Börsenblatt Young Excellence Award

Harriet Dohmeyer: Bücher mit Gestaltung und Haltung

23. Juni 2026
Jule Heer

Aus dem Wunsch, ein Buch über Hamburg zu veröffentlichen, entstand gleich ein ganzer Verlag. Inzwischen verlegt Gründerin Harriet Dohmeyer bei Ankerwechsel seit neun Jahren aufwendig gestaltete Bücher, die vor allem eines verbindet: die neugierige, offene Haltung. Die Verlegerin ist für den #yeaward26 nominiert.

Porträtfoto von Harriet Dohmeyer

Harriet Dohmeyer

Vom eignen Buch zum eigenen Verlag

Als Harriet Dohmeyer ihrem Dozenten nach den Sommer-Semesterferien erzählt, dass sie einen Printverlag gründet, reagiert dieser zunächst überrascht. Sie studiert Digitale Kommunikation, ist entsprechend viel im Digitalen unterwegs – und entscheidet sich trotzdem für das gedruckte Buch. Für Dohmeyer stellt das keinen Widerspruch dar. Im Gegenteil. Gerade weil sie die digitale Welt gut kennt, weiß sie den Wert von Büchern zu schätzen. Seit inzwischen neun Jahren leitet sie den Ankerwechsel Verlag in Hamburg – die meiste Zeit davon allein, seit einem Jahr mit zusätzlicher Unterstützung durch eine Teilzeitassistenz, Andrea Wandinger. Außerdem arbeitet sie mit freien Mitarbeiter:innen zusammen, denen sie einzelne Aufgaben überträgt, sowie mit der Berliner Presseagentur Kirchner Kommunikation.

Geboren im niedersächsischen Buchholz im Hamburger Umland, fängt Dohmeyer nach dem Abitur im Alter von 18 Jahren an zu studieren. Technische Betriebswirtschaftslehre und Marketing. Eigentlich hätte sie aus dem persönlichen Interesse heraus gern Fotografie studiert, aber: "Von außen habe ich viel gehört: Mach was Ordentliches statt einer brotlosen Kunst!" Das hat zur Folge, dass sie sich während des Studiums oft fragt: "Was mache ich hier eigentlich?" Erst später, nach der Gründung des Verlags, zeigt sich für sie der rote Faden in ihrem Lebenslauf. Initial dafür ist der Wunsch, ein eigenes Buch zu veröffentlichen.

Neben dem Bachelor-Studium macht sie ein Praktikum im Marketing bei Gruner und Jahr und stellt fest, dass die Einblicke in Print-Magazine für sie sehr spannend sind. Außerdem bloggt sie schon seit der Schulzeit, postet auch viel über Städte und die Menschen und Orte, die in ihnen eine Rolle spielen. In den Sommer-Semesterferien ihres Masters denkt sie immer öfter über die Idee nach, ein Buch über Hamburg zu schreiben. Wieso direkt im eigenen Verlag? "Von vielen anderen Bloggern habe ich mitbekommen, dass sie unzufrieden mit den Entscheidungen des Verlags waren. Deshalb wollte ich alles selbst gestalten. Auch wenn ich inzwischen natürlich weiß, wieso ein Verlag so viel mitzureden hat."

Ansprüche und Abstriche

Von Anfang an war ihr wichtig, nachhaltig zu produzieren, vor allem in Deutschland zu drucken, mit ihren Büchern nicht bei Amazon zu sein und eng mit dem unabhängigen Buchhandel zusammenzuarbeiten. "Ich hatte geradezu utopische Vorstellungen", sagt die Verlegerin. Heute weiß Dohmeyer, dass die Realität komplexer ist. Nachhaltigkeit, faire Bezahlung und wirtschaftliches Arbeiten sind oft nicht in dem Maße miteinander vereinbar, wie sie es sich wünschen würde.

Auch Abstriche musste sie für ihre Ziele in Kauf nehmen: Um für unabhängige Buchhandlungen besser zugänglich zu sein, arbeitet Ankerwechsel inzwischen mit den Großhändlern zusammen – und ist dadurch auch auf Amazon vertreten. "Es ist nicht so klar schwarz-weiß", sagt sie.

Eine neugierige, offene Haltung

Etwa zwei Bücher verlegt sie pro Frühjahrs- und Herbstprogramm, darunter Belletristik, Kinderbücher, Graphic Novels, die Stadtführer-Reihe "Hallo" sowie Sachbücher. Was sich durchzieht ist eine neugierige, offene Haltung. "Die Themen sind nah am alltäglichen Leben und die Bücher gestaltungsstark", erklärt Dohmeyer. Zum Einsatz kommen Fotografien, Illustrationen, eine prägnante typografische Gestaltung und als Besonderheit bei einigen Büchern eine offene Fadenbindung.

"Unser Anspruch ist es, reflektierte Bücher zu machen – aber ohne erhobenen Zeigefinger, sondern fragend und einladend." So vermittele das erzählende Sachbuch "Das, was da ist", in dem es um Handwerk, Material und kreative Nachhaltigkeit geht, die Haltung, dass wir alle Teil des Konsums sind – ohne Schuldzuweisung, sondern mit dem Blick auf gemeinsame Verbesserungen, etwa durch Recycling. Der Titel wurde gerade von der Stiftung Buchkunst als eines der 25 Schönsten Deutschen Bücher 2026 ausgezeichnet.

Der Name Ankerwechsel steht für Dohmeyer für beides: für Werte und Haltung, die fest verankert sind, und zugleich fürs Hinterfragen, Reflektieren und Weiterdenken.

Unser Anspruch ist es, reflektierte Bücher zu machen – aber ohne erhobenen Zeigefinger, sondern fragend und einladend.

Sichtbarkeit und Erfolge

"Ich verstehe uns als Publikumsverlag und will eine breite Zielgruppe mit unterschiedlichen Altersgruppen ansprechen." Die passenden Leser zu erreichen, bleibt im Indie-Bereich harte Arbeit: Neben Programmplanung und Projektbetreuung gehören deshalb auch Social Media, Newsletter, Pressearbeit und Öffentlichkeitsarbeit zum Alltag des Verlags.

Dass die Bücher ankommen, zeigt sich durch jüngste Erfolge. Das Kinderbuch "Boah, was für ein Fahrrad!?" war zum Beispiel für den Deutschen Kinderbuchpreis nominiert, und die Erzählung "Vorwiegend festkochend", die Ankerwechsel nach ihrer Auszeichnung mit dem Hamburger Literaturpreis ins Programm holte, gilt manchen Buchhändler inzwischen als Indie-Bestseller.

Ganz aktuell sucht der Verlag nach einer Verlagsvertretung, die sich für Indie-Verlage und für visuell wie inhaltlich anspruchsvolle Bücher begeistert und das Programm noch weiter in den Buchhandel trägt.

Engagement in der Branche

Neben der Arbeit im Verlag selbst engagiert sich Dohmeyer ehrenamtlich auch im Aktionsbündnis Verlage gegen Rechts. "Das ist für mich wichtiger Teil meiner Arbeit. Wer unternehmerisch handelt, kann das nicht unpolitisch machen." Im Bündnis übernahm sie lange vor allem Kommunikationsarbeit: Sie hat den Instagram-Account der Initiative aufgebaut, an der Neukonzeption der Website mitgearbeitet und mit anderen Kampagnen wie Plakataktionen angestoßen, um Menschen in der Buchbranche darin zu unterstützen sich für einen wachen, vielfältigen und solidarischen Literaturbetrieb zu positionieren.

Außerdem hat sie Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse organisiert, unter anderem zu Themen wie Klassismus, Ableismus und Barrieren in der Buchbranche. Am meisten freut sie heute, wie die Initiative in den letzten Jahren gewachsen ist. Auch in der Liste unabhängiger Verlage in Hamburg ist sie aktiv. "Einmal im Jahr organisieren wir einen eigenen Buchmarkt im Dezember."

Dieses Jahr wird Dohmeyer auch bei den "5 to Watch" ausgezeichnet, dem Preis der BücherFrauen, der Persönlichkeiten der Buchbranche für ihr Engagement und ihre neuen Impulse würdigt. Und sie ist seit 2025 Teil des Organisationsteams der HAM.LIT, der langen Nacht junger Literatur und Musik in Hamburg. Die findet im Hamburger Bunker statt, auf den Harriet Dohmeyer blickt, wenn sie in ihrem Büro am Fenster steht. Das Büro teilt sie sich mit Freischaffenden, an die sie Schreibtische untervermietet. "Mich mit anderen Gründer und Selbstständigen auszutauschen, ist sehr wertvoll für mich."

Wer unternehmerisch handelt, kann das nicht unpolitisch machen.

Vom WG-Zimmer zur Verlegerin

Das eigene Büro war nicht immer Schauplatz des Verlags: In den ersten Jahren hat die Verlegerin die Bücher noch im eigenen WG-Zimmer gelagert, heute sind Lagerung und Versand an die Göttinger Verlagsauslieferung ausgelagert.

Wenn sie auf die vergangenen neun Jahre zurückblickt, erkennt sie, dass sie nach und nach in die Rolle der klassischen Verlegerin hineingewachsen ist – und dass sie genau diese Arbeit heute erfüllt. Aber zugleich gilt: "Ich lerne immer noch richtig viel und glaube, das wird auch nie aufhören. Ich liebe es, mich bei jedem Projekt neu und tief in Themen einzuarbeiten."

Kurzvita

Harriet Dohmeyer
1995 geboren in Buchholz in der Nordheide, Niedersachsen
2013-2017 Studium der Technischen BWL/Marketing (B.Sc.) an der HAW Hamburg
2015/16 Praktikum und Werkstudentin bei Gruner + Jahr, Hamburg
2016

Start in die Selbstständigkeit (Text, Fotografie, Kommunikation und Lehre)

2017-2020 Studium der Digitalen Kommunikation (M.A.) an der HAW Hamburg, Abschlussarbeit über Straßenzeitungen im Zeitalter der Digitalisierung
seit 2017 Gründerin und Verlegerin des Ankerwechsel Verlags, Hamburg
2019–2021 Lehrauftrag für Visuelle Kommunikation an der Universität Tübingen
seit 2025 im Organisationsteam der HAM.LIT, der langen Nacht junger Literatur in Hamburg

 

Über den Börsenblatt Young Excellence Award

Der Börsenblatt Young Excellence Award ehrt herausragende Persönlichkeiten bis 35 Jahre, die in der Buchbranche etwas bewegen – sei es in einer Buchhandlung, im Verlag, bei einem Dienstleistungsunternehmen oder in Selbständigkeit. Das Fachmagazin Börsenblatt vergibt die Auszeichnung zusammen mit den Unternehmen der Börsenvereinsgruppe: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurter Buchmesse, Mediacampus Frankfurt und MVB. Die future!publish unterstützt den #yeaward26 als Partner. 10 Young Professionals sind nominiert: www.young-excellence-award.de