Interview mit Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz

"Ich stecke immer noch in der Euphorie des Anfangs"

19. Januar 2026
Christina Schulte

Er will sich besonders für den unabhängigen Buchhandel und strukturelle Verlagsförderung einsetzen. Vorsteher Sebastian Guggolz über seine Pläne und die ersten Monate seiner Amtszeit.

Sebastian Guggolz

Sebastian Guggolz

Nach Ihrer Wahl zum Vorsteher haben Sie spontan gesagt: "Ich weiß noch gar nicht, wohin mit meinen Gefühlen". Seitdem sind drei Monate vergangen. Freude, vielleicht Zweifel oder gar Sorge: Welches Gefühl dominiert heute?

Sebastian Guggolz: Das Gefühl vom Anfang, das habe ich tatsächlich immer noch sehr stark. Gerade das erste Jahr ist geprägt von ersten Malen – nicht nur im Kalender, sondern auch emotional. Ich freue mich sehr auf die IG BellSa, weil ich dort meine erste Rede als Vorsteher halten werde. Und ich freue mich auf die Messen. Dieses Gefühl der Vorfreude, der Neugier und Begeisterung begleitet mich nach wie vor. Ich weiß nicht, wie das im zweiten Jahr sein wird, aber im ersten Jahr ist es fast ein Dauerzustand, dass ich gespannt bin, was als Nächstes kommt. Und ich bin auch überrascht, wie weit verzweigt und komplex die Strukturen und Aufgaben des Börsenvereins tatsächlich sind. Ich stecke immer noch in der Euphorie des Anfangs.

Gab es in den vergangenen Wochen einen Moment, in dem Sie gedacht haben: "Was habe ich da nur getan?"

Sebastian Guggolz: Bislang bin ich immer noch sehr zufrieden mit meiner Entscheidung (lacht). Aber mir wird mit der Zeit klar, dass ich nicht sämtliche Ansprüche und Erwartungen erfüllen kann, die von allen Seiten an mich herangetragen werden. Das ist eine meiner Aufgaben für die kommenden Wochen und Monate: herauszufinden, wo ich meine eigenen Schwerpunkte setzen möchte oder wo ich mich zurückziehe und Kolleg:innen übernehmen. Es geht darum, dass ich meine eigene Position schärfe und finde.

Sie sind der jüngste Vorsteher, den der Börsenverein jemals hatte. Denken Sie, dass Sie das Amt deshalb auf andere Weise ausfüllen werden?

Sebastian Guggolz: Ja, das glaube ich schon. Es ist meine Hoffnung, dass ich neue Impulse setzen kann. Interessant ist bei so einem Amt die Frage, wie viel davon die eigene Person ist und wie viel symbolisch aufgeladen wird. Der Altersunterschied zu früheren Vorsteher:innen wurde von vielen als Aufbruchssignal wahrgenommen, dass auch jemand aus der jüngeren Generation die Chance auf die Vorsteherrolle hat. Das ist nicht meine persönliche Leistung, sondern vielmehr der Symbolgehalt dieses Generationenwechsels. Aber natürlich bringe ich Erfahrungen mit, zum Beispiel meine Arbeit in unabhängigen Verlagen. Das alles fließt ein und prägt meine Arbeit im Verband.

Das Thema strukturelle Verlagsförderung und die Förderung unabhängiger Buchhandlungen stehen für mich ganz oben auf der Agenda.

Sebastian Guggolz

Die Druckerzeugnisse wurden aus der EU-Entwaldungsverordnung ausgenommen. Damit konnten Sie einen wichtigen Erfolg verkünden. Was nach wie vor fehlt, ist die strukturelle Verlagsförderung. Sind die Chancen dafür gestiegen?

Sebastian Guggolz: Das Thema strukturelle Verlagsförderung und die Förderung unabhängiger Buchhandlungen stehen für mich ganz oben auf der Agenda. Das ist nicht nur mein persönliches Anliegen, sondern auch eine Notwendigkeit für die Zukunft der Branche. Ich habe mich schon bei der Kurt-Wolff-Stiftung sehr intensiv für diese Themen engagiert. Mein Ziel ist es, dass es eine nachhaltige Förderung für das unabhängige Segment gibt. Das ist zentral, um die Vielfalt der Branche zu erhalten. Ich verstehe nicht, warum etwa die strukturelle Verlagsförderung im Koalitionsvertrag immer noch nur unter Prüfungsvorbehalt steht; sie sollte dringend umgesetzt werden. Ich hoffe, dass wir hier endlich konkrete Fortschritte erzielen.

Die Mitgliederzahlen sinken, der Börsenverein muss sparen. Was sind für Sie die Kernaufgaben des Verbands, an denen nicht gerüttelt werden darf?

Sebastian Guggolz: In erster Linie geht es darum, die Rahmenbedingungen für die gesamte Branche zu verteidigen und zu stärken, gerade vor dem Hintergrund der herausfordernden wirtschaftlichen Lage. Das umfasst politische Arbeit, etwa bei der Buchpreisbindung, dem reduzierten Mehrwertsteuersatz oder aktuell bei Fragen rund um Künstliche Intelligenz und Urheberrecht. Weitere essenzielle Aufgaben des Verbandes sind meiner Meinung nach, eine noch größere Öffentlichkeitswirksamkeit für das Buch und die Branche zu schaffen, die Mitglieder konkret zu beraten und zu unterstützen, etwa in rechtlichen Fragen, und sie auf dem Weg in die Zukunft mit Informationen, Vernetzung und praktischen Empfehlungen zu begleiten, vor allem bei den Themen Wirtschaftlichkeit, KI oder IT-Standards.

Gerade manch kleineres Mitgliedsunternehmen findet, der Börsenverein sei zu weit weg von seinen Mitgliedern. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Sebastian Guggolz: Ich kann diese Wahrnehmung nachvollziehen, halte sie aber für nicht ganz zutreffend. Viele der politischen Rahmenbedingungen, für die wir uns einsetzen, wirken sich direkt auf das Tagesgeschäft jeder einzelnen Buchhandlung, jedes einzelnen Verlags aus. Das ist kein fernes Thema aus Berlin oder Brüssel, sondern betrifft jeden an der Ladentheke und bei der Monatsabrechnung. Und nicht zuletzt: Unsere Mitglieder selbst sind der Börsenverein und müssen sich gar nicht in Abgrenzung sehen. Es ist wichtig, dass sich alle als Teil des Vereins verstehen, ihre Anliegen einbringen und keine Distanznahme stattfindet. Aber: Wenn wir das nicht richtig vermitteln, dann müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie wir die Botschaft der Gemeinsamkeit besser transportieren können.

In Ihren bisherigen Interviews fehlt selten der Hinweis auf die 250.000 Euro, die Sie bei einem Fernsehquiz gewonnen haben – und die Sie dann ins Programm Ihres Verlags gesteckt haben. Muss man manchmal alles auf eine Karte setzen?

Sebastian Guggolz: Auf jeden Fall! Ich bin das beste Beispiel dafür, dass es sich lohnen kann, Risiken einzugehen. Ohne den Gewinn aus der Quizshow würde es meinen Verlag vielleicht heute nicht mehr geben. Natürlich ist das kein Modell für alle, aber ich glaube, dass ein gewisses Maß an Risikobereitschaft und die Offenheit für Neues der Branche insgesamt guttun. Es ist wichtig, sich auf die Veränderungen einzulassen, mutig zu bleiben und auch einmal ungewöhnliche Wege zu gehen. Und es ist nicht schlimm, wenn etwas nicht funktioniert – dann klappt vielleicht etwas anderes. Diesen Mut, diese Haltung wünsche ich mir für die ganze Branche.

2021 waren Sie für den Young Excellence Award des Börsenblatts nominiert. War das damals wichtig für Sie? Braucht es noch mehr solcher Ermutigungsinitiativen für die jungen Köpfe der Branche?

Sebastian Guggolz: Für mich ist der Börsenverein keine Institution, die sich von außen an die jungen Leute wenden muss. Vielmehr sollten wir alle selbstverständlich Teil des Ganzen sein – unabhängig von Alter oder Erfahrung. Die jungen Menschen, die als Azubis, Volontäre oder Arbeitnehmer:innen in die Branche kommen, sollten sich von Anfang an als Teil des Börsenvereins begreifen. Initiativen wie das Zukunftsparlament oder der Mediacampus Frankfurt mit seinen Bildungsangeboten bieten viele Möglichkeiten zur Teilhabe. Es geht darum, Berührungsängste abzubauen und klarzumachen: Wir gestalten die Zukunft der Branche zusammen.

Die jungen Menschen, die als Azubis, Volontäre oder Arbeitnehmer:innen in die Branche kommen, sollten sich von Anfang an als Teil des Börsenvereins begreifen .... Wir gestalten die Zukunft der Branche zusammen.

Sebastian Guggolz

Eine Art "zuversichtliche Solidarität" in der Branche zu schaffen – das haben Sie als Ziel Ihrer Amtszeit formuliert. Ist das nicht ziemlich schwer, wenn man die vielen Meldungen von Buchhandelsschließungen liest?

Sebastian Guggolz: Die Buchbranche ist riesig und unglaublich vielfältig. Natürlich sind die wirtschaftlichen Zahlen oft alarmierend, aber es gibt immer auch Beispiele für Erfolg, Wachstum und gelingende Projekte. Es ist wichtig, die Dramatik der Lage nicht zu verdrängen, aber genauso wichtig ist es, die positiven Entwicklungen nicht aus den Augen zu verlieren. Daraus ziehe ich selbst meine Zuversicht. Solidarität bedeutet für mich, sich gegenseitig zu unterstützen, voneinander zu lernen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Man darf nicht nur auf das Negative starren, sondern muss auch die Chancen erkennen und nutzen. Man braucht eine gewisse Ambiguitätstoleranz.

Am 20. Januar trifft sich die Branche zur Jahrestagung der IG BellSa. Welche Botschaft nehmen Sie mit nach München?

Sebastian Guggolz: Die Solidarität zwischen den verschiedenen Sparten der Branche ist mir ein großes Anliegen. Schwerpunkt der IG BellSa ist das Thema Künstliche Intelligenz. Gerade bei diesem Thema, das die Branche aktuell stark beschäftigt, ist es wichtig, differenziert hinzuschauen. KI bietet für die Branche Risiken und Chancen. Wir müssen gemeinsam herausfinden und in die Konkretion gehen, wo sie uns hilft und wo wir Grenzen ziehen müssen, etwa im Bereich Urheberrecht. Solche Branchentreffen helfen, den Blick zu weiten und gemeinsame Positionen zu entwickeln.

Der neu gewählte Vorstand hat schon getagt. Was steht auf der Agenda für die kommenden drei Jahre?

Sebastian Guggolz: Unsere konstituierende Vorstandssitzung hat stattgefunden, wir werden im Februar in einer Strategiesitzung die Leitlinien für die nächsten Jahre festlegen. Sicherlich wichtig werden die Themen Wirtschaftlichkeit und Kostendruck, Leseförderung sowie die Nutzungsmöglichkeiten und nötigen Rahmenbedingungen bei KI sein.

Ob klein oder groß: Welche konkreten Dinge möchten Sie persönlich 2028, wenn die erste Amtszeit endet, im Verband verändert haben?

Sebastian Guggolz: Die Förderung unabhängiger Buchhandlungen und Verlage liegt mir sehr am Herzen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Vielfalt in diesem Bereich ein großes Pfund für unsere Gesellschaft und unsere Kultur ist und deshalb unbedingt erhalten werden muss. Der zweite Punkt ist die Förderung von Bildung und Lesekompetenz. Dazu muss es auch ein politisches Umdenken geben. Hier müssen wir politisch noch mehr Bewusstsein schaffen und mit aller Kraft darauf hinwirken, dass die Dramatik der Situation erkannt wird.

Verlag, Vorsteher-Amt, Ihre Arbeit im Klassiker-Lektorat von S. Fischer: Wie bewältigen Sie die Vielzahl der Termine, die Ihren Kalender für 2026 vermutlich ruckzuck gefüllt haben?

Sebastian Guggolz: Ich kriege das alles unter einen Hut – und ehrlich gesagt, bis jetzt auch erstaunlich gut. Es ist tatsächlich ein großes Bündel an Aufgaben, aber ich trenne die verschiedenen Funktionen nicht strikt voneinander, sondern bin immer in allen drei Bereichen ansprechbar, zumal es an vielen Punkten sehr starke Überschneidungen gibt. Ich hoffe, dass ich damit auch ein Beispiel geben kann, wie verschiedene Dinge – groß und klein, Berlin und Frankfurt, Verlag und Verband – gut zusammengehen und man sich nicht in Oppositionen verlieren

Bleibt bei so vielen Aufgaben noch Zeit für Hobbys?

Sebastian Guggolz: Zum Glück ja, mein Beruf und meine Hobbies liegen sehr nah beieinander. Ich bin ein großer Fan von Kino und Kunst und versuche, mir dafür regelmäßig Zeit zu nehmen. Gerade Museumsbesuche sind für mich ein wichtiger Ausgleich. Oft schaffe ich es, bei Dienstreisen einen halben Tag für einen Ausstellungsbesuch einzuplanen. Das hilft mir, die innere Balance zu halten und neue Impulse für die Arbeit zu bekommen. Es ist Entspannung für den Kopf und setzt andere Reize.

Ihr Pensum hört sich dennoch stressig an. Wie haben Sie ein Rezept zur Stressbewältigung?

Sebastian Guggolz: Es gibt kein Patentrezept, aber ich glaube, es hilft, den Blick immer wieder auf das Positive zu richten. Erfolgsgeschichten auch in einer herausgeforderten Branche nehmen viel vom Stress und zeigen, dass es auch in schwierigen Zeiten Möglichkeiten gibt, Dinge erfolgreich anzupacken.