"Das Wie ist die Hauptsache"
Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz hat die Fokustage in Frankfurt am Main eröffnet. Das Börsenblatt veröffentlicht seine Rede im Wortlaut.
Sebastian Guggolz
Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz hat die Fokustage in Frankfurt am Main eröffnet. Das Börsenblatt veröffentlicht seine Rede im Wortlaut.
Sebastian Guggolz
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich komme gerade aus Hamburg, wo am Montagabend der Deutsche Sachbuchpreis verliehen wurde. In der Elbphilharmonie wurde, Sie werden es mitbekommen haben, Konstantin Richter für "Dreihundert Männer", mit dem Preis für das beste Sachbuch des Jahres ausgezeichnet, für ein glänzend erzähltes Buch über die Geschichte der deutschen Großunternehmen.
Das Spektrum der Themen der acht in diesem Jahr nominierten Sachbüchern war unglaublich vielfältig und eigentlich nicht unter einen Hut zu bekommen. Es konnte einem schwindlig werden, angesichts der Fülle an Themen, Problemen, Fragen und Antwortversuchen. Doch die Stimmung, auch unter den acht Nominierten, war vor, während und auch nach der Preisverkündung hervorragend, freundlich und zugewandt, aneinander interessiert. Sie standen jeweils für ihre eigene Sache ein, jeweils für ihr eigenes Buch, aber sie waren auch den anderen Mitnominierten gegenüber nicht verschlossen, ganz im Gegenteil, es herrschte reger Austausch und großer kollegialer Respekt.
Genau eine solche Atmosphäre ist es, die ich mir bei den diesjährigen Fokustagen erwarte und die ich hier, beim Ankommen und bei den optimistisch stimmenden Begrüßungsritualen, auch schon sehe. Bestimmtheit im eigenen Feld, Sachlichkeit, das Vertreten eines Standpunkts und einer Perspektive, die aber nicht die anderen übertrumpfen oder an die Seite drängen will. Sondern den anderen oder die andere hören will. Zugewandtheit, das wäre mein Zauberwort, Zugewandtheit und Aufgeschlossenheit und ehrliches Interesse an anderen Positionen.
Denn neben der Sache – oder den Sachen –, um die es immer gehen muss und um die es hier auch ganz bestimmt sehr umfassend gehen wird – ich freue mich schon sehr auf all die Einblicke, Diskussionen, Impulse und Ergebnisse der kommenden Tage –, neben der Sache gibt es auch noch die Frage der Atmosphäre.
Nicht nur: ÜBER WAS WOLLEN WIR SPRECHEN, was wollen wir angehen, sondern auch: WIE WOLLEN WIR MITEINANDER SPRECHEN, wie wollen wir miteinander umgehen und uns miteinander auseinandersetzen, auf welche Weise wollen wir gemeinsam zu den besten Ergebnissen kommen. Die Frage des WIE ist keine nachrangige Sache, vielleicht ist es eigentlich sogar die Hauptsache.
Man sieht es gerade in unserer Bundespolitik, wie schief das WIE gehen kann. Wenn man nur über Fragen der Kommunikation, der Ansprache und des Umgangs miteinander und über Missverständnisse streitet, wird es fast unmöglich, noch fundiert und ernsthaft über die Frage des WAS zu sprechen. Wenn Fragen der Eitelkeit und der Hierarchie und der Kränkung und der Komplexe und der Rechthaberei und des Machtrausches, Fragen des Gegeneinander und der Abgrenzung in den Vordergrund treten, das sieht man exemplarisch derzeit in der Bundespolitik, dringt man kaum mehr bis zur Sache durch.
Ein Glück, dass das hier anders ist.
Denn ihr alle, die Interessengruppen mit ihrer Expertise, die gesättigt ist von praktischer Erfahrung und tiefer Kenntnis der Sache, ihr alle seid ein elementarer Bestandteil des Börsenvereins. Ihr macht den Börsenverein aus. Ihr seid der Börsenverein. In den IGen Digital, Nachhaltigkeit und Ratgeber und Reise wird nicht nur die Zukunft der Branche, sondern auch die des Börsenvereins verhandelt. Oder ist es umgekehrt? Wird in diesem Maschinenraum nicht nur über die Zukunft des Börsenvereins, sondern auch über die Zukunft der Branche verhandelt? Und, um das Pathos noch eine Umdrehung weiterzuschrauben: Es geht natürlich bei all dem immer auch um die Zukunft unserer Gesellschaft, der ganz generellen Frage, wie wir denn künftig leben wollen.
Der Ton macht die Musik, heißt es, und da ist sicherlich etwas dran. Aber es ist nicht erschöpfend beschrieben mit diesem Sprichwort, die Musik wird noch von etlichem mehr als nur dem Ton ausgemacht. Die Melodie etwa spielt auch eine Rolle, oder auch der der Raum, der Rahmen, in dem sie gespielt wird. Und nicht zuletzt sind es natürlich auch die einzelnen Musikerinnen und Musiker, die die Töne erzeugen und somit einen maßgeblichen, einen entscheidenden Beitrag zur Musik beitragen.
Lasst uns, den Börsenverein und seine IGen, als Orchester auftreten in den kommenden Tagen, mit Rede, Widerrede, mit Impulsen und Gegenimpulsen, mit offenen Fragen, Einschätzungen und Diskussionen. Aber orchestriert, immer im Bewusstsein, dass wir alle gemeinsam am gleichen Musikstück mitwirken, dass das Ganze nur gelingen kann, wenn wir aufeinander hören – wenn wir auch mal aufeinander warten und uns ein anderes Mal gegenseitig zur Bewegung anspornen und antreiben –, und dass jede Stimme, jeder Ton, jeder und jede Teilnehmende an diesen Fokustagen ein mitentscheidender Bestandteil des großen Ganzen ist.
Ich wünsche uns allen reichhaltige und ergiebige Fokustage.