197. Hauptversammlung des Börsenvereins

"Die Zentrifugalkräfte werden stärker"

15. November 2021
von Christina Schulte und Sabine Cronau

Mit virtuellen Tagungen haben die Börsenvereinsmitglieder inzwischen eine gewisse Routine: Die Hauptversammlung ging am Montag digital über die Bühne, zum zweiten Mal in der Verbandsgeschichte. Verbandsfinanzen, Genderfragen, der Umgang mit rechtsextremen Verlagen: Alle Themen und Debatten hier im Live-Ticker.

"Warm-up" mit der Vorsteherin

Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs begrüßte die gut 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der digitalen Hauptversammlung. Seit ihrer Wahl 2019 hat die Vorsteherin noch keine analoge Hauptversammlung gelenkt – denn kurz nach Beginn ihrer Amtszeit kam Corona.

Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs 

Angesichts der digitalen Müdigkeit, die sich nach der langen Pandemie-Zeit breit mache, und des anlaufenden Weihnachtsgeschäfts im Handel zähle jeder Teilnehmende an diesem verbandsdemokratischen Online-Event gleich doppelt, so Schmidt-Friderichs beim „Warm-up“ zum Start der virtuellen Tagung: „Ich danke Ihnen allen dafür, wie Sie mit dieser Situation umgehen – und eröffne ohne Hammerschlag, aber mit ein ganz klein bisschen Herzklopfen die 197. Hauptversammlung.“

Rückblick der Nachwuchssprecherinnen

Jennifer Geneit (Schweitzer Fachinformationen) und Sandra Vogel (dtv), die Sprecherinnen des Nachwuchsparlaments, berichteten über ihre Aktivitäten des vergangenen Jahres. Highlight sei das Treffen des Nachwuchsparlaments auf dem Mediacampus in Seckbach im Juli gewesen. Diskutiert wurde dort unter anderem über „Digitale Zukunftsstrategien die Buchbranche im Jahr 2030“ oder „Neue Ausbildungswelt – wie digital, hybrid und Präsenz künftig Hand in Hand gehen können“. Unterjährig sei der Branchennachwuchs ebenfalls aktiv, beispielsweise in verschiedenen Task Forces wie „Gütesiegel Ausbildung“, „Nachhaltigkeit“ oder „Image des Buches“.

Das Nachwuchsparlament bedankte sich, dass trotz Pandemie viele Menschen eingestellt und ausgebildet worden seien und hob hervor, „dass wir sehr viel Dankbarkeit von den Kund*innen und Leser*innen erfahren haben“.

Jennifer Geneit und Sandra Vogel berichten über die Aktivitäten des Nachwuchsparlaments

Gesellschaftliche Themen wie Diversität, Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind den Auszubildenden sehr wichtig, ebenso wie angemessene und faire Entlohnung für geleistete Arbeit. Ebenso wünsche man sich eine Aktualisierung von Ausbildungsinhalten und Lehrmitteln. Und zum Schluss die ganz klare Ansage von Jennifer Geneit und Sandra Vogel: „Wir Nachwuchskräfte sind stolz auf unsere Branche und möchten uns weiterhin engagieren! Gemeinsam gestalten wir die Zukunft des Kulturguts Buch.“

Die Vorsteherin über "ein Wechselbad der Gefühle"

„Danke an alle, die sich im Nachwuchsparlament engagieren: Sie sind die Zukunft unserer Branche – und unseres Ehrenamtes hier im Börsenverein“, so Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs. In ihrem Bericht des Vorstands blickte die Vorsteherin zurück auf ein Jahr, in dem die Branche durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen sei - und das Auf und Ab sei noch lange nicht vorbei. So müssten Buchhandlungen und Verlage aktuell mit Blick auf die extremen Inzidenzen erneut um den Verlauf des Weihnachtsgeschäfts bangen.

Karin Schmidt-Friderichs nutzte die Gelegenheit, um vielen zu danken – etwa Kyra Dreher, Geschäftsführerin der Fachausschüsse, die mit ihrem Team und der Verteilung der Fördergelder aus „Neustart Kultur“ eine organisatorische Mammutaufgabe gestemmt habe. Ein Dankeschön ging auch an Bildungsdirektorin Monika Kolb, die den Mediacampus Frankfurt zu einem hybriden Lernort ausgebaut habe – und an Mette Noack und ihr Team, die den Vorlesewettbewerb in die digitale Welt geholt hätten. Leseförderung sei für den Vorstand ein wesentlicher Bestandteil der Börsenvereins-DNA, betonte Karin Schmidt-Friderichs.

Zu den großen Aufgaben des Vorstands habe im vergangenen Jahr die Suche nach einem neuen Hauptgeschäftsführer gehört, so die Vorsteherin – nach einem Nachfolger, „der das Zeug hat, in den großen Fußstapfen von Alexander Skipis neue Wege zu gehen.“ Sie danke Alexander Skipis „von Herzen für alles, was er in den vergangenen 16 Jahren für den Verband und die Branche geleistet hat.“ Ihr Dank gehe ebenso an Peter Kraus vom Cleff, der ab Januar übernimmt und schon im Vorfeld viel Zeit investiert habe.

Klar sei: Die Wünsche und Anforderungen ans Hauptamt würden nicht weniger, sondern mehr, machte die Vorsteherin deutlich. Gleichzeitig würden die Beitragseinnahmen sinken: „Wir werden das Leistungsportfolio des Verbands überprüfen müssen“, so Karin Schmidt-Friderichs. Das Hauptamt erarbeite deshalb derzeit eine „Not to do-Liste“.

Vor uns liegt ein weiteres schweres Jahr. Lassen Sie es uns gemeinsam angehen.

Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins

Klare Worte fand die Vorsteherin zum Thema Preisbindung und Rabattspreizung. „Wir können uns hier noch nicht zurücklehnen, aber wir haben mit zwei runden Tischen zur Preisbindung den Dialog gesucht und gefunden, eine Ombudsstelle geschaffen und eine Mitglieder-Umfrage begonnen. Wir alle tragen Verantwortung für den Erhalt der Preisbindung, jeden Tag, bei jedem Gespräch“, so Karin Schmidt-Friderichs. Die Preisbindung schütze die Buchkultur, die Zukunft der Branche und Arbeitsplätze. „An dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen, ist brandgefährlich. Ich empfehle dazu erneut die Lektüre von Biedermann und die Brandstifter.“

Parallel zu den großen Branchenthemen sei das vergangene Jahr vor allem vom „Corona-Trotzen“ geprägt gewesen – in der Branche, im Verband und nicht zuletzt bei der Buchmesse, die 2020 schwer angeschlagen gewesen sei. „Mir kommt es angesichts der aktuell hohen Inzidenzen fast wie ein Herbstmärchen vor, dass das „Re:connecten“ in Frankfurt im Oktober tatsächlich stattgefunden hat.“

Zugleich habe ein unnötiger Schatten über der Messe gelegen, weil ein kleiner rechter Verlag viel zu viel Aufmerksamkeit bekommen habe, so Karin Schmidt-Friderichs. Die Vorsteherin mahnte mit Blick auf 2022: „Für die Zukunft dieser Buchmesse sind wir alle zuständig. Sie ist nicht nur die größte der Welt, sondern unsere Buchmesse.“

Das zurückliegende Jahr sei nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen, so das Fazit der Vorsteherin. Aggressionen und Spaltungstendenzen würden drohen, wenn der Druck hoch sei und die Kraft zu Ende gehe. Nicht nur in der Gesellschaft, auch im Verband würden die Zentrifugalkräfte größer. Die Vorsteherin erinnerte daran, dass die Buchbranche in den Medien und in den Herzen der Menschen mehr Raum bekomme, als sie im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Bedeutung eigentlich verdiene. Das liege an ihrer kulturellen Rolle, die zugleich eine Verpflichtung bedeute: für einen kultivierten Umgang miteinander, mit der Gesellschaft und der Natur. Wichtig sei eine Branchenethik, die sich auch am Wert kultureller Vielfalt orientiere: „Vor uns liegt ein weiteres schweres Jahr: Lassen Sie es uns gemeinsam angehen.“

Nachhaltigkeit, Leseförderung und das "Team Transformation"

Einen tieferen Einblick in die Vorstandsarbeit gab Verlegerin Nadja Kneissler. Die Vorsitzende des Verleger-Ausschusses informierte über die Initiative „Fair lesen“, mit dem Börsenverein und weitere Partner für eine faire Nutzung von E-Books werben (mehr dazu hier), aber auch über das Thema Nachhaltigkeit, das für Kneissler zu „den wichtigsten und drängendsten Zukunftsthemen“ der Branche gehört (mehr dazu hier).

Buchhändlerin Christiane Schulz-Rother machte als Vorsitzende des Sortimenter-Ausschusses deutlich, wie wichtig das Thema Leseförderung für die gesamte Branche ist – und wie innovativ und kreativ der Buchhandel vor Ort in der Krise war.

Zwischenbuchhändler Jens Klingelhöfer berichtete über die Aktivitäten rund um Digitalisierung und Transformation. Die Digitalisierung erfasst sämtliche Branchenbereiche, verändert die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Konsumenten – und den Verband. Ein „Team Transformation“ treibt das Thema im Börsenverein voran. Ziel ist eine verbandsinterne Abteilung für Transformationsthemen, die Beratung leisten soll – ähnlich wie sie die Rechtsabteilung in juristischen Fragen bietet.

Alexander Skipis

Skipis benennt Chancen und Risiken für die Branche

Seinen letzten Auftritt bei einer Hauptversammlung hatte Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Er verwies auf seinen schriftlichen Bericht und widmete sich in seiner Abschiedsrede den Zukunftsfragen, den Chancen und Risiken der Branche. In der Pandemie habe die Buchbranche wie ein Fels in der Brandung gewirkt. „Wir haben das getan, wofür wir stehen, nämlich eine passgenaue Antwort geliefert auf das, was die Menschen suchen – das Buch.“ Die Mitglieder hätten mit großer Initiative agiert. „Das war fantastisch zu sehen. Wir können Buch und darin liegt eine große Chance für die Zukunft.“

Eine weitere Chance sieht Skipis darin, „dass die Politik stark hinter uns steht“. Mehr als 50 Millionen Euro hätten während der Pandemie über das BKM mobilisiert werden können. Und: „Wir sind anerkannt als Unternehmen des täglichen Bedarfs. Das ist ein Quantensprung in der Einschätzung unserer Branche." Das alles sei Ergebnis einer konsequenten politischen Arbeit und habe in den letzten zwei Jahren viel Kraft gekostet. Gelungen sei es auch, die Sichtbarkeit der Buchbranche zu steigern. Dieses gute Image sei ein immens wichtiges Kapital und Grundlage für den Erfolg in der Zukunft. „Wir haben Rückhalt in Politik und Gesellschaft, darauf können wir stolz sein.“

Ein Risiko besteht auch für Skipis in den Zentrifugalkräften innerhalb der Branche, die unübersehbar seien. „Die Preisbindung ist Garant für die Vielfalt unserer Branche, steht aber ziemlich in Frage.“ Allerdings gebe es nach dem Runden Tisch Hinweise, „dass sich etwas ändert“. Hier müsse konsequent weitergearbeitet werden.

Wir haben Rückhalt in Politik und Gesellschaft, darauf können wir stolz sein.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins

Ebenfalls als Risiko schätzt Skipis die Wirtschaftlichkeit der Branche ein, ein „multikausales Problem“. Nicht nur die Bücherpreise seien problematisch, auch die Logistikstrukturen. Es helfe nun nicht mehr, nur darüber zu reden, es müsse gehandelt werden.

In Gefahr sei auch das Urheberrecht mit einer schleichenden Enteignung der Verlage, etwa beim E-Lending. Skipis‘ Prognose: „Das wird sich mit der neuen Regierung eher zum Schlechteren wenden.“ Der Rückhalt für das Urheberrecht schwinde in einer Zeit, in der vieles schnell und kostenlos zu bekommen sei.

Zum Thema Meinungsfreiheit sagte Skipis, dass man mit diesem Thema hohe Anerkennung erfahren habe. Und: „Eine Buchbranche ohne Meinungsfreiheit ist nicht denkbar.“ Das Engagement für die Meinungsfreiheit solle unbedingt fortgesetzt werden. Es gelte, Haltung zu zeigen und die Betroffenheit von Vielen ernst zu nehmen.

Zum Abschluss betonte Skipis, dass er 16 Jahre lang die Freude gehabt habe, der Branche dienen zu können. „Das hat mir ein hohes Maß an Erfüllung gegeben und ich bin sehr dankbar für viele wertvolle Begegnungen. Sein Dank ging an die Kolleg*innen aus dem Hauptamt, die „Bock darauf haben, etwas Gutes für die Branche zu tun“.

Finanzbericht und ein Sparkonzept für den Notfall

Schatzmeister Klaus Gravemann erläuterte die Finanzlage des Verbands, die von der Corona-Krise im Moment eher positiv beeinflusst wird – etwa durch Einsparungen bei Tagungen und Events. Zusammen mit gezielten Sparmaßnahmen (wie dem zeitweisen Verzicht auf die Nachbesetzung von Stellen) stehen im Budget für 2020 unter dem Strich 556.000 Euro mehr als ursprünglich angesetzt.

"Unfreiwilligerweise gehört 2020 zu den besten Jahren, die wir finanziell je hatten", so Gravemanns Bilanz. Ein "eiserner Notgroschen", der in den kommenden Jahren noch hilfreich sein könne, so Gravemann. Mehr zur Finanzlage in einem ausführlichen Interview mit Klaus Gravemann, das Sie hier finden.

Der Jahresabschluss 2020 wurde von der Hauptversammlung genehmigt, bei einer Nein-Stimme und vier Enthaltungen. Auch das Budget 2021 und der Entwurf für 2022 wurden mit breiter Mehrheit angenommen. Der Jahresüberschuss im Budget 2022 liegt bei 20.000 Euro. Unter Berücksichtigung des Projekts Buchmarketing steht unter dem Strich ein Jahresfehlbetrag von minus 22.000 Euro.

Für den Haushaltsausschuss des Börsenvereins machte Michael Justus deutlich, dass ein Budget nicht die ganze Wahrheit abbilden könne. Deshalb werde der Hauptversammlung empfohlen, parallel zur Genehmigung des Budgets 2022 eine Ergänzung zu verabschieden, die ein Sparkonzept für Notfälle vorsieht. Dieser Empfehlung folgten die Mitglieder ebenfalls mit breiter Mehrheit. In dem verabschiedeten Passus heißt es:

„Die wirtschaftliche Entwicklung insbesondere der Frankfurter Buchmesse ist für die folgenden Jahre nicht absehbar. Deshalb empfiehlt der Haushaltsausschuss der Hauptversammlung, den Gremien des Börsenvereins die Erarbeitung und Verabschiedung eines Konzepts für weitgehende Kosteneinsparungen, das nötigenfalls auch einen Konsens über die Einschränkung von Verbandsleistungen enthält, zu empfehlen. Dieses Konzept sollte unmittelbar umsetzungsbereit sein, sobald eine Verschlechterung der Finanzierungsgrundlagen dies erforderlich macht.“

Klaus Gravemann präsentiert die Mitgliederentwicklung

Deckelung des Konzernnachlasses beschlossen

Zum Thema Finanzen hat die Hauptversammlung auf Empfehlung des Vorstands zwei Beschlüsse gefasst. Der erste betrifft den Konzernnachlass, der 2008 eingeführt wurde, um eine Gleichbehandlung der Mitgliedsfirmen zu erzielen. Die aufgrund unterschiedlicher Firmenstrukturen vorliegenden Unterschiede in den Mitgliedsbeiträgen, trotz eines ähnlichen Jahresumsatzes, sollen hierdurch aufgefangen werden (Firmenstruktur über eigenständige Töchter oder über Imprints).

Derzeit liegt der gewährte Konzernrabatt zwischen 5 und 30 Prozent, ab 2022 würde er in zwei Fällen erstmalig auf 35 Prozent Nachlass steigen. Die Hauptversammlung hat nun beschlossen, den Konzernnachlass ab dem kommenden Jahr auf maximal 30 Prozent zu deckeln. Die Auswirkungen des Strukturwandels auf die Mitgliedsbeiträge sollen dadurch abgeschwächt, die Beitragseinnahmen gesichert werden. Der Vorschlag wurde mit 114 Stimmen angenommen.

Änderung der Beitragsstaffel verabschiedet

Darüber hinaus hat die Hauptversammlung eine Änderung der Beitragsstaffel ab Beitragsgruppe 53 beschlossen - ebenfalls um die Beitragseinnahmen im fortschreitendem Konzentrationsprozess zu sichern. Der bisherige Deckelung der Beiträge ab einer bestimmten Umsatzgröße wird aufgehoben, stattdessen wird der Beitrag von Großunternehmen nach einem speziellen Berechnungsmodell an die Umsatzentwicklung gekoppelt. Im Wortlaut heißt es in dem Beschluss, der mit 116 Stimmen angenommen wurde und bislang kein Mitglied trifft:

"Der Beitrag in der neuen und letzten Beitragsgruppe 53 wird durch die Multiplikation des Jahresnettoumsatzes in Euro mit dem berechneten Faktor aus dem Jahresbeitrag der Beitragsgruppe 52 und aus der Obergrenze der Beitragsstaffel der Beitragsgruppe 52 ermittelt. Der Jahresnettoumsatz bemisst sich aus der geltenden Bemessungsgrundlage in der Beitragsordnung."

Bericht des Aufsichtsrats

Siegmar Mosdorf, Vorsitzender des Aufsichtsrats, betonte in seinem Bericht, dass die „Pandemie unsere Wirtschaftsbetriebe massiv getroffen hat“. Mit der Messe sei in diesem Jahr jedoch ein erster Schritt in Richtung Revitalisierung gemacht worden. „Die Buchmesse ist unser wichtigstes Wirtschaftsunternehmen und wir haben große Anstrengungen unternommen, um sie in Präsenz und virtuell abzubilden." Man habe an der Kostenschraube gedreht, die Veränderungen seien dramatisch gewesen, vor allem auch für die Belegschaft, aber man habe es geschafft.

Bei MVB stelle man bei Börsenblatt und Buchjournal einen Rückgang fest, dies sei aber normal. MVB-Geschäftsführer Ronald Schild unternehme auf der anderen Seite Anstrengungen, das Unternehmen international aufzustellen, etwa in den USA, wo Erträge erwirtschaftet würden. Auch in Brasilien und Mexiko zeigten sich erste Erfolge. Weiterhin würden neue Ertragsstraßen aufgebaut, „so dass wir von guten Ergebnissen ausgehen können“, sagte Mosdorf. Der VLB-TIX-Relaunch beginne im Dezember und werde Mitte nächsten Jahres abgeschlossen sein. Auch das sei ein erheblicher Schritt, um erfolgreich zu sein.

Unter dem Strich seien die Wirtschaftsbetriebe „einigermaßen durch die Krise gekommen“. Allerdings seien erhebliche Restrukturierungsmaßnahmen notwendig gewesen. Mosdorf dankte den Geschäftsführern Alexander Skipis, Juergen Boos und Ronald Schild sowie dem Finanzchef Rudie van Schie.

Klare Haltung gegen Rechtsradikale gefordert

Die Mitglieder haben den Vorstand für das Vereinsjahr 2020 entlastet und den Tätigkeitsbericht des Vorstands für das Vereinsjahr 2020 genehmigt. Die Stimmverteilung: 93 Ja-Stimmen, 1 Ablehnung, 2 Enthaltungen.

In der vorangehenden Diskussion über Jahres- und Finanzbericht sprach Buchhändler Jörg Robbert jedoch ein Thema an, dass die Branche rund um die Frankfurter Buchmesse intensiv beschäftigt hat: die öffentliche Debatte um rechtsradikale Verlage auf der Messe. Rassismus sei keine Meinung – das müsse der Börsenverein auch so benennen, forderte Robbert. Er habe hier im Oktober eine klare Positionierung in der Kommunikation des Verbands vermisst.

Alexander Skipis erinnerte daran, dass der Verband in diesem Punkt sehr wohl immer wieder Haltung gezeigt habe, etwa als rechte Aussteller 2017 schon einmal für Aufregung sorgten. Aber es sei gut und wichtig, das Thema weiter zu diskutieren. Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs betonte, der Verband müsse „proaktiver“ werden und sich wohl noch klarer positionieren: „Wir haben uns nicht wirklich glücklich verhalten“.

Abstimmungsverhalten der Teilnehmer zum Antrag, die Gender-Frage weiter im Verband zu diskutieren. Links Moderator Thomas Koch (Pressesprecher), Justiziar Christian Sprang und Vorsteherin Karin Schmidt-Friedrichs.

Satzungsänderungen auf einen Blick

Digitale Teilhabe an Hauptversammlungen

Während der Pandemie waren digitale Abstimmungen und Wahlen in Vereinen durch eine Ausnahmegesetzgebung gestattet. Die Möglichkeit, Hauptversammlungen oder Fachgruppenversammlungen in digitaler Form abhalten zu können, soll auch nach Auslaufen der Ausnahmegesetze beibehalten werden. Dafür haben die Mitglieder in der Hauptversammlung die Satzungsgrundlage geschaffen. Die Eckpunkte:

  • Der Vorstand beruft die Hauptversammlungen ein und legt deren Termin, Form und Ort fest, wobei die Präsenzveranstaltung den Regelfall darstellt und Online- sowie Hybride Veranstaltungen nur in begründeten Ausnahmefällen stattfinden sollen.
  • Der Vorstand legt fest, in welcher Form eine Hauptversammlung durchgeführt wird – und zwar entweder als Präsenz- als hybride oder als reine Online-Veranstaltung. Im Falle einer hybriden oder einer reinen Online-Veranstaltung wird bei Wahlen die Möglichkeit der Briefwahl durch eine elektronische Vorab-Stimmabgabe ersetzt.

Stellvertretung des Hauptgeschäftsführers

Der Hauptgeschäftsführer steht der Geschäftsstelle des Börsenvereins vor. Er vertritt den Verein außergerichtlich und alleinvertretungsberechtigt. Ist der Hauptgeschäftsführer abwesend, wird er bisher vom Justiziar vertreten. Künftig soll der Vorstand über die Stellvertretung entscheiden – was sich jedoch, wie Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs ausdrücklich betonte, in keiner Weise gegen die Kompetenz von Justiziar Christian Sprang richte.

Streichung der Aufnahmegebühr

Die Erhebung der Aufnahmegebühr wird seit nunmehr fast 10 Jahren konstant ausgesetzt, weil die Hürde zur Aufnahme einer Mitgliedschaft in den Börsenverein so niedrig wie möglich angelegt sein sollte. Die Aufnahmegebühr soll nunmehr ganz aus der Satzung gestrichen werden – was die Mitglieder auf der Hauptversammlung befürwortet haben.

Umbenennung von SoA und VA

Die Ausschüsse des Börsenvereins sollen geschlechtsneutral benannt werden, so wie es beim Ausschuss für den Zwischenbuchhandel bereits der Fall ist. Aus dem Sortimenter-Ausschuss wird künftig der Ausschuss für den Sortimentsbuchhandel, aus dem Verleger-Ausschuss der Ausschuss für Verlage.

Einleitungssatz zum Gender-Hinweis

Vertagt haben die Mitglieder dagegen die Entscheidung, folgenden Einleitungssatz neu in die Satzung aufzunehmen:

„Der Börsenverein tritt für Diversität und Chancengleichheit ein und bekennt sich zu gendersensibler Sprache. Wenn in diesem Satzungstext aus Gründen der besseren Lesbarkeit Ämter und Funktionen im generischen Maskulinum benannt werden, sind damit wertfrei alle Menschen in diesen Positionen gemeint.“

Bislang hieß es in der Satzung einleitend lediglich: „Bezeichnungen von Ämtern und Funktionen sind zur Erleichterung der Lesbarkeit in maskuliner Form wiedergegeben.“

Jörg Robbert wies darauf hin, dass mit dieser Änderung eine sehr weitreichende Erklärung für das Gendern getroffen werde, ohne dass die Mitglieder in die Diskussion einbezogen worden seien. Er beantragte, über den Einleitungssatz noch nicht abzustimmen und das Thema zunächst intensiver im Verband zu diskutieren. Dieser Meinung folgten 56 Mitglieder, bei 24 Nein-Stimmen und 19 Enthaltungen.

Fragen der Mitglieder

Birgit Grallert, Buchhändlerin aus Leipzig, fragte unter dem Tagesordnungspunkt Verschiedenes nach einem Haus im Gerichtsweg, das dem Börsenverein von der Stadt Leipzig geschenkt worden sei und das mehr und mehr verfalle. Schatzmeister Klaus Gravemann machte deutlich, dass der Altbau, der an das Haus des Buches angrenzt, an einen interessierten Verlag verkauft werden solle. Gespräche würden geführt, der Verkauf werde sich jedoch noch hinziehen.

Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs machte zum Abschluss der Hauptversammlung deutlich, dass sich Mitglieder jederzeit und rund ums Jahr mit Fragen oder Vorschlägen an das Hauptamt und den ehrenamtlichen Vorstand wenden können. Gelegenheit dazu ist zum Beispiel am nächsten Montag: Am 22. November um 19 Uhr lädt der Börsenverein wieder zum virtuellen Feierabend-Dialog mit der Verbandsspitze ein, zur Anmeldung geht es hier.