Kolumne von Martina Bergmann

Die weiteren Aussichten

29. Dezember 2021
von Börsenblatt

Martina Bergmann glaubt nicht, dass irgendwo sonst im Einzelhandel Emotionen den Alltag so elementar prägen wie im Buchhandel. In dieser letzten Kolumne blickt die Buchhändlerin und Autorin aus Borgholzhausen auf ihr Jahr zurück. 

Martina Bergmann, Autorin und Buchhändlerin aus Borgholzhausen.

Die Redakteurin sagte: "Du kannst nicht immer so tun, als mache dir das alles gar nichts aus. Als sei Corona eine Seuche, die um Borgholzhausen einen Bogen macht." Ich stimmte zu. Ich finde auch, dass man nach zwei Jahren unter ungewöhnlichsten Bedingungen nicht so tun muss, als sei alles wie immer; business as usual. Aber was ist schon normal? Der Standard des vergangenen Jahrzehnts lautete höher, schneller, weiter. Unbedingt sechs Tage die Woche vom Barsortiment beliefert werden, ein Dutzend hochkarätiger Veranstaltungen aus dem Ärmel zaubern, jedes Jahr. So wurde geredet, und es betraf mich nicht.

Ich hatte über Jahre zwei Pflegefälle in meinem Haushalt, und ich hatte weder Zeit noch Kraft, über den Standardbetrieb hinaus sehr viel zu tun. Ich mag meine Menschen hier, und das ist wahrscheinlich zu simpel, um als Konzept durchzugehen. Es ist aber die Wahrheit. Zufällig endete die Pflegephase, kurz bevor Corona losging. Und nein, die Pandemie hat um Borgholzhausen keinen Bogen gemacht. Personen, die schon vorher viel dummes Zeug geredet haben, kanalisieren dieses lehrbuchmäßig in Impfprotest. Religiöse Milieus, deren Sonderlichkeiten über Frauen und die Freiheit ich über Jahre gründlich zu misstrauen gelernt habe, bestätigen täglich jeden Vorbehalt, den man heimlich oder offen gegen sie hegt.

Wir müssen der erschöpften Gesellschaft die Bücher verkaufen, die sie braucht, und dazu so viele Leuchtmittel und andere Geschenke, dass am Jahresende keine rote Zahl erscheint.

Sichtbarste Coronafolge? Mehr Umsatz bei Postkarten und Kerzen

Nur: Wie viel davon betrifft die Buchhandlung? Die sichtbarste Coronafolge ist ein sprunghaft gestiegener Umsatz in Postkarten und Kerzen, also in Bildern und Licht. Das ist schön und kompensiert, was bei den Taschenbüchern liegenbleibt. Ob die Leute weniger lesen? Ich weiß es nicht. Ich war immer unsicher, ob all die Stapel wirklich durchgelesen würden, die meine und andere Buchhandlungen verließen. All die aufgeblähten Buchleiber, darin die jährliche Zeh, der ständige Precht. Ich dachte oft bei mir, ich lese von Berufs wegen schnell. Aber ich lese, wenn ich viel Zeit habe, drei Bücher in der Woche.

Wenn also der Bucherwerb sich dem Buchverzehr wieder angenähert haben sollte, wäre das keine besonders gute oder schlechte Nachricht. Es wäre normal. Und mit dieser Normalität müssen wir in dem kommenden Jahr Geschäfte machen. Ich sehe nicht, dass es schnell viele oder gar große Veranstaltungen geben wird. Ich sehe keine Events, auch eher keine Messe. Wir müssen der erschöpften Gesellschaft die Bücher verkaufen, die sie braucht, und dazu so viele Leuchtmittel und andere Geschenke, dass am Jahresende keine rote Zahl erscheint.

Ich glaube nicht, dass in Handyläden oder beim Fahrradgeschäft, dass überhaupt irgendwo sonst im Einzelhandel Emotionen den Alltag so elementar prägen wie bei uns. Das stimmt mich zuversichtlich.

Ich sehe aber auch die Zuneigung. Während ich Ihnen diese Kolumne schreibe, sind noch sieben Weihnachtskarten eingetroffen, und ich bin an meinem Computer in einer Kulisse von Gaben. Ich glaube nicht, dass in Handyläden oder beim Fahrradgeschäft, dass überhaupt irgendwo sonst im Einzelhandel Emotionen den Alltag so elementar prägen wie bei uns. Das stimmt mich zuversichtlich. Gute Gefühle allein bezahlen keine Rechnung. Aber sie sorgen dafür, dass wir neben Amazon und irgendwelchen Buchkaufhäusern unsere jeweiligen Nischen behalten, in denen wir nun eben warten, was die Zeit so mit sich bringt.