Buchmesse-Podium zu Urheberrecht und KI

"Jetzt ist die Zeit, zu handeln"

12. Oktober 2026
Sabine Cronau

Wie verändert Künstliche Intelligenz die Spielregeln der Branche? Das war ein zentrales Thema der Messe. Politische Rückendeckung im Kampf gegen den Raubzug der Tech-Konzerne gab es auf der "Dialogue Stage" in Halle 4 am Messe-Donnerstag.

Blick aufs Messepodium

Podiumsrunde zur KI-Regulierung - mit Johannes Christian Wichard vom Bundesjustizministerium und EU-Parlamentarierin Nela Riehl

"Transparenz, Kontrolle, Vergütung: Es geht darum, ein ausgewogenes Ökosystem aufzubauen. Im Austausch dazu bekommen die Tech-Konzerne qualitätvolle Inhalte fürs Training ihrer Modelle": Johannes Christian Wichard, Ministerialdirektor im Bundesjustizministerium, brachte am Messe-Donnerstag auf den Punkt, wie und warum kreative Arbeit im KI-Zeitalter geschützt werden sollte. Wichard gehörte zu den Gästen beim Börsenvereinspodium: „Erst die Klage, dann die Regulierung? Welche Lücken in der KI-Regulierung jetzt geschlossen werden müssen.“

Rechtskräftige Urteile werden frühestens in vier bis fünf Jahren vorliegen - auf der Basis von KI-Modellen, die dann längst überholt sind. 

Rainer Dresen, Justiziar der Penguin Random House Verlagsgruppe

Für den Aufbau des vorgeschlagenen Ökosystems laufen den Kreativbranchen im Moment allerdings die Zeit und die technische Entwicklung davon. Die GEMA als Verwertungsgesellschaft für Musikrechte hat bislang zwei KI-Verfahren in erster Instanz gewonnen – gegen Open AI (ChatGPT) und gegen den KI-Musikgenerator Suno. 

Das Münchner Landgericht kam zu dem Ergebnis, dass die unlizenzierte Nutzung geschützter Musikwerke zum Training der KI-Modelle gegen das deutsche Urheberrecht verstößt (mehr dazu hier und hier). Ähnliche Klagen laufen im Buchbereich: Die Penguin Random House Verlagsgruppe ist zusammen mit Autor Ingo Siegner und seinem "kleinen Drachen Kokosnuss“ (cbj) gegen Open AI vor Gericht gezogen (mehr dazu hier), der Bonnier-Verlag Carlsen gemeinsam mit Autor Marc-Uwe Kling und Illustratorin Astrid Henn Klage (das „NEINhorn“, mehr dazu hier). 

Rainer Dresen, Justiziar bei Penguin Random House in München, rechnet jedoch damit, dass frühestens in vier bis fünf Jahren ein rechtskräftiges Urteil vorliegt – "auf der Basis von Modellen, die dann längst überholt sind." Sein GEMA-Kollege Kai Welp machte in Frankfurt deutlich: "Trotz unserer Klagen und ersten Erfolge sind wir deshalb auf den Gesetzgeber angewiesen."

Die Zahl der Klagen steigt, die Verantwortung liegt jetzt beim Gesetzgeber.

Katharina Uppenbrink, Initiative Urheberrecht

Im Kulturausschuss des EU-Parlaments hat man das Problem längst erkannt: Die "Richtlinie über das Urheberrecht und die verwandten Schutzrechte im digitalen Binnenmarkt" stammt aus dem Jahr 2019 – "da war Chat GPT noch gar nicht öffentlich zugänglich", so EU-Parlamentarierin Nela Riehl (Fraktion Die Grünen / EFA), Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung. 

Die EU-Kommission plant, Anfang 2027 einen Entwurf für eine Neuregelung des Urheberrechts im KI-Zeitalter vorzulegen. Die Kreativindustrie wartet schon darauf: "Die Zahl der Klagen steigt, die Verantwortung liegt jetzt beim Gesetzgeber", betonte Katharina Uppenbrink, Geschäftsführerin der Initiative Urheberrecht. 

Die Welt muss dabei keineswegs neu erfunden werden. Beim Nutzungsvorbehalt gegen das Text-and-Data-Mining beispielsweise geht es vor allem um die Durchsetzung bestehenden Rechts. Schon heute können Verlage ihr "Opt-out" aus dem TDM erklären, auf das sich die Tech-Konzerne in Europa beim Training ihrer Modelle berufen. Aber offenbar setzen sich die Crawler der KI-Modelle ungeniert darüber hinweg. 

Die Regelungen müssen für die gesamte Kreativbranche passen – aber jede hat ihre eigenen Herausforderungen.

Nela Riehl, Abgeordnete im EU-Parlament und Vorsitzende des Kulturausschusses

Dass der Nutzungsvorbehalt, den die Rechteinhaber gegen das TDM einlegen können, "offensichtlich nicht funktioniert", räumte auch Johannes Christian Wichard vom Bundesjustizministerium ein. Hier müsse nachjustiert werden, etwa mit einer Beweislastumkehr. 

Verloren ist aus seiner Sicht noch nichts: "Das Urheberrecht hat schon einiges durchgestanden und sich entsprechend angepasst", so Wichard, der etwa auf die Regelungen für Privatkopien und auf die Online-Piraterie in den 90er Jahren verwies. 

Kreative Arbeit zu schützen und zu vergüten – ohne die Arbeit mit KI zu unterbinden (auch für die Kreativen): Das ist für die EU-Abgeordnete Nela Riehl ein Balanceakt im anstehenden Gesetzgebungsverfahren. Ein weiterer: "Die Regelungen müssen für die gesamte Kreativbranche passen – aber jede hat ihre eigenen Herausforderungen."

Dennoch weiß auch Riehl: "Jetzt ist die Zeit zu handeln." Urheber:innen bräuchten eine faire Entlohnung für die Nutzung ihrer Werke – nicht nur für das Training mit ihren Daten, sondern auch für den "Output", also für die Ergebnisse, die Large Language Modelle aus dem gesammelten Datenschatz erstellen. 

"Erst werden die Werke aufgesogen, dann substituiert": So fasste Katharina Uppenbrink das aktuelle Dilemma der Kreativbranchen zusammen. Bestes Beispiel dafür: die vielen KI-generierten Bücher, die derzeit die großen Plattformen fluten. 

Frankfurter Appell: Jetzt unterzeichnen!

Datentransparenz und wirksame Instrumente zur Rechtsdurchsetzung des Nutzungsvorbehalts: Das forderte die Buchbranche zum Auftakt der Messe auch in einem "Frankfurter Appell", der bereits von mehr als 100 Verlagen unterstützt wird und hier unterzeichnet werden kann.