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Bücher, die Brücken bauen

28. Mai 2026
TONI HECHT

Stefan Weidner, Literaturwissenschaftler und Übersetzer, ist diesjähriger Preisträger des Sheikh Zayed Book Award. Ein Gespräch über die Kraft der Poesie, kulturelle Verständigung und die zeitlose Schönheit der altarabischen Dichtung.

Logo Sheikh Zayed Book Award

Herzlichen Glückwunsch zum Sheikh Zayed Book Award! Was bedeutet diese Auszeichnung persönlich für Sie?

Stefan Weidner: Ich verfolge den SZBA seit vielen Jahren und weiß, wie professionell er ist und wieviel Expertise die Jury hat - vom Renommee der Preisträger ganz abgesehen. Dass ich mich nun zu ihnen zählen darf, ist eine Anerkennung der besonderen Art und eine große, unerwartete Ehre. Der internationale Charakter des Preises gefällt mir besonders, denn meine Arbeit war nie nur auf Deutschland beschränkt.

Ihr Buch "Der arabische Diwan" widmet sich der vorislamischen arabischen Dichtung. Was fasziniert Sie bis heute an diesen Texten?

Stefan Weidner: Die alte arabische Dichtung ist ein bis heute lebendiger Teil des Weltkulturerbes der Menschheit. Es gibt nur wenige alte Poesie, die so unmittelbar zu uns spricht wie die arabische. Besonders aktuell ist die Naturnähe dieser Dichtung, ferner ihre Bedeutung als Medium. Die alte arabische Poesie hatte viel mehr Funktionen als Literatur heute. Sie war wichtiger, bedeutender. Deswegen erzählt sie uns auch mehr als heutige Poesie, und deswegen ist sie seit jeher der "Diwan der Araber" genannt worden. Das heißt sie diente und dient als kulturelles Gedächtnis und Archiv, als Gründungsdokument arabischer Identität. Zugleich gehört sie der ganzen Menschheit an.

Cover "Der arabische Diwan"

Viele der Gedichte handeln von Liebe, Stolz, Krieg und Verlust. Warum sind diese Texte auch für heutige Leserinnen und Leser noch relevant?

Stefan Weidner: Das alles sind allgemein menschliche Erfahrungen, Probleme, Gefühle, heute wie damals. Zu sehen, wie Menschen früher, unter ganz anderen Bedingungen, damit umgingen, ist hochinteressant und bewegend. Diese Texte zu lesen und tatsächlich zu verstehen, ist ein Erlebnis der besonderen Art. Wir begreifen auf einmal, dass wir dieselben Wesen, dieselben Menschen sind, trotz aller neuen technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Das ist eine sehr wertvolle Erkenntnis.

Sie übersetzen und vermitteln seit vielen Jahren arabische Literatur für ein deutschsprachiges Publikum. Wie hat sich das Interesse an arabischer Kultur in Deutschland verändert?

Stefan Weidner: Das Interesse verläuft in Wellen, fast wie die Börsenkurse, wobei das Interesse über einen längeren Zeitraum betrachtet stetig zunimmt, ebenfalls wie die Werte an der Börse. Politische Entwicklungen spielen eine Rolle, positiv, aber auch negativ. Für mich ist es wichtig, sich nicht von kurzfristigen Schwankungen beeinflussen zu lassen. Ausdauer und Kontinuität zahlen sich immer aus, auch auf dem Gebiet der Literatur- und Kulturvermittlung. Heute kennen wir die arabische Literatur viel besser als vor 35 Jahren, als ich meine Arbeit begonnen habe.

Stefan Weidner

Stefan Weidner

Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser aus „Der arabische Diwan“ mitnehmen?

Stefan Weidner: Ich versuche, den Lesern nahezubringen, dass diese Literatur, diese Poesie auch ihre eigene ist, und das obwohl sie aus einer anderen Zeit und einer anderen Weltgegend stammt. Diese Poesie ist ein Teil auch des westlichen Erbes. Seit sie in Europa bekannt wurde, vor rund 250 Jahren, haben unsere Dichter und Gelehrten das verstanden und sich intensiv damit beschäftigt. Goethe war dabei nur einer von vielen. Das heißt: Ohne die Kenntnis dieser Poesie können wir auch unsere eigene Literaturgeschichte nicht vollständig erzählen.

Der Sheikh Zayed Book Award versteht sich als Brücke zwischen Kulturen und fördert die internationale Sichtbarkeit arabischer Literatur. Welche Bedeutung haben solche Initiativen heute für den kulturellen Dialog zwischen der arabischen Welt und Europa?

Stefan Weidner: Ich halte den SZBA und ähnliche Initiativen für eminent wichtig. Keine Kultur, keine Literatur kommt heute ohne institutionelle Förderung aus, auch die westliche nicht. Die arabische Welt hat das anerkannt und wird ihrer Verantwortung für ihr kulturelles Erbe gerecht. Kultur und Bildung sind keine Nebensache, sie sind die Essenz. In der arabischen Welt versteht man das. Im Westen demnächst hoffentlich auch wieder.

 

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