts, weil uns das teuflische Virus wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Auch das Treffen mit den Länderratskolleginnen und -kollegen, auf das ich mich sehr gefreut hatte (nicht zuletzt, um viele von ihnen persönlich kennenzulernen), musste kurzfristig in den virtuellen Raum verlegt werden. 

Insofern schon etwas verschärfte Bedingungen, unter denen die Amtsübernahme erfolgt ist. Umso mehr muss ich mich bei Klaus Beckschulte und seinem Team von der Münchner Geschäftsstelle bedanken, die mich als Novizen erfolgreich durch die verbandspolitischen und sonstigen möglichen Untiefen in diesem ersten halben Jahr meines Ehrenamts manövriert haben. Insgesamt waren die Gespräche und Begegnungen auf Verbandsebene durchweg sehr angenehm und von großer Kollegialität und Kompetenz gekennzeichnet. Auch die Bereitschaft zur Veränderung ist deutlich spürbar, und das ist für einen Verband ja nicht unbedingt selbstverständlich. 

 Wie oben beschrieben, haben wir im bayerischen Verband eine Reihe von großen Buch-Events, die ein hohes Maß an Planung und professioneller Vorbereitung verlangen, und dem gilt sicher immer ein Haupt­augenmerk meiner Tätigkeit. Im Bereich Leseförderung möchten wir mit unseren 170 Gütesiegel-Buchhandlungen künftig auf der Fläche noch mehr Akzente setzen. Damit einher geht die Zusammenarbeit mit unseren Partnern in der bayerischen Landesregierung, bei der Stadt München, in den Medien und den anderen Verbänden, um dem Buchhandel und den Verlagen in Bayern den Rücken freizuhalten und sie in ihrer Arbeit zu unterstützen. 

Übergreifend auf Länderebene werden wir uns darüber ­hinaus in den Prozess der Restrukturierung und Neupositionierung der Wirtschaftsbetriebe einbringen. Es ist ja kein Geheimnis, dass auch durch die pandemiebedingte Schieflage der Buchmesse manches in Unordnung geraten ist und wir deshalb gemeinsam vermehrt an Strukturen und Prozessen arbeiten wollen, um im Sinne der Mitglieder und Kunden ein Stück effizienter und erfolgreicher zu werden.

BERLIN-BRANDENBURG: WIR MÜSSEN REDEN!

Martina Tittel, Inhaberin der Nicolaischen Buchhandlung, Berlin.

Nicht nur der pure Onlinehandel, auch das Verhökern des Kulturguts Buch zu Schleuderpreisen ist für den stationären Handel problematisch.

Martina Tittel, seit Juni 2021 Vorsitzende des Landesverbands Berlin-Brandenburg

Bisher ist dieses Ehrenamt fast ausschließlich digital in mein Leben getreten und fühlt sich deswegen noch nicht richtig echt an. Viele Kolleginnen und Kollegen kenne ich nur vom Bildschirm, und ich freue mich jetzt schon darauf, sie persönlich kennenzulernen! Eigentlich möchte ich mal nicht über Corona schreiben, aber meine Arbeit und Ziele müssen diese Pandemie und ihre Auswirkungen mit einbinden. 

Geschlossene Buchhandlungen in Brandenburg und in den Berliner Randlagen haben während des ersten Lockdowns ein hohes Minus erwirtschaftet, andere Buchhandlungen in den guten Einkaufslagen der fußläufigen Subzentren profitierten vom Berliner Senatsbeschluss der Systemrelevanz und durften öffnen. Alle müssen darauf achten, wie sich ihr Geschäftsumfeld entwickelt. Umfragen des HDE zeigen, dass ca. 50 Prozent der Einzelhändler in der Region überlegen, aufzugeben. Der Leerstand in den zentralen Einkaufslagen wird sichtbar. 

Könnte die alte Mischung von Wohnen, Arbeiten und Leben in den Städten wieder eine natürliche Frequenz erzeugen? Gastronomie, Handel und Kultur könnten davon profitieren und es so schaffen, nicht alle Kunden an den Onlinesektor zu verlieren – egal, ob Essen oder Ware gebracht wird. Wie können wir mit unseren Nachbarn zu Kommunikation, Austausch und Kooperation kommen, um unseren Kunden besondere Erlebnisse zu verschaffen? Darüber gilt es sich in den unterschiedlichen Regionen auszutauschen – und dann vor Ort im Buchhandel oder zusammen mit den Kollegen aus dem Einzelhandel Ideen umzusetzen.

Nicht nur der pure Onlinehandel, auch das Verhökern des Kulturguts Buch zu Schleuderpreisen ist für den stationären Handel problematisch. Zudem gefährden Filialistenstrategien in der Rabattfrage oder Buchpreisbindung die Vielfalt und damit die Existenz kleiner Verlage und Buchhandlungen bundesweit! Wir müssen dringend reden: über Digitalisierung, Kooperationen, Sortimente, Standorte, Aktionen, Eventkultur, über unsere Werte, den Zusammenhalt der Branche und vieles mehr!

HESSEN, RHEINLAND-PFALZ, SAARLAND: GEMEINSAM DURCH DIE STROMSCHNELLEN

Die Wirklichkeit ist meist inspirierender, als die Welt nur als Wille und Vorstellung anzusetzen, daher wählte ich auch diesen Sprung ins kalte Wasser. In der Vergangenheit war ich schon Rechnungs­prüfer im Landesverband – und somit nicht ganz so ein Neuling in den Strukturen. Gerade in Zeiten starker Umbrüche ist es wichtig, sowohl Rückbesinnungen als auch entschiedene Schritte in die Zukunft vornehmen zu können – in Wahrung des Erreichten die Neuerungen zu vertreten. 

Ungemein überrascht und positiv bestärkt wurde ich von der freundschaftlichen Kollegialität innerhalb des Landesverbands, aber auch innerhalb der Landesverbände und dem Bundesverband – hier spürte ich schnell, dass alle ein gemeinsames Ziel haben: die Buchbranche mit aller Kraft durch die Stromschnellen zu bringen. Fühlen Sie sich alle daher auch in dem demokratischen Selbstverständnis eingeladen, diesen wunderbaren Gesamtverein mit Leben zu füllen. 

Wir haben im Landesverband schon seit September diskutiert und Umfragen ausgewertet, was wir 2022 priorisieren:
1.    Weiterhin energisch Sichtbarkeit für das Buch schaffen, aber auch an der Aufklärung der Rabattspreizung arbeiten, dies landete punktgleich auf Platz 1.
2.    Wir setzen weiterhin auf die enge und konstruktive Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Sparten.
3.    Wichtig ist auch das Thema »Nachfolge, Übergabe und Gründung« von Buchhandlungen und Verlagen – punktgleich mit der Aufgabenstellung für die Barsortimente, deren Leistungsfähigkeit wir unterstützen, aber auch fordern
4.    Die Unterstützung für unsere Branche muss auch politisch auf Landesebene stattfinden, daher ist die Lobbyarbeit in den Ländern nominiert.
5. Was wären wir ohne den Nachwuchs – deshalb nehmen wir uns des Themas Ausbildung mit Nachdruck an.

Lothar Wekel, Verleger des Verlagshauses Römerweg, Wiesbaden 

Fühlen Sie sich alle eingeladen, diesen wunderbaren Gesamtverein mit Leben zu füllen.

Lothar Wekel, seit Juni 2021 Vorsitzender des Dreiländerverbands Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland