Bundesfinale Vorlesewettbewerb

Henri Wüstenberg ist der beste Vorleser 2026

24. Juni 2026
Jule Heer

560.170 Schüler:innen aus 7.195 Schulen haben am Vorlesewettbewerb 2025/26 teilgenommen: Das große Finale am 24. Juni, das erstmals im Europa-Park stattfand, hat Henri Wüstenberg aus Nordrhein-Westfalen für sich entschieden. 

Henri Wüstenberg mit dem Maskottchen des Europaparks, einer großen Maus in Sportanzug

Henri Wüstenberg, Sieger des Vorlesewettbewerbs 2026  

Es ist 11 Uhr, die Thermometer zeigen bereits über 30 Grad an, im Europa-Park in Rust ertönt adrenalingeladenes Kreischen, wann immer eine der zahlreichen Achterbahnen und Wasserbahnen in die Tiefe stürzt. Zwischen skandinavisch anmutenden Dörfern und weißen Häusern mit blauen Fensterläden im griechischen Themenbereich liegt das "Holland" des größten Freizeitparks Deutschlands. Hier warten 16 Kinder bereits auf ihren großen Auftritt auf der Bühne des Junior Club Studios. Unter bunten Scheinwerferlichtern, Diskokugeln und zwischen Wimpelketten sitzen im Zuschauerraum die Familien zur Unterstützung. Dem ersten Probeapplaus vor offiziellem Beginn kann man unschwer anhören, wie groß die Vorfreude und Begeisterung der Anwesenden ist. 

Vorlesewettbewerb Studio

Die Bühne des Junior Club Studios

 

"Wir sind sehr glücklich, dass wir zum ersten Mal mit dem Europa-Park zusammenarbeiten dürfen", sagt Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz. Er gibt zu: "Ich bin wahrscheinlich genauso aufgeregt wie ihr. Ich habe euch ja noch nie lesen gehört." Die Kinder hingegen seien bereits Profis - immerhin liegen schon mehrere Runden hinter ihnen, in denen sie sich für das große Finale des Vorlesewettbewerbs am 24. Juni qualifiziert haben. 

Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz

Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz

Wenn aus Buchstaben Bilder werden

Nicht nur Freunde und Familie sind zur Unterstützung dabei, sondern sogar ein Alpaka, wie Moderator Simón Albers mit Blick auf die wartenden Finalist:innen feststellt. Mit tobendem Applaus holt er schon kurz darauf die 16 Sechstklässler:innen auf die Bühne. Gegen weitere 560.156 Teilnehmer:innen bundesweit haben sie sich im Vorfeld durchgesetzt, sodass sie heute jeweils drei Minuten im Finale vorlesen dürfen – und sodass eine oder einer von ihnen am Ende als beste Vorleserin oder bester Vorleser des Jahres ausgezeichnet wird.

"Das ist so eine Wahnsinnstimmung hier im Europa-Park in Rust. Ihr strahlt so viel positive Energie aus!", sagt Juror Wolfram Kons (Journalist und Moderator). Juryvorsitzender Tim Gailus (Moderator und Hörbuchsprecher) erklärt "Wir achten heute vor allem darauf, ob aus Buchstaben Bilder werden - nicht darauf, ob jedes Wort perfekt getroffen wird".

Die Messlatte liegt hoch

Den Anfang macht Gretel Kopp (Robert-Schumann-Schule; Sachsen). "Eine schwere Aufgabe", findet sie - und wäre lieber in der Mitte dran. Doch die Jury ermutigt sie: "Versprecher spielen keine Rolle." Der Aufregung zum Trotz liest Gretel mit ruhiger Stimme aus "Fay Melody – Die magische Musikakademie". Die Gedanken der Protagonisten erweckt sie mit Betonung an den richtigen Stellen zum Leben. Zweifel und Neugier werden hörbar, die magische Welt für die Zuhörer:innen fast greifbar. "Du hast die Messlatte gerade richtig hoch gelegt", findet Wolfram Kons. "Das fand ich sehr beeindruckend, wie du, wenn etwas geheimnisvoll ist, es geheimnisvoll machst. Wenn etwas verboten ist, machst du es verboten", lobt Wolfram Kons.

Zahra Arwa Merdivan aus Baden-Württemberg (Josef-Schwarz-Schule) suchte sich den Feel-Good-Fantasyband "Regenzaubermarkt" (Ueberreuter), einen Bestseller des südkoreanischen Autors You Yeong Gwang, aus. Mit eindringlicher Stimme liest sie daraus einen mysteriösen Brief vor. "Du hast an einer ganz fiesen Stelle aufgehört – ich würde jetzt gern weiterlesen", meint Autorin und Podcasterin Josi Wismar, die erstmals in der Jury mit dabei ist. Mit je nach Textstelle einem Lächeln auf den Lippen, dann wieder mit aufgerissenen Augen liest Lotta Wunder (Integrierte Gesamtschule Melle; Niedersachsen) vor. Wörter wie "kerzengerade" spricht sie aus, als würden sie ihr auf der Zunge zergehen, und setzt gezielt Pausen ein, jagt dann weiter atemlos durch die Zeilen. "Vor allem habe ich mir notiert, dass du richtig gut betont hast", sagt Vorjahresgewinnerin und in diesem Jahr auch Jurorin Ayla Uluçam.

Lausbübisch mit Spannungsbögen

Rotzfrech und lausbübisch ist der Ich-Erzähler aus "Ein Huhn kommt selten allein" - und genauso spiegelt ihn der saarländische Landessieger Bela Schwäbe (Gemeinschaftsschule am Warndtwald). Er spricht nicht nur, er singt auch, wo das Buch es erfordert, wird laut, zieht Wörter in die Länge, haucht den Gedanken des Protagonisten Leben ein. Wie die Insel in "Erde 13 - Aufbruch ins Ungewisse" aussieht, was dort Aufregendes vor sich geht, vermittelt Johanna Fricke (Detlefsengymnasium; Schleswig-Holstein) eindrücklich. Die Irritation und die Ungläubigkeit schwingen in ihrer Stimme deutlich mit. Während sie liest, schießt ein Plakat von Johannas persönlichem Fanclub in die Höhe, das sie anfeuert. "Hast du selbst die Reise gemacht oder war das der Autor Andreas Langer?", fragt Wolfram Kons; so überzeugend habe sie aus der Geschichte vorgetragen. Emma Schmidt aus Thüringen (Gymnasium Bergschule) befindet sich schon vor dem Lesen im Vorlesemodus, stellt das Buch emotionsreich vor; beim Lesen wechselt sie sicher zwischen den Tonlagen der Figuren, ihre Mimik und Gestik begleiten ihre Inszenierung. "Ist das ein Hörbuch oder eine Serie? Ich habe das Chaos der Familie vor mir gesehen!", begeistert sich Josi Wismar für Emmas Auftritt.

"Wie ist das Gefühl, ein ganzes Bundesland zu vertreten?", will Simón Albers von Noam Billie Fuchs (Giebichenstein-Gymnasium "Thomas Müntzer"; Sachsen-Anhalt) wissen. "Es fühlt sich eigentlich gar nicht so an", antwortet die Finalistin bescheiden. Ebenso unaufgeregt gibt sie anschließend eine Textstelle aus "Die verborgenen Bilder" von Maja Illisch wieder, setzt exakt die passenden Pausen und zieht Spannungsbögen. "Lasst uns Maja Illisch kontaktieren und ihr vorschlagen, dass Noam das Hörbuch einliest!", lobt Juror Tim Gailus, der auch KiKa-Moderator ist. Für Berlin tritt Clara Wüst (Sonnenblumen-Grundschule) im Finale an. Sie liest mit deutlichem Gespür für Komik: Figuren verleiht sie ihren eignen Ton, und für einen kurzen Moment rutscht sie – passend zur Szene – ins Berlinerische. "Das hast du wunderbar vorgelesen", lobt Ayla Uluçam, die letztes Jahr ebenfalls für Berlin angetreten ist.

Vorlesen in der Achterbahn

Eine besondere Challenge hat Ayla Uluçam den Moderator:innen Simón Albers und JuKi im Vorfeld des Finales mitgebracht. Aus "Das fliegende Klassenzimmer" von Erich Kästner sollten die beiden in der Achterbahn vorlesen – und zwar fehlerfrei. Geklappt hat das natürlich nicht, wie die Zuschauer:innen in der Pause auf den Bildschirmen mitverfolgen dürfen. Loopings zum Trotz versuchten sie, die Stelle vorzutragen; heraus kam dabei eher ein Schreien und Stottern.

Nach der Pause geht es direkt weiter mit Henri Wüstenberg aus Nordrhein-Westfalen (Städt. Max-Planck-Gymnasium). Er geht richtig mit, die gesamte Mimik zeigt, wie er sich in die Figuren einfühlt. Ausgewählt hat er ein hochsensible Situation, die er einfühlsam vermittelt: Man könnte eine Stecknadel fallen hören. "Keinen Fehler gefunden", hat die Jury in seinem Vortrag. "Das hast du wunderbar gemacht!", so Tim Gailus. Henri ermuntert die anderen Finalist:innen, die noch nach ihm dran sind: "Die Aufregung ist schnell verflogen. Ihr müsst euch keinen Stress machen!" Aus Bayern liest Sara Meryem Önem (Klenze-Gymnasium). Unaufgeregt und textsicher nimmt Sara die Zuhörer:innen mit in die Welt von Siobhan McDermotts "Paper Dragons" – "Gänsehaut", konstatiert Yuki als Reaktionen aus dem Publikum. 

Die längste Anreise hatte Lotte Prinzler (Goethe-Gymnasium) aus Mecklenburg-Vorpommern – 14 Stunden hat die Fahrt gedauert. "Als du erzählt hast, wie lange ihr hierher gebraucht habt, dachte ich, du bist aus Los Angeles angereist", staunt Simón Albers. Ihre Energie hat Lotte dennoch nicht verloren: Direkt die ersten Worte schreit sie mit Kommandoton ins Mikrofon, sodass das Publikum zusammenzuckt, dann erschrocken auflacht. Als herrische Küchenmeisterin aus Ann Sei Lins "Rebel Skies" (arsEdition) erweckt sie die unangenehm bedrohliche Situation zum Leben. "Ich dachte, ich kriege hier den Anschiss und ich habe einen Fehler gemacht", sagt Josi Wismar; so stark wurde sie von Lotte in die Geschichte hineingezogen. Auch Milena Wagner aus Hessen (Gesamtschule Solms) schreit, allerdings den letzten Satz ihrer Textstelle. Vorher passte die hessische Landessiegerin Lesegeschwindigkeit, Tempo und Spontanität jedem Satz gemäß an. Wie schnell sie dabei die Stimmlagen wechseln kann – von keifend-hell bis piepsig-naiv –, nötigt Respekt ab. "Lies sie weg!", steht auf den Schildern, mit denen ihre Klasse Milena anfeuert. "Du hast das nicht nur gelesen, sondern vorgetragen und vorgelebt. Man merkt, dass du auch Theater spielst", ist Juror Wolfram Kons voll des Lobs.

"Bücher dürfen gute Laune machen"

Nora Mungard, (Luisen-Gymnasium Bergedorf; Hamburg) macht die unterschiedlichen Charaktere der Figuren hörbar: hier die selbstbewusste Freundin, dort die deutlich zögerlichere Protagonistin. "Bücher dürfen gute Laune machen – und du hast es richtig gut getroffen!", meinte Juror Tim Gailus zur Buchauswahl der Hamburgerin Nora Mungard. Aus Brandenburg tritt Emil Vogt (Grundschule Putlitz) an, der in den ersten Runden gar nicht glauben konnte, dass er tatsächlich weiterkommt. Dass er im Finale steht, realisiert er inzwischen. Scheinbar nüchtern inszeniert er die Textstelle aus "Wir zwei gegen die Pissratten" - aber überall schimmern satirische Untertöne, Spannung, Angefasstsein und Empörung durch – ausgewogen und nuanciert vorgetragen.

Lill Larsen aus Rheinland-Pfalz (Alfred-Grosser-Schulzentrum) liest aus dem Buch "Jojo & Cordelia – Mein überraschend echtes Leben (als KI)" und erweckt die Figuren – darunter eine echte KI – mit geschickt variierten Tempi, langsam gedehnten Sätzen und ausdrucksstarken Dialogen zum Leben. Last but not least darf Mila Neumann aus Bremen (Oberschule Am Barkhof) lesen. Das lange Warten auf ihren Auftritt merkt man ihr nicht an; sie vertieft sich in den Text und wirkt, als wäre sie gar nicht mehr auf der Bühne, sondern mitten in der Geschichte, deren Spannung sie mit kontrolliertem Tempo und konzentrierter Stimme spürbar macht.

Diese vielen starken Auftritte machen es der Jury gar nicht so leicht, eine Entscheidung zu treffen. Doch nach eingehender Beratung, kommen die Juror:innen zurück auf die Bühne und verkünden den Bundessieger des Vorlesewettbewerbs: Henri Wüstenberg aus Nordrhein-Westfalen.

Henri Wüstenberg

Der glückliche Sieger: Henri Wüstenberg

Zum Vorlesewettbewerb 2025/2026

Am 67. Vorlesewettbewerb beteiligten sich bundesweit erneut über 560.170 Schüler:innen aus rund 28.023 sechsten Klassen von etwa 7.195 Schulen. Der Weg der Finalist:innen führte von den Schulentscheiden über Stadt-/Kreis-, Bezirks- und Länderebene bis zum Bundesfinale.

Vorlesewettbewerb Abschlussfoto

Abschlussbild mit allen Finalist:innen, Jury und Special Guest Eko Fresh

Zum Vorlesewettbewerb

1959 von Erich Kästner mitbegründet, ist der jährlich stattfindende Vorlesewettbewerb einer der größten Schulwettbewerbe Deutschlands. Der Vorlesewettbewerb wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels veranstaltet und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Auch in diesem Jahr unterstützen darüber hinaus Sparda-Banken in vier Regionen die Aktion.

Der Wettbewerb soll Begeisterung für Bücher in die Öffentlichkeit tragen, die Lesekompetenz von Kindern stärken und diese somit dabei unterstützen, ihren Horizont zu weiten, gesellschaftliche Veränderungen einzuordnen und Offenheit für Neues zu entwickeln. Auf www.vorlesewettbewerb.de/der-wettbewerb/buchempfehlungen veröffentlicht die Stiftung Buchkultur und Leseförderung daher außerdem kuratierte Lesetipps zu zahlreichen Themen – auch abseits der bekannten Kinderbuchklassiker.  

Social Media

Facebook: @Vorlesewettbewerb

Instagram: @Vorlesewettbewerb

Hashtags: #vorlesewettbewerb, #vlw26