Deutscher Buchhandlungspreis

"Ein inakzeptabler Vorgang"

5. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Zur Streichung von drei Buchhandlungen von der Nominierungsliste zum Deutschen Buchhandlungspreis durch den Beauftragten für Kultur und Medien liegen nun auch Stellungnahmen vom Ausschuss für den Sortimentsbuchhandel im Börsenverein und von der IG Meinungsfreiheit vor. Jo Lendle, Vorsitzender des Ausschusses für Verlage, äußert sich in einem Gastbeitrag in der "Süddeutschen Zeitung".

Christiane Schulz-Rother, Martin Riethmüller und Christian Liesegang geben für den Sortimenter-Ausschuss folgende Stellungnahme ab:

„Wir, die Vertreterinnen und Vertreter des stationären Buchhandels im Börsenverein, äußern uns mit großer Sorge über die Art und Weise, wie der Ausschluss dreier von einer unabhängigen Fachjury nominierter Buchhandlungen vom Deutschen Buchhandlungspreis gehandhabt wurde. Dass diese Buchhandlungen nachträglich von der Preisliste gestrichen wurden, wirft ernsthafte prozessuale Fragen auf und berührt die Grundwerte unserer Branche.

Wir kritisieren nicht, dass bei der Vergabe von staatlichen Fördermitteln und Auszeichnungen grundlegende Voraussetzungen geprüft werden dürfen und die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien gewahrt bleiben muss. Was wir jedoch entschieden kritisieren, ist die konkrete Ausgestaltung und Anwendung des sogenannten ,Haber-Verfahrens'.  Die Art und Weise der Umsetzung ist für uns nicht akzeptabel.

Unsere Kritik richtet sich insbesondere gegen folgende Punkte:

 * Öffentliche Stigmatisierung ohne rechtliches Gehör: Es ist ein inakzeptabler Vorgang, dass die betroffenen Buchhandlungen von der Liste gestrichen und öffentlich als ausgeschlossen markiert werden, ohne dass sie im Vorfeld die Möglichkeit hatten, sich zu äußern. Ein faires Verfahren zwingt dazu, dass Betroffene gehört werden und die Chance erhalten, Vorwürfe zu entkräften, bevor öffentliche und geschäftsschädigende Konsequenzen gezogen werden.

 * Mangelnde Transparenz: Das Haber-Verfahren entbehrt in seiner derzeitigen Form der notwendigen Nachvollziehbarkeit, Transparenz und Objektivität. Den betroffenen Einrichtungen werden die konkreten, auf nachrichtendienstlichen Einschätzungen basierenden Vorwürfe nicht transparent mitgeteilt. Wenn Beurteilungen im Verborgenen über Kulturförderungen entscheiden, schwindet das Vertrauen in verlässliche Vergabestrukturen und ist die Vielfalt bedroht, die damit gewahrt werden soll.

Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit in Gefahr

Unsere Branche steht wie kaum eine andere für Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit. Buchhandlungen sind unverzichtbare Orte für den offenen, demokratischen Diskurs und die Publikationsfreiheit. Durch ein Vorgehen, das unabhängige Buchhandlungen aufgrund intransparenter Überprüfungen öffentlich diskreditiert, sehen wir diese fundamentalen Werte bedroht. Wenn eine Atmosphäre des behördlichen Misstrauens geschaffen wird, schadet dies der literarischen und gesellschaftlichen Vielfalt in unserem Land nachhaltig.

In diesem Kontext schließen wir uns vollumfänglich der Position unseres Börsenvereinsvorstehers Sebastian Guggolz an:

  • ,Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab.'
  • Ein Kulturpreis wie der Deutsche Buchhandlungspreis muss primär dem kulturellen Engagement, dem buchhändlerischen Konzept und der literarischen Vielfalt vor Ort gelten.

Wir stellen uns nachdrücklich solidarisch an die Seite der betroffenen Buchhandlungen. Vom Kulturstaatsministerium fordern wir unmissverständlich: Legen Sie umgehend transparente und nachvollziehbare Belege für diesen schwerwiegenden Schritt und die Vorwürfe vor – oder nehmen Sie die Streichung von der Preisliste sofort zurück. Ein fairer, rechtsstaatlicher Prozess und der Schutz der Unabhängigkeit des Buchhandels dulden keine Kompromisse."

Helga Frese-Resch

Helga Frese-Resch ist stellvertetende Verlegerin bei Kiepenheuer & Witsch in Köln und Co-Sprecherin der IG Meinungsfreiheit im Börsenverein.

Stellungnahme der IG Meinungsfreiheit

Helga Frese-Resch und Michael Lemling erklären für die IG Meinungsfreiheit:

„Die IG Meinungsfreiheit missbilligt die Entscheidung des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, drei bereits nominierte Buchhandlungen von der Auszeichnung für den Deutschen Buchhandlungspreis auszuschließen und fordert die Rücknahme dieser Entscheidung.

Die ,Rote Strasse' in Göttingen, der ,Golden Shop' in Bremen und die ,Schwankende Weltkugel' in Berlin sind angesehene Mitglieder unserer Buchbranche und machen auf überzeugende Weise in ihren Buchhandlungen die Vielfalt unserer Branche und unserer Buchkultur sichtbar. Dafür wurden sie in den zurückliegenden Jahren – völlig zurecht – mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

In einem völlig intransparenten Verfahren wurden sie jetzt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien von der Liste preiswürdiger Buchhandlungen, die eine unabhängige Jury erstellt hatte, gestrichen, da über sie angeblich ,verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse' vorliegen. Um welche Erkenntnisse es sich hier handelt, darüber schweigen der Verfassungsschutz ebenso wie die Behörde des Kulturstaatsministers.

Die betroffenen Buchhandlungen werden so öffentlich an den Pranger gestellt. Ihnen wird jegliche Möglichkeit genommen, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Sie müssen zudem einen erheblichen Imageschaden in ihrem jeweiligen lokalen Umfeld befürchten. Die IG Meinungsfreiheit fordert den Kulturstaatsminister auf, seine Entscheidung zu revidieren.

JO Lendle sitzt mit ernstem Gesichtsausdruck am Schreibtisch

Jo Lendle

"Kulturpreise sind kein Ort der Terrorabwehr"

Hanser-Verleger Jo Lendle, der außerdem Vorsitzender des Verlegerausschusses im Börsenverein ist, war in der Vergangenheit selbst Teil der Jury zum Deutschen Buchhandlungspreis und sei vier Jahre lang "immer wieder überwältigt vom Engagement der Bewerbungen und von der Unermüdlichkeit der hinter  – beziehungsweise in – den Läden stehenden Menschen" gewesen. In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung erklärt er u.a.:

"Ein Hauch von McCarthy weht durchs Land. Kein schöner Geruch. Wer je aus eigener Anschauung erleben wollte, wie gesellschaftliche Freiheit beschnitten wird, kann sich gerade sattsehen. Ich fürchte, der Kulturstaatsminister muss sich entscheiden: Gäben die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes Anlass, in Buchhandlungen eine Bedrohung für die Bundesrepublik zu erkennen, müsste die Regierung Maßnahmen zum Einhegen der Gefahr ergreifen. Das aber ist offenbar nicht der Fall. Kulturpreise sind kein Ort der Terrorabwehr."

Zum Beitrag in der SZ: Von wegen Freiheit: Jo Lendle über das Haber-Verfahren beim Buchhandlungspreis - Kultur - SZ.de