IG BellSa: Rede des Vorstehers

Im Bann der KI

20. Januar 2026
Redaktion Börsenblatt

Die strategischen Herausforderungen für die Buchbranche durch die rasch fortschreitenden KI-Entwicklungen stehen im Mittelpunkt der Jahrestagung der IG Belletristik und Sachbuch. Der neu gewählte Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz, betonte in seiner Antrittsrede den Unterschied zwischen künstlicher Intelligenz und intelligenter Kunst. Die Rede im Wortlaut.

Porträt von Sebastian Guggolz mit grünem Pulli vor grauem Hintergrund

Sebastian Guggolz

Ich darf Sie alle zum ersten Mal in der Vorsteherfunktion hier im Literaturhaus München im Januar zur Jahrestagung der IG BellSa begrüßen. Als Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Noch immer verspüre ich ein kleines Glücksgefühl, wenn ich mir diesen schönen, altertümlich anmutenden Titel vor Augen führe, noch immer bin ich voller Vorfreude und Lust auf das, was da kommen wird in den nächsten drei Jahren.

Im vergangenen Jahr ist der Börsenverein 200 Jahre alt geworden. Was alles in diesen 200 Jahren passiert ist, was sich seit 1825 in der Buchbranche, auf dem Feld der Verlage und Buchhandlungen und des Zwischenbuchhandels verändert hat, ist kaum vorstellbar. Schlaglichter waren in der schönen, kompakten Ausstellung zur Geschichte des Vereins zu sehen, die anlässlich des Jubiläums von unserer Historischen Kommission co-kuratiert im Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig bis vor ein paar Tagen zu sehen war. Nachzulesen sind sie auch heute noch im hervorragend gestalteten, die Ausstellung begleitenden und weit darüber hinausgehenden Band "Zwischen Zeilen und Zeiten. Buchhandel und Verlage 1825–2025" (erschienen im Wallstein Verlag). Diese Geschichte macht uns als Branche aus; ebenso wie die Fähigkeit, uns auf vielerlei Weise an die Gegebenheiten anpassen zu können – was als Kehrseite auf schäbige Weise zur Zeit des Nationalsozialismus sichtbar wurde. Wir sind als Branche in hohem Maß wandlungs-, anpassungs- und nicht zuletzt lernfähig. Und wir sind das, wenn man zurückblickt, schon immer gewesen. Die Erfahrungen Einzelner, aber auch die gemeinschaftlichen Erfahrungen in dieser Branche können gesammelt und geteilt werden, man kann mit ihnen argumentieren und sich auf sie berufen. Erfahrungen, die sich – ausgesprochen oder unausgesprochen – von einer Generation zur nächsten übertragen und fortsetzen.

Erfahrungen, auf die ich nun, als neuer und vor allem in Sachen Börsenverein noch weitgehend unerfahrener Vorsteher, angewiesen bin, auch auf ihre Weitergabe. Denn sie umfassen Erlebnisse, Einschätzungen und Bewertungen, Erfolge und Enttäuschungen. In diesen Erfahrungen stecken Perspektiven und Positionen und subjektive Wahrnehmungen, also das, was unsere Welt verstehbar, ja, was sie überhaupt erst verständlich macht.

Keine offene Frage ist, dass diese Verschiebung von der intelligence zur Intelligenz öfters zu Missverständnissen führt, weil wir verständlicherweise Intelligenz dahinter vermuten, und nicht intelligence.

Sebastian Guggolz

Künstliche, sogenannte Intelligenz

Der heutige Tag steht im Zeichen von KI, von Künstlicher sogenannter Intelligenz. Ob unser deutschsprachiger Begriff Künstliche Intelligenz eigentlich auf einem Übersetzungsfehler aus der amerikanischen Tech-Sprache basiert, weil die deutsche Intelligenz etwas anderes als die amerikanische intelligence bedeutet, bleibt eine offene Frage. Keine offene Frage ist, dass diese Verschiebung von der intelligence zur Intelligenz öfters zu Missverständnissen führt, weil wir verständlicherweise Intelligenz dahinter vermuten, und nicht intelligence. In der Intelligenz klingt das geistige Verarbeiten, die Denkleistung und Denkfähigkeit an, die menschliche Geistesgegenwart und auch ein gewisser Esprit und Lust am Denken. Es ist ein Begriff der Qualität. Das englische Wort intelligence dagegen ist stärker ein Begriff der Quantität, er liegt näher am Faktensammeln, an Geheimdienstarbeit, an Informationsbeschaffung und Datenerhebung. Das Verstehen und vor allem das Darüber-Nachdenken ist, anders als in der deutschen Intelligenz, nur eine von vielen untergeordneten Bedeutungen, die im Begriff intelligence mitschwingen.

Dieser heutige Tag steht im Zeichen, oder man müsste eigentlich sagen: im Bann von KI. Denn der Einfluss, die Bedeutung und die Potenziale von KI üben eine solche Faszination auf die Buchbranche und weite Teile der gesamten Gesellschaft aus, dass dieses Thema derzeit jede Gesprächsrunde zu dominieren scheint. Glücklicherweise sind diese Runden, wie auch am heutigen Tag, mit Expertentum besetzt, mit menschlicher, also dem Gegenteil von künstlicher Intelligenz, sie werden geleitet von Überlegungen, Ideen und Einordnungen, nicht von Algorithmen und Erwartungserfüllung. Die intensive Beschäftigung mit KI ist richtig, denn deren umwälzende Tragweite begreifen wir alle sowohl in ihren Chancen als auch in ihren Gefahren noch gar nicht ausreichend, und wir wissen auch noch gar nicht, welche kollateralen Verluste und Beschädigungen der unaufhaltsame oder vielmehr unaufgehaltene Fortschritt mit sich bringen wird. Das löst Gesprächs- und Verständigungsbedarf aus, und den wollen wir heute, dank der hervorragenden vorbereitenden Arbeit der IG BellSa-Sprecherinnen Ulrike von Stenglin, Julia Eisele und Grusche Juncker, und natürlich auch von Nicola Meier, die im Börsenverein alle Fäden dafür in den Händen hat, ein wenig stillen.

Zahlreiche Gespräche zu diesem Thema der letzten Zeit haben mir gezeigt, dass das Schlagwort KI bei verschiedenen Akteuren ganz unterschiedliche Bilder hervorruft. Kommen der Lektorin, dem Autor oder der Übersetzerin zum Beispiel sofort Large-Language-Modelle, ChatGPT, Übersetzungs-Tools und Stilsimulationen in den Sinn, denken Grafikerinnen und Hersteller zuerst an künstlich generierte Bilder und Grafiken sowie an Bildbearbeitungsprogramme, sobald KI erwähnt wird. Im Vertrieb sind es Optimierungstools für die Logistik oder Bestell- und Bestandsmonitoring, im Marketing wiederum Zielgruppenanalysen und Kundendefinitionen und die Konstruktion von Personae. Im Bereich Rechte und Lizenzen sieht es noch mal anders aus, zwar können auch da sicherlich Abrechnungstools oder Vertragssoftware Erleichterung verschaffen, aber Fragen des Urheberrechts und der Regulierung von KI-Trainingsmethoden und ihren Anwendungen – beziehungsweise die systematische Verletzung aller bisher geltenden Regelungen – stehen bedrohlich im Vordergrund.

Überall wird an etwas anderes gedacht, denn wir alle haben schon längst alltäglich mit KI zu tun, aber je nachdem, worin unsere Arbeit besteht, in unterschiedlichen Abstufungen und auf ganz verschiedene Weisen.

Die Annahme, KI könnte in der Literatur inhaltlich eine Rolle spielen, zeugt von einem verzerrten technokratischen Literaturbegriff ... Die Haltung eines Textes - zu nichts davon ist die KI fähig.

Sebastian Guggolz

Nur die eine Seite in den Blick zu nehmen, ohne auch an die andere zu denken, wäre Verzerrung. Die umfassenden und inakzeptablen Urheberrechtsverletzungen sind von der massiven Unterstützung als Recherchewerkzeug und vom Einsatz bei der Vorarbeit für die Textproduktion nicht zu lösen. Die untaugliche und schlicht beleidigende Stumpfsinnigkeit, wenn in Hotlines oder bei ChatGPT menschliche Gesprächspartner simuliert werden sollen, die Software permanent ihr angebliches Verständnis versichert und dabei lediglich gravierend unterkomplexe psychologische Muster bedient werden, paart sich mit der Vervielfachung an Möglichkeiten bei der Verständigung in Sprachen, von denen man eigentlich kein Wort versteht, in denen man mithilfe von KI nun aber fließend fremdsprachige Texte lesen und sich selbst spielend verständlich machen kann. Das Licht ist nur mit dem Schatten zu haben, das Scheitern immer mit der Euphorie der Idee, und die Dystopie nur im Paket mit der Hoffnung.

Und dennoch spüre ich, wenn ich mir den Umgang mit der KI anschaue, immer wieder ein Unbehagen. Denn die Umwälzung unserer Ordnung und unserer bekannten Welt, ja, die Apokalypse scheint geradezu heraufbeschworen zu werden, die Bedrohung löst eine hypnotische Faszination aus, die dem menschlichen Anteil kaum mehr eine Zukunft zugestehen will. Vielleicht ist soziologisch betrachtet auch die Amlinger’sche und Nachtwey’sche "Zerstörungslust" am Werk, also der Wunsch, das Ende der eigenen Welt herbeizuschreien, damit man, wenn sowieso alles dem Untergang geweiht ist, zumindest nicht mehr an der eigenen Überforderung zerbrechen muss.

Den Umgang mit KI, mit von ihr generierten Texten und Bildern, von ihr unterstützten Systemen, von ihr erstellten Analysen, Präsentationen, Recherchen oder Bots, wünsche ich mir so kritisch und so reflektiert und auch reglementiert wie möglich. Eingehegt durch menschliche Beaufsichtigung, menschliche Bedienung, menschliche Kontrolle und menschliche Gesetze. Dosiert eingesetzt und an den richtigen Stellen auch bewusst ausgeschlossen aus bestimmten Prozessen und vor allem aus dem Bereich der Literatur und der Literaturübersetzung. Die Annahme, KI könnte in der Literatur inhaltlich eine Rolle spielen, zeugt von einem verzerrten technokratischen Literaturbegriff und einer irregeleiteten Vorstellung davon, was etwa eine literarische Übersetzung ausmacht. Die Haltung eines Textes – original oder übersetzt – und seiner Sprache, der Ton und die Stimme, die Atmosphäre und das Unausgesprochene, dazu auch die Geschichte und die Erfahrungen des Autors oder der Autorin, die zwischen den Zeilen mitschwingen – zu nichts davon ist die KI fähig.

Ich habe kürzlich ein Textposting von El Hotzo gelesen. Sie werden ihn, wenn nicht digital aus dem Internet von Instagram und X (dort auch mit durchaus kontroversen Aussagen), aus der analogen Welt mit seinen Romanen bei KiWi als Sebastian Hotz kennen. In seinem Posting sagt er sinngemäß: Mit der KI verhalte es sich ein bisschen wie mit Asbest. In ein paar Jahrzehnten werden unsere Kinder den Kopf schütteln über unsere heutige Unvernunft, etwas so offensichtlich Schädliches überall eingesetzt zu haben. Und sie werden es mühsam und stöhnend alles wieder zurückbauen und ersetzen müssen. In manchen Fällen, auch das wissen wir von Asbest, bleibt als Option am Ende nur noch der Abriss.

Intelligente Kunst

Ich will aber nicht nur über das sprechen, was ich nicht möchte. Genehmigen Sie mir einen kleinen Umweg, damit ich in der mir verbleibenden knappen Redezeit noch auf etwas kommen kann, was mich an dieser Branche immer angezogen und verführt hat und was bis heute mein tagtäglicher Antrieb ist. Ich möchte von etwas sprechen, was bei allem Nachdenken und bei allen Gesprächen über Fortschritt und technische Neuerungen in unseren Verlagen und auch in den Buchhandlungen nie aus dem Blick geraten sollte. Es ist das, was sich zeigt, wenn man der Künstlichen Intelligenz den Spiegel vorhält: nämlich die intelligente Kunst.

Chance zum inneren Wachstum durch Literatur

Auf dem hochdifferenzierten und diversifizierten Buchmarkt ist für fast alles Platz. Mittlerweile sind auch die umsatzträchtigen Booktok-Trends im Segment New Adult mit all ihren Unterformen nicht mehr nur digital, sondern auch in der Breite der Buchläden zu finden. Ebenso selbstverständlich nach wie vor Literatur und Sachbuch und alle anderen bekannten Sparten. Der zurückliegende Herbst hat mit seinen Preisentscheidungen und den sich daran anschließenden Verkaufszahlen gezeigt, dass der weitverbreitete Abgesang auf die anspruchsvolle, aber eben auch ansprechende Literatur – die intelligente Kunst! – schlicht unzutreffend ist. Nehmen wir den Literaturnobelpreisträger 2025. László Krasznahorkai. Seine Erzählungen und Romane, im ungarischen Original wie auch in Heike Flemmings famosen kraftvollen deutschen Übersetzungen, sind artistische Prosa, die unseren Lesegewohnheiten mit abgepackten Erzählhappen, kurzen, auf den Punkt kommenden Formulierungen vollkommen zuwider läuft. Auf den Punkt kommt bei Krasznahorkai praktisch gar nichts, der Schlusspunkt des Satzes ist der Schlusspunkt des Romans oder wenigstens des Kapitels. Und an diesen Punkt, so sagt Krasznahorkai in Interviews, wagt er selbst sich nicht heran, denn dieser Schlusspunkt ist und bleibt Gott vorbehalten.

Wen soll das angehen?, könnte man fragen, wenn man, wie das vor allem in den großen Verlagen zunehmend in Vorwegnahme der Prinzipien der Künstlichen Intelligenz gemacht wird, in den Programmansprüchen zunehmend von der angenommenen Wahrscheinlichkeit fiktiver Interessen und Bedürfnisse von schablonisierten Leserinnen und Lesern ausgeht. Wen betreffen also Krasznahorkais Bücher? Na, uns alle! Denn Krasznahorkai erzählt von sich zusammenrottenden Reichsbürgern, vom Rechtsruck und vom Nationalismus, von an den gesellschaftlichen Umständen zerschellenden Existenzen, von Einzelgängern, vom Alltag und der Selbstverständlichkeit der Provinz und von den allgegenwärtigen Kriegen, in Ungarn, in Thüringen – er erzählt aus den Herzkammern unserer Gegenwart. Wen soll das nicht angehen?, wäre die viel passendere Frage. Wie könnten wir auf so hellsichtige und originelle Beschreibungen unserer Welt verzichten! Dem leisen Spott Krasznahorkais über die Absurdität unserer Zeitgenossenschaft will man sich unbedingt anschließen.

Ähnliche Fragen stellen sich, wenn man "Die Holländerinnen" liest, den großen deutschsprachigen Preisabräumer des vergangenen Herbstes, Deutscher, Schweizer, Bayerischer Buchpreis. Dorothee Elmigers Roman ist ebenfalls ziemlich herausfordernd, sanft komisch, sanft abgründig, und eigentlich stockfinster. Aus den Herzkammern der Finsternis. "Die Holländerinnen" hat sich mithilfe der verschiedenen Buchpreise auch in den Jahresverkaufslisten zum Bestseller entwickelt. Das Fragende und Fragmentierte, das Erzählbare und doch immer noch Unverständliche sind die Themen dieses – nicht nur laut der vom Börsenverein eingesetzten Buchpreisjury – Romans des Jahres. Herausfordernd, ja, und das zum Glück. Haben die New Economy und all die Coachingtrends und, wenn ich mich noch richtig erinnere, ein Ex-Politiker namens Christian Lindner uns nicht längst davon überzeugt, dass Herausforderungen ebenso wie Probleme eigentlich dornige Chancen sind? Etwas, woran wir uns schärfen und reiben und woran wir wachsen und größer werden können?

Chancen zum inneren Wachstum bietet die Lektüre der Bücher von Elmiger und Krasznahorkai ganz bestimmt. Diese literarischen Werke weiten unseren Wahrnehmungsraum, vervielfältigen unsere Perspektiven auf die Gegenwart. Und berechenbar und vorhersagbar durch die KI wäre garantiert keiner dieser Feuilleton- wie Verkaufserfolge gewesen.

Die KI wird auch diese Bücher schlucken und in sich aufnehmen und, statistisch verwertet, aber in ihrem künstlerischen Gehalt völlig unverdaut, wieder ausspucken. Wie sie es mit allen anderen Romanen, ob urheberrechtlich geschützt oder nicht mehr, ebenso tut. Sie werden sicherlich schon jetzt in Sekundenschnelle mithilfe von KI-gestützten Systemen erfahren können, wie viele Kommata Krasznahorkai in seinem neuen Roman "Zsömle ist weg", erschienen im S. Fischer Verlag, zur Vermeidung der Schlusspunkte eingesetzt hat und auch welche Erzählbögen eine Spracherkennungsmaschine darin auszumachen denkt. Sie werden umgehend informiert, wie viele verschiedene technisch identifizierbare Erzählerstimmen in Dorothee Elmigers "Holländerinnen", im Hanser Verlag erschienen, ansetzen, ohne an ein Ziel oder bis zur Auflösung zu kommen, und wahrscheinlich wird Ihnen auch minutiös aufgelistet werden können – nicht allerdings ohne halluzinierte Fehleinschätzungen –, wie viele der Konjunktive 1 (also indirekte Rede) im Roman eigentlich nach klassischer Duden-Rechtschreibung im Konjunktiv 2 (also Irrealis oder Wunsch) hätten stehen müssen. Doch was besagt all das über das Ereignis der Lektüre? Über die Wirkung, den Anstoß, den die Lektüre geben kann? Über Gefallen oder Missfallen, über die Erfolgschancen und den Mythos der Bücher? Und was, bitteschön, über das Aufgewühltsein und, gestatten Sie mir an dieser Stelle das Pathos: was sollte das aussagen können über unsere Herzensbildung?

Die menschliche Intelligenz und mit ihr die intelligente Kunst müssen wir als Buchbranche selbstbewusst als unsere großen Stärken, unsere großen Gegengewichte betonen und herausstreichen.

Sebastian Guggolz

Sprache ist kein reiner Informationsträger

Die Sprache ist das, was die Literatur von den anderen Kunstsparten unterscheidet, was ihr ureigenes Medium ist. Die Sprache, durch die sich etwas ausdrückt, die gefärbt ist, die Persönlichkeit besitzt, die Position bezieht und eine Weltwahrnehmung in Worte fasst. Diese Sprache ist nicht einfach verfügbar, sie ist auch nicht reiner Informationsträger. Sondern sie ist erfahren und erlebt, in dem Sinn, dass jedes Wort, jeder Klang, jede Formulierung mit einem Leben, einem Subjekt, einer Biographie verknüpft ist. Welche Emotionen löst das Wort Grenze aus in demjenigen, der diesseits, welche in demjenigen, der jenseits aufgewachsen ist? Welche Bedeutung wird dem Begriff Krieg beigemessen, wenn man einen ausgelöst hat, welche, wenn man vor ihm geflohen ist oder vertraute Menschen darin verloren hat? Und welche, wenn man einen Krieg beendet hat? Was verbindet jemand mit dem Begriff Schnee, wenn er in Grönland lebt. Und was ein Senegalese? Oder eine Schweizerin? Der Erfahrungsschatz setzt uns in Beziehung zur Welt, zu den Dingen und den Wörtern. Diese Beziehungen kann eine KI nie in vergleichbarem Maß aufbauen. Der Begriff Literatur ist unter diesen Definitionsvoraussetzungen verknüpft mit KI undenkbar.

Wir dürfen die intelligente Kunst, die menschliche Intelligenz, unter keinen Umständen als Auslaufmodell betrachten, nur weil das Neue, das immer seinen ganz eigenen Reiz hat, künstlich ist. Im Gegenteil: Die menschliche Intelligenz und mit ihr die intelligente Kunst müssen wir als Buchbranche selbstbewusst als unsere großen Stärken, unsere großen Gegengewichte betonen und herausstreichen.

Darum: Lassen Sie uns mit zugewandter Neugier an die Fragen zum Thema KI herangehen, ihre Chancen dort nutzen, wo sie sinnvoll zu sein versprechen und uns neue Freiräume verschaffen könnten. Der heutige Tag wird viele Möglichkeiten und Anregungen dafür bieten. Und lassen Sie uns gleichzeitig unberechenbar bleiben. Ein Buch kann anders enden, als es begonnen hat; überraschende Wendungen, der Handlung wie der Sprache, Sprünge und Leerstellen sind keine Störgeräusche, sondern Qualitätsausweis; ein Verlagsprogramm muss Profil zeigen, aber auch Raum lassen für Experimente und Potenziale. Die sichere Bank, der vermeintlich kalkulierbare Erfolg ist viel wert. Aber der unerwartete Longseller, das Dark Horse, die verborgene Entdeckung und der von keinem erwartete Überraschungshit: Das ist es doch, wofür wir in den Verlagen und Buchhandlungen die Bedingungen schaffen, das ist es, wofür wir Bücher machen.