Während die formale Jahreshauptversammlung im Gebäude des Carlsen Verlags stattfand, stand der Tag zuvor im Medienhaus Oetinger unter dem Zeichen der Leseförderung. "Wir tun Dinge aus Überzeugung, wir kommen bei 39 Grad Celsius zusammen", sagte Oetinger-Geschäftsführer Thilo Schmid. "Es gibt keine Krisen. Es gibt lediglich Situationen, die auf Situationen folgen. Und es gibt irrationale Erwartungen — unsere eigenen, die der Branche —, die irgendwann auf die Realität treffen. Es gibt Enttäuschungen, wenn vertraute Handlungsstrategien plötzlich versagen." Das sei aber kein Schicksal, sondern der normale, manchmal vielleicht einen Gang höher geschaltete Gang der Dinge. "Wer das Gegenwärtige als Krise rahmt, gibt Macht ab", so Schmid. "Wer es als Situation begreift — als eine von vielen, auf die eine nächste folgt —, der behält die Initiative. Bleibt Macher. Bleibt Gestalter." Oetinger habe sich von dem getrennt, was nicht mehr funktionierte und Neues gewagt. "Wir wachsen seit 18 Monate in einem schrumpfenden Markt." Das hänge mit der Bereitschaft zur ständigen Veränderung zusammen."
Dann legte Schmid den Fokus auf die Leseförderung mit einem bemerkenswerten Vergleich, der wachrüttelt: "Stellen Sie sich vor: Auf der Autobahn ist jedes vierte Auto nicht fahrtüchtig. Nicht nach einem Unfall. Sondern weil niemand dem Fahrer das Fahren beigebracht hat. Was wäre das für ein Chaos?" Aber genau das passiere gerade: "Jedes vierte Kind in Deutschland kann am Ende der Grundschule nicht sinnentnehmend lesen." Das sei kein Randproblem, "das ist Systemversagen. Und die Konsequenzen zahlen wir alle — in der Ausbildung, im Beruf, in der gesellschaftlichen Teilhabe. Lesen ist kein Hobby. Lesen ist der Rohstoff, aus dem Demokratie gemacht wird. Lesen ist ein Wirtschaftsfaktor", sagte Schmid unter Applaus.
Volker Petri stellte mit Anke Zumdohme von den Bücherhallen Hamburg (32 Standorte und zwei Bücherbusse, 2025 wurden 12 Millionen Medien ausgeliehen, vier Millionen Besucherinnen, viele Veranstaltungen auch für Leseförderungen) und Julia Lentge vom Verein Seiteneinsteiger (2007 von Nina Kuhn gegründet, startete mit einem Lesefest, Buchstart (alle Hamburger Kinder kriegen bei der U6-Untersuchung eine Büchertasche geschenkt, in der auch Pappbilderbücher von Carlsen und Oetinger sind – "damit erreichen wir fast alle Hamburger Kinder) zwei engagierte Leseförderinnen vor. "So viele Initiativen, so viele Bemühungen – aber 25 % der Kinder können nicht lesen. Kommt da bei den Kindern nichts an von den Bemühungen?", fragte Petri. "Also nichts, was man in dieser Richtung in Bewegung setzt, ist umsonst, es geht darum Kinder zu erreichen und auch deren Eltern, und manches braucht länger, bevor es ankommt", meinte Lentge. Seiteneinsteiger kooperiert mit Buchhandlungen wie Wassermann, Büchereck Niendorf, Christiansen in Altona usw. "Es gibt zum Glück ziemlich viele kreative Köpfe, denen viel einfällt, das ist unter Glück". Aber auf politischer Ebene müsse sich mehr bewegen, so Lentge. Und mehr kooperieren. "Einfach auch mal machen, dann wird es auch werden", so Petris Appell.
Nach weiteren Diskussionsrunden zur Leseförderung wurde der Samstagnachmittag abgerundet von der Siegerin des Landesentscheids des Vorlesewettbewerbs 2025, Luna Tallarek, die den Zuhörer:innen eine spannende Textpassage aus den "Tributen von Panem" vorlas und damit zeigte, was Leseförderung in der Praxis bedeutet – "ein Leben ohne Bücher kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen ...".