Nur die eine Seite in den Blick zu nehmen, ohne auch an die andere zu denken, wäre Verzerrung. Die umfassenden und inakzeptablen Urheberrechtsverletzungen sind von der massiven Unterstützung als Recherchewerkzeug und vom Einsatz bei der Vorarbeit für die Textproduktion nicht zu lösen. Die untaugliche und schlicht beleidigende Stumpfsinnigkeit, wenn in Hotlines oder bei ChatGPT menschliche Gesprächspartner simuliert werden sollen, die Software permanent ihr angebliches Verständnis versichert und dabei lediglich gravierend unterkomplexe psychologische Muster bedient werden, paart sich mit der Vervielfachung an Möglichkeiten bei der Verständigung in Sprachen, von denen man eigentlich kein Wort versteht, in denen man mithilfe von KI nun aber fließend fremdsprachige Texte lesen und sich selbst spielend verständlich machen kann. Das Licht ist nur mit dem Schatten zu haben, das Scheitern immer mit der Euphorie der Idee, und die Dystopie nur im Paket mit der Hoffnung.
Und dennoch spüre ich, wenn ich mir den Umgang mit der KI anschaue, immer wieder ein Unbehagen. Denn die Umwälzung unserer Ordnung und unserer bekannten Welt, ja, die Apokalypse scheint geradezu heraufbeschworen zu werden, die Bedrohung löst eine hypnotische Faszination aus, die dem menschlichen Anteil kaum mehr eine Zukunft zugestehen will. Vielleicht ist soziologisch betrachtet auch die Amlinger’sche und Nachtwey’sche "Zerstörungslust" am Werk, also der Wunsch, das Ende der eigenen Welt herbeizuschreien, damit man, wenn sowieso alles dem Untergang geweiht ist, zumindest nicht mehr an der eigenen Überforderung zerbrechen muss.
Den Umgang mit KI, mit von ihr generierten Texten und Bildern, von ihr unterstützten Systemen, von ihr erstellten Analysen, Präsentationen, Recherchen oder Bots, wünsche ich mir so kritisch und so reflektiert und auch reglementiert wie möglich. Eingehegt durch menschliche Beaufsichtigung, menschliche Bedienung, menschliche Kontrolle und menschliche Gesetze. Dosiert eingesetzt und an den richtigen Stellen auch bewusst ausgeschlossen aus bestimmten Prozessen und vor allem aus dem Bereich der Literatur und der Literaturübersetzung. Die Annahme, KI könnte in der Literatur inhaltlich eine Rolle spielen, zeugt von einem verzerrten technokratischen Literaturbegriff und einer irregeleiteten Vorstellung davon, was etwa eine literarische Übersetzung ausmacht. Die Haltung eines Textes – original oder übersetzt – und seiner Sprache, der Ton und die Stimme, die Atmosphäre und das Unausgesprochene, dazu auch die Geschichte und die Erfahrungen des Autors oder der Autorin, die zwischen den Zeilen mitschwingen – zu nichts davon ist die KI fähig.
Ich habe kürzlich ein Textposting von El Hotzo gelesen. Sie werden ihn, wenn nicht digital aus dem Internet von Instagram und X (dort auch mit durchaus kontroversen Aussagen), aus der analogen Welt mit seinen Romanen bei KiWi als Sebastian Hotz kennen. In seinem Posting sagt er sinngemäß: Mit der KI verhalte es sich ein bisschen wie mit Asbest. In ein paar Jahrzehnten werden unsere Kinder den Kopf schütteln über unsere heutige Unvernunft, etwas so offensichtlich Schädliches überall eingesetzt zu haben. Und sie werden es mühsam und stöhnend alles wieder zurückbauen und ersetzen müssen. In manchen Fällen, auch das wissen wir von Asbest, bleibt als Option am Ende nur noch der Abriss.